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Den digitalen Teufel an die Wand gemalt

Kult-Kauz Thomas Pynchon hat einen abgefahrenen New-York-Roman über die Moderne von Manipulation und Verbrechen geschrieben. Das Phantom unter den US-Großautoren legt „Bleeding Edge“ vor.

Rowohlt Verlag

Alle Jubeljahre jubeln die Jünger: Thomas Pynchon, legendenumranktes Phantom unter den US-Großschreiber, beschenkt seine Gemeinde kiloschwer. Versetzt freilich den Rest der Weltleserschaft in Verwirrung. Sein jüngster Roman indes, „Bleeding Edge“, empfiehlt sich geradezu als Einstiegsbuch in die „Pynchoniade“, ein Œuvre der literarischen Waagnisse und Verrücktheiten. Eingängiger schrieb der Kult-Kauz, der sich seit einem halben Jahrhundert erfolgreich vor der Öffentlichkeit drückt und allenfalls als gelbe Simpsons-Zeichentrickfigur mit Tüte überm Kopf auftaucht, selten. Was nicht heißt, hier würden der Denkfäulnis rote Teppiche ausgerollt. Es könnte unübersichtlich werden. Aber langweilig? Niemals!

Mundwerk der Ermittlerin ist waffenscheinpflichtig

Story? Plot? Für Pynchon flexible Begriffe. Diesmal ist er - nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 bis in die Folgewochen des 11. Schreckens-September 2001 - mit der nicht mehr taufrischen Maxine Tarnow in New York unterwegs. Die hat sich als freischaffende Ermittlerin Respekt in der Betrugsbranche verschafft. Allein ihr Mundwerk ist waffenscheinpflichtig, die Beretta-Beule in der Handtasche täte gar nicht not. Maxine meint, alles hinter sich zu haben: Geldeintreiber, Steuersünderlein, kleine PIN-Abgreifer, Möchtegern-Gangster mit Versager-Kodex („Verpfeif keinen, bevor du wirklich musst!“). Als sie sich für die Finanzen der Computer-Sicherheitsfirma hashlingrz.com und deren fieser Ratte von Boss interessiert, entwickeln sich die Dinge allerdings rasant zum Unguten. Rektales Unbehagen! Zumal sich Maxine nicht allein ums eigene Leben sorgen muss, sondern auch um das zweier überaus patenter Stammhalter und ihres Ehemanns Horst, der treulosen Tomate.

Wimmelnde Finsternis des World Wide Web

Ein Dokumentarfilmer und ein doppelt so paranoides Software-Genie haben in der Buchhaltung besagten Unternehmens etwas Eigenartiges gefunden, und Maxine begibt sich neugierig in die wimmelnde Finsternis der Keller-Etagen des World Wide Web. Eine Parallelgesellschaft an Nerds, Crawlern, Geeks, lebendigen Toten, toten Lebendigen geht dort undurchsichtigen Geschäften nach. Die oberirdische Recherche ist nicht weniger unterweltlich: In Etablissements mit Frauen in Shorts, „kürzer als ein Kiffergedächtnis“, und mit „zweckdienlich in der Luft“ hängendem Cannabisgeruch tummelt sich eine Armee von Problemmachern und -lösern. Einer, ein Berufsriecher, hat einen nasalen Hang zu Hitlerdevotionalien. Der Russenmafioso Igor und seine rostfrei grinsenden Gorillas Mischa und Grischa kommen ganz nett rüber - eigentlich. Einen Undercoverkiller, bei Arbeitgeber Staat in Ungnade, findet Maxine zum Sich-Ihm-Hingeben. Kurz, ein Großaufgebot an herr- bis grauslichen Schurken, nicht jeder entgeht seiner Abmurksung.

Doch was, bitteschön, geht hier vor? So viel ist sicher: Etwas Übles. Womöglich ein globales Schneeballsystem des Verbrechens. Die Brutalo-Softwarefirma hashlingrz - Champion der Täuschungsmanöver - vertickt offenbar ein stark risikobehaftetes Spähprogramm an den US-Geheimdienst, das so ziemlich alles ermöglicht, von Geldwäsche bis Terror-Tüfteleien. Nicht auszuschließen, dass die Sache auch mit dem Nahen Osten zu tun hat. Der Autor spielt mit dem All an Verschwörungstheorien um den 9/11.

Whistleblower Snowden lässt grüßen

Der Wirrwarr hat Methode. Thomas Pynchon, einer linken Althippie-Denke unfern und auf verschrobene Weise ein Moralist, checkt in den frühen Tagen des Internets den Spätkapitalismus und malt den digitalen Teufel an die Wand. Totale Überwachung. Whistleblower Snowden lässt grüßen.

Keine Bange, Pynchon sorgt dafür, dass das Grundgefühl beim Leser nicht ins unerträglich Beklemmende abdriftet. Der Meister des Stilbruchs erweist sich mit 77 als jung wie nie. Legt ein Irrsinnstempo vor. Komplexe Internetkunde durchsetzt er mit wild-witzigen Dialogen und fantastischen Blödeleien. Markenfetisch und Rabattkämpfer werden durch den Kakao gezogen, es gibt unzählige Anspielungen auf Film, Pop, Promi-Klatsch. Jennifer-Aniston-Frisuren sind gerade angesagt. Was der Übersetzer ins Deutsche, Dirk van Gunsteren, da geschafft hat, grenzt ans Geniale.

Lovestory mit New York

Nebenbei hat Thomas Pynchon eine Lovestory laufen. Mit New York. Dem New York, in dem Ausheulbars für Unbehauste, Pornokinos für Ungeliebte und Spielhallen für Schulschwänzer von der „Stadtentwicklung“ noch nicht zugunsten von Yuppie-Baukunst platt gemacht worden sind. „Hauptstadt der Schlaflosigkeit.“

 

 

Thomas Pynchon: Bleeding Edge. Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg, 2014. 608 Seiten. 29,95 Euro. ISBN 978 – 3 – 498 – 05315 – 4.

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