Berliner singen für ihre Nachbarn:

Balkone werden zur Showbühne

Ob Profi oder Wohngemeinschaft - bei der „Nacht der singenden Balkone“ durfte jeder sein Können zeigen. Die Anwohner kamen für die Showeinlagen auf ihren Balkon - und waren selbst überrascht von der Menschenmasse vor ihrem Haus.

Ein klassisches Stück des Sängers Joseph Schnurr hören sich viele Menschen von einem Fußgängerweg in Berlin-Friedrichshain an.
Rainer Jensen Ein klassisches Stück des Sängers Joseph Schnurr hören sich viele Menschen von einem Fußgängerweg in Berlin-Friedrichshain an.

Paula steht auf ihrem Balkon im Scheinwerferlicht. Eigentlich wollte sie den rund 400 Menschen, die unten auf der Straße in Berlin-Friedrichshain stehen und die Hälse nach ihr recken, einen Film vorführen. Aber der Beamer ist ausgefallen. Jetzt will sie singen - DAS Lied ihrer Jugend, wie sie dem Publikum nervös zuruft: „Wonderwall“ von Oasis. Wenig später steht Paula mit einer Wunderkerze winkend und einem Mikro in der Hand auf dem Balkon. Vor ihr, unten auf der Straße, schallt es aus Hunderten Mündern: „And after aaaall - you're my wonderwaaaall...“Am Ende des Liedes bekommt Paula tosenden Applaus und Jubel, dazu noch ein Fahrradklingelkonzert. Es ist einer der ersten Auftritte bei der Aktion „Nacht der singenden Balkone“. Dabei wurden am Samstagabend 38 Balkone in Friedrichshain, wo besonders viele Künstler und Kreative leben, zu kleinen Musik- und Showbühnen. Das Publikum zieht mit einer von drei geführten Touren von Balkon zu Balkon, um die Darbietungen zu sehen. Jeder, der sich vorher angemeldet hat, darf mitmachen - egal, ob Profi oder Wohngemeinschaft.

Joseph Schnurr, professioneller Opernsänger, steht auf seinem Balkon im vierten Stock und singt „O sole mio“. Das Publikum lauscht auf der anderen Straßenseite beinah ergriffen. Auch die vorbeirauschende Straßenbahn und hupende Autos ändern das nicht - sie tragen eher zur besonderen Atmosphäre der „Singenden Balkone“ bei.

Vorbild war eine ähnliche Aktion in Hamburg

„Einfach überwältigend“, sagt Volker Siems und schaut staunend auf die Menschenmenge. Er ist der Initiator der Veranstaltung. Dahinter steckt die Plattform „Polly & Bob“, bei der es um Nachbarschaftliches wie Gratis-Babysitting und Büchertausch geht. „Wir wollen uns gegen Vereinzelung stemmen, Anonymität aufbrechen, die Menschen zusammenbringen.“

Dass so viele kommen würden, habe er nie gedacht. Bei den drei Touren seien insgesamt mehr als tausend Menschen unterwegs. Vorbild war eine ähnliche Aktion in Hamburg. „Und vielleicht können wir das irgendwann in Städten in der ganzen Republik zeitgleich, an einem Abend machen. Das wäre doch toll.“

Das Publikum zieht weiter durch den Kiez. Auf den Balkonen jodelt eine Frau im Dirndl, eine Wohngemeinschaft sing „Stand By Me“, eine ganze Familie stimmt „Ein Männlein steht im Walde“ an. Und in einem Park trällert der Kiezchor Weserstraße 80er-Jahre-Disco-Hits.

Mehrere Autofahrer wundern sich über den Pulk von Menschen, der mitten auf der Straße steht - den Blick meistens nach oben gerichtet. Rollstühle, Kinderwagen und Fahrräder werden durch die Straßen geschoben, Kinder und Erwachsene laufen kreuz und quer. Die Polizei mischt sich ein und bittet um mehr Vorsicht. Beim nächsten Mal müsse man das noch anders organisieren, meint Siems. Dann soll die „Nacht der singenden Balkone“ zudem im Sommer stattfinden.

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