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Aufzeichnung einer inneren Abkehr

Zehn Mal hat Christa Wolf die Sowjetunion besucht. Die „Moskauer Tagebücher“ geben Auskunft über den Wandel der bekanntesten DDR-Autorin zu einer kritischen Beobachterin der angeblich sozialistischen Verhältnisse.

Christa Wolf.
Bernd Wüstneck/Archiv Christa Wolf.

„Ich fahre sehr reich beschenkt nach Hause, voller Dankbarkeit, voller neuer Einsichten…“, schrieb sich Christa Wolf nach ihrem ersten Besuch der UdSSR im Jahr 1957 auf. - 1981 verspürte sie „Zeichen meines inneren Zögerns“, eine solche Reise anzutreten. Da hatte sie das Land längst abgeschminkt. - 1987 fand Wolf die „Russen auf der Suche nach ihrer Seele“, tief in der Perestroika. - Im Oktober 1989, während ihres letzten Aufenthalts in der (Noch)-Sowjetunion, war die bekannteste DDR-Autorin unruhig, nervös, denn nun fand der politische Umbruch in der Heimat statt, und Tochter Annette hatte gerade eine Nacht im Knast verbracht.

Von den Zwängen des Ostens und seiner Literatur

Zehnmal besuchte Christa Wolf (1929-2011) die UdSSR, und die soeben erschienenen „Moskauer Tagebücher“ geben Auskunft über den Wandel von einer naiv begeisterten Mittzwanzigerin zur wachen, kritischen Beobachterin der angeblich sozialistischen Verhältnisse beim „großen Bruder“ (und daheim). Der Schriftsteller Gerhard Wolf, Ehemann der Autorin, stellte zu den Reise-Einträgen zeitgeschichtliche Einordnungen sowie Fotos, Texte und Briefe von Freunden, wie den Dissidenten Lew Kopelew und Efim Etkind. All das ergibt: Ein erhellendes Buch. Wer etwas über den Osten und die Zwänge seiner Literatur erfahren möchte, sollte es lesen.

Wolf auf einem Schriftstellerkongress, „eine einzige, ziemlich ungemilderte Qual“. Wolf als Touristin mit Dostojewskis Enkel unterwegs. Wolf am Grab der Lyrik-Ikone Achmatowa. - Zunächst ausführlich und im Selbstdialog, dann knapper, bisweilen im Stenogramm-Stil, notierte Christa Wolf, was sie bei Empfängen und Touren kreuz und quer durch das vielgesichtige Riesenreich erlebte. Und was sie darüber dachte. „Man will jetzt hier endlich selbst leben, hat die Entbehrungen um irgendwelcher Ideen willen satt“, vertraute sie 1966 ihrem Tagebuch an. Unzufriedenheit wuchs zu einer inneren Abkehr: Nicht vom Ideal, doch von der Realität des Sozialismus mit all ihrer Demagogie und Erbärmlichkeit.

Das „herrliche Klosett im Kreml“

Später musste Christa Wolf erfahren: Die Sicherheitsdienste registrierten, dass sie ihre Besuche auch für private Treffen mit Regime-Kritikern wie Kopelow nutzte und die „falschen“ literarischen Freundschaften entstanden. Ausgerechnet diese Freunde verteidigten sie, als Anfang der 1990er Jahre ihre eigene kurze Kooperation mit der Stasi in jungen Jahren offenbar wurde.

Interessant, mitunter erheiternd: Wolf-Sätze zu mitreisenden Kollegen. Anna Seghers, bis 1978 Präsidentin des DDR-Schriftstellerverbandes, sprach vom immerhin „herrlichen Klosett im Kreml“. Erwin Strittmatter „macht sich im gewöhnlichen Leben stärker als er ist und sein kann“. Und Brigitte Reimann sei ein „Kapitel für sich.“ Die werde „immer nur über sich selbst schreiben können: ein großes Handicap.“ Die beiden Frauen mochten einander und blieben in Kontakt.

Zum Reizvollsten der „Moskauer Tagebücher“ zählen Christa Wolfs Aufzeichnungen über das erste Zusammentreffen mit dem Schweizer Weltautor Max Frisch während einer Wolga-Fahrt 1968. Christa Wolf: „Viel getrunken an dem Abend, am nächsten Morgen ist mir sehr schlecht. Frisch fragt: Grüßen wir uns eigentlich noch?“ Bei Wodka hatte man diskutiert, was einen „anständigen Menschen“ auszeichne. Die Notate von Frisch, einem begnadeten Tagebuchschreiber, sind dazugesetzt: „Ich begrüße Christa Wolf (DDR) und spüre Mißtrauen.“ Die durchzechte Nacht war der Beginn eines jahrzehntelangen Gedankenaustauschs.

 

Christa Wolf: Moskauer Tagebücher.
Suhrkamp Verlag Berlin, 2014.
268 Seiten. 22,95 Euro.
ISBN 978 – 3 – 518 – 42423 – 0.

 

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