Interview zur Theaterreform:

Braucht es überhaupt Musiktheater in der Region?

Operndirektor Wolfgang Lachnitt verantwortet eine Sparte am Landestheater Neustrelitz, die es nach der Neuordnung nicht mehr geben soll. Marcel Auermann hat sich mit ihm über diesen Konflikt unterhalten.

Operndirektor Wolfgang Lachnitt blickt mit großen Sorgen in die Zukunft, was das Musiktheater anbelangt.
Joerg Metzner Operndirektor Wolfgang Lachnitt blickt mit großen Sorgen in die Zukunft, was das Musiktheater anbelangt.

Sie stecken mitten in der heißen Probenphase zur Mozart-Oper „Don Giovanni“, die am 24. Januar  in Neustrelitz Premiere feiert. Wie kreativ und frei für künstlerische Arbeit kann man sein, wenn einem bewusst ist, dass das Musiktheater in unserer Region wahrscheinlich vor dem Aus steht?

Zum einen stärkt die Kraft stetig steigender Zuschauerzahlen sowie der regionale und überregionale Zuspruch, den unser Musiktheaterensemble gerade in dieser brisanten, existentiellen Situation in so hohem Maße erfährt den Freiraum für die künstlerische Arbeit, zum anderen führen extreme Situationen ja oft zur Freisetzung einer besonderen Kreativität. Die Proben zu „Don Giovanni“ sind geprägt von der Faszination und der Lust der „Eroberung“ dieses Meisterwerkes der Opernliteratur.

Wie viele Opern und Sommerfestspiele wird das Publikum im Nordosten noch erleben dürfen?

In der laufenden Saison bieten wir nach der „Lustigen Witwe“ und den „Perlenfischern“ dem Publikum noch vier weitere Neuinszenierungen und als große Festspielproduktion im Sommer den Musicalklassiker „Hello Dolly“ mit Dagmar Frederic in der Titelpartie. In der Spielzeit 2015/16 dürfen sich die Musiktheaterfreunde wiederum über sechs Neuproduktionen, die Sommeroperette auf dem Schlossberg und die Wiederaufnahme von vier erfolgreichen Inszenierungen freuen. Alles weitere hängt dann von den Entscheidungen der politisch Verantwortlichen ab.

Die bisherigen Zukunftskonzepte sehen singende Schauspieler vor anstatt Sänger mit einer brillant ausgebildeten Stimme. Ist das ein Stich ins Herz eines leidenschaftlichen Operndirektors?

Die Sparte „Musikalisches Schauspiel“ – was soll das inhaltlich heißen – gibt es im deutschen Theatersystem nicht. Ein ernsthaftes Nachdenken über ein solches „Gebilde“ verbietet sich mir. Es scheint dies vielmehr ein Etikettenschwindel, mit dem offensichtlich der Eindruck erweckt werden soll, dass es in Neustrelitz, sollte das Eckwertepapier der Landesregierung umgesetzt werden, weiterhin einen produzierenden „Musiktheaterstandort“ gibt, der diesen Begriff nicht verdient. Ohne ein Sängersolistenensemble, einem professionellen Opernchor, ohne die Mitwirkung der Neubrandenburger Philharmonie und der Tanzkompanie bei Musiktheateraufführungen, wird es ein vergleichbares Angebot auf dem erreichten hohen Niveau in Eigenproduktionen, die den gesamten Bereich des Musiktheaters abdecken, am hiesigen Standort nicht mehr geben können.

Gerade die Festspiele strahlen weit über die Region, ja die Landesgrenzen hinaus aus. Besucher kommen selbst aus Brandenburg und dem Großraum Berlin nach Neustrelitz. Die Besucher lassen viel Geld in der Stadt, übernachten womöglich, etliche Künstler quartieren sich hier ein. Wenn es künftig all diese Veranstaltungen nicht mehr gibt, fehlt der Region mehr als nur kulturelle Identität. Wird also der Wirtschafts- und Tourismusfaktor in der Diskussion gar nicht bedacht?

Ein funktionierendes Vierspartentheater, mit der regionalen Verwurzelung seiner Mitarbeiter, ist natürlich ein Standortfaktor, kulturell, touristisch und sozial. Wer hier spart, opfert leichfertig Zukunftsressourcen in einer von Strukturschwächen geprägten Region. Indes, Gedanken zur Identität eines Kulturraumes, den die TOG Neubrandenburg/Neustrelitz mit bis zu 130 000 Zuschauern im Jahr erreicht, und über Kultur als Wirtschafts- und Tourismusfaktor lese ich im Eckwertepapier der Landesregierung nicht. Vielmehr bekundet der Vorschlag das Desinteresse der Macher an regionaler Kultur und einer kulturellen Vision.

Die Sommeroperette 2014, „Der Graf von Luxemburg“, hat die Besucherzahlen der vergangenen Jahre übertroffen. Mit einem breit aufgestellten Angebot und stetig steigenden Zuschauerzahlen auch im Landestheater fesselt das Musiktheater. Wie lässt es sich plausibel erklären, dass die Politik gerade diese Sparte bald komplett abrasiert?

Eine inhaltlich plausible Erklärung für Spartenstreichungen gibt es nicht. Die Unesco-Kommission hat unlängst die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft zum Kulturerbe erklärt und würdigt dieselbe mit Ihren historisch gewachsenen Kulturen als Ausdruck lebendiger künstlerischer Kreativität. Die lokale und regionale Verankerung von Theatern und Orchestern sei identitässtiftend und trage wesentlich zur Kraft und Ausstrahlung der Kulturlandschaft Deutschland bei. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Bei Neuordnungen geht es immer auch um Geldeinsparungen. Was wäre für Sie die praktikabelste Lösung, um den Glanz des Musiktheaters in dieser ohnehin kulturell darbenden Region zu erhalten, aber dennoch denen entgegenzukommen, die penibel genau die Kontoauszüge studieren?

Erstens: Nur 0,48 Prozent des Gesamthaushaltes werden für sämtliche Theater Mecklenburg- Vorpommerns ausgegeben. Zweitens: Die Argumentation der Unterfinanzierung wird geführt auf der Basis der seit 1994 eingefrorenen Zuschüsse der Landesregierung, und vor dem Hintergrund eines bereits erfolgten massiven Stellenabbaus in den vergangenen Jahren sowie wiederholtem Lohnverzicht der Belegschaft. Drittens: Die Landesregierung fordert von den Kommunen mehr Geld bereitzustellen, was bei einer Umsetzung des Eckwertepapiers eine massive Reduzierung des Angebotes bedeutet, für das die Kommunen letztendlich dann im Verhältnis mehr Geld bezahlen sollen. Mit dem Vorschlag der Gewerkschaften DOV (Orchester), GDBA (Solisten, Schauspieler/Sänger) und VdO (Opernchorsänger und Bühnentänzer) sowie dem durch das Theater-Netzwerk MSE und dem Förderverein Landestheater Mecklenburg e.V. erarbeiteten Machbarkeitsmodell liegen Vorschläge auf dem Tisch, die auf politischer Ebene als Verhandlungsgrundlage für weitere Gespräche mit der Landesregierung diskutiert und genutzt, und nicht leichtfertig abgetan werden sollten.

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