Casting für Film über Mauerfall:

„DDR-Bürger“ für neuen Film gesucht

Fernsehbilder von der Grenzöffnung 1989 sorgen noch immer für tiefe Emotionen. Nun wird ein Fernsehfilm gedreht über die Nacht des Mauerfalls. Wie kommt man dafür an Hunderte Frauen und Männer, die mitspielen?

Die Agentur registriert die Bewerber.
Lukas Schulze Die Agentur registriert die Bewerber.

Die Jeansjacken sind mit Stickern von Modern Talking und Alphaville aufgepeppt, sie trägt ihre langen blonden Haare gewellt, auf dem Hinterkopf sitzt ein Zopfgummi in neonrosa. Über den schwarzen Leggins umhüllen grüne Stulpen mit Silberfäden die Waden. Für Annett Necke und Michael Spinnen ist das Lebensgefühl der 80er-Jahre wieder voll da. „Ich fühle mich in meine Jugend zurückversetzt“, sagt die 41-jährige Buchhalterin aus Weißenfels. Genau so soll es sein, denn heute sind „DDR-Bürger“ gefragt – oder solche, die danach aussehen.

1500 Komparsen werden in Magdeburg gesucht für einen Fernsehfilm über den Abend und die Nacht der Maueröffnung am 9. November 1989. Regisseur ist Christian Schwochow („Der Turm“). Gedreht werden soll im September und Oktober in und um Magdeburg.

In das große Hotel im Zentrum Magdeburgs – zu DDR-Zeiten Stadt des Schwermaschinenbaus – kamen am Wochenende Hunderte Menschen. Jeder füllte einen Zettel mit persönlichen Angaben samt Kleidergrößen aus und ließ sich fotografieren. Annett Necke und Michael Spinnen gehörten zu den wenigen, die herausstachen. Viele erfüllten einfach die Ausschlusskriterien der Castingfirma: keine modernen Frisuren, keine bunt oder gesträhnt gefärbten Haare, keine Solariumbräune. Auch sichtbare Tattoos oder Piercings waren Tabu. Und: Frauen durften keine künstlichen Fingernägel haben.

„Gesucht werden Hunderte VoKuHiLas, Schnauzbärte, Frauen mit Dauerwellen oder Kurzhaarfrisuren“, hieß es in Aufrufen. Angesprochen fühlte sich auch Lutz Ratzeburg. Mit Wolfgang-Petry-Frisur sieht sich der 52-jährige Magdeburger als geeigneter DDR-Bürger im Film. „Meine Haare passen von Woodstock bis zum Mauerfall.“ Die Matte trage er schon immer. Der Eisenbahner warf einen kritischen Blick auf die anderen Bewerber. „Viele passen hier gar nicht rein, aber wir brauchen ja auch Stasi-Generäle“, sagte Ratzeburg forsch.

Ein Mitarbeiter des Castingteams war froh, dass nur wenige Damen mit roten oder grünen Haaren kamen. Aber gehen die anderen als „DDR-Bürger“ durch? „Wenn sie in der Abteilung Kostüme und Maske waren, werden sie so aussehen“, sagte er. Michael Spinnen mit Alphaville auf der Jeansjacke wurde denn auch von seiner blonden Partnerin geoutet. Erst 1993 kam er das erste Mal in den Osten. Das hält ihn aber nicht davon ab, einen DDR-Bürger darstellen zu wollen.