Neues Buch über Jürgen Klinsmann:

Der Architekt des vierten WM-Titels

Auf dem Höhepunkt der Fußball-Euphorie, mitten im Sommermärchen 2006, warf Teamchef Jürgen Klinsmann das Handtuch. Viele nahmen ihm das übel. Ein Buch versöhnt jetzt mit dem Kicker-Idol.

Ohne die von Klinsmann ausgelöste Revolution, auch das geht aus Kirschbaums Buch hervor, wäre Deutschland 2014 vermutlich nicht Weltmeister geworden.
Marius Becker Ohne die von Klinsmann ausgelöste Revolution, auch das geht aus Kirschbaums Buch hervor, wäre Deutschland 2014 vermutlich nicht Weltmeister geworden.

Mit der Verehrung seiner Helden hat Fußball-Deutschland traditionell so seine Probleme. Insbesondere, wenn es um die Besetzung des wohl wichtigsten Postens im ganzen Kicker-Königreich geht, dem des Bundestrainers. Ein Job, den gefühlt Millionen Deutsche besser auszuüben vermögen als der jeweilige Amtsinhaber. Jürgen Klinsmann war von 2004 bis 2006 Teamchef der Nationalmannschaft. Zwei Jahre vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land übernahm der blonde Schwabe das Fußball-Zepter, schob nachhaltige Veränderungen an, die beim Deutschen Fußballbund DFB richtig schmerzten. Experten und Medien zerrissen den ehemaligen Spitzenstürmer dafür in der Luft, warfen jenem Trainer-Greenhorn Unerfahrenheit, Sturheit und – nach seinem überraschenden Rücktritt – Charakterschwäche vor. Auch das Fußball-Volk war stinksauer, als der Coach mitten in der größten Euphorie, während des Fußball-Sommermärchens 2006, das Deutschland mit einem dritten Platz beendete, freiwillig hinschmiss.

In seinem gerade erschienenen Buch „Jürgen Klinsmann. Fußball ohne Grenzen“ beschreibt der US-Journalist Erik Kirschbaum viele Brüche im Leben des ehemaligen Top-Angreifers, den schnellen Aufstieg, tiefen Fall und unaufhörlichen Wiederaufstieg eines Volkshelden. Anhand zahlreicher Interviews, die er zwischen 2004 und 2015 mit Klinsmann führte, kam Kirschbaum dem als unnahbar geltenden Schwaben näher als viele seiner Kollegen.

Er trainierte härter als die meisten seiner Mitspieler

Schon zu Beginn seiner Karriere war Klinsmann als Hitzkopf bekannt, einer der mit den Worten Goethes gesprochen eine Emotions-Skala von „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ binnen 90 Minuten an den Tag legen konnte. „Keiner bejubelte Tore mit so ungebremster Freude, keiner tat sich mit Niederlagen so schwer wie er“, beschreibt Kirschbaum die Leidenschaft des Schwabens für einen Sport, der für ihn ein „wunderbares Ventil“ war für „all die Energien, die ich hatte“, so Klinsmann gegenüber dem Journalisten.

Der Sohn eines Bäckers trainierte härter als die meisten seiner Mitspieler, investierte viel Zeit in Ausdauer, Fitness und Geschwindigkeit. Sein perfektes Timing, sein tödlicher Torinstinkt brachten den Schwaben mit der blonden Mähne bald einen langjährigen Stammplatz in der Nationalmannschaft ein.

Die Hälfte seiner Karriere kickte Klinsmann im Ausland (Mailand, Monaco, London) – auch das nahmen ihm Deutsche übel. Dort komplettierte er sein hohes Fußball-Können, binnen kürzester Zeit spielte Klinsmann sich in die Herzen der internationalen Fans. Die als gnadenlos bekannte britische Presse verunglimpfte ihn anfangs als „Schwalbenkönig“ – die größte Schmach für einen Stürmer. Nur Wochen später feierten ihn die Gazetten dann als ihren „Fußball-Kaiser“.

Er weichte verkrustete Strukturen gnadenlos auf

Seit dem Ende seiner aktiven Karriere 1998 lebt Jürgen Klinsmann der Familie zu Liebe in Kalifornien. Von dort aus trainierte er auch die deutsche Mannschaft, die er zu Zeiten größter Not 2004 als Teamchef übernahm. Er holte Psychologen, Manager, Therapeuten in die Mannschaft, weichte verkrustete Strukturen gnadenlos auf und initiierte einen attraktiven Angriffsfußball, für den Deutschland seither weltweit bewundert wird. Ohne die von Klinsmann ausgelöste Revolution, auch das geht aus Kirschbaums Buch hervor, wäre Deutschland 2014 vermutlich nicht Weltmeister geworden. Das hat selbst Bundestrainer Jogi Löw öffentlich unterstrichen.

Seit 2011 trainiert Klinsmann das US-Team. Und Kenner wie Erik Kirschbaum trauen ihm bei der Fußball-WM 2018 eine Sensation zu: Klinsmann hat „ein wichtiges Ziel, eines Tages die WM zu gewinnen".

 

Auf 388 Seiten nähert sich der US-Journalist Erik Kirschbaum dem Phänomen Klinsmann so deutlich und kenntnisreich wie wenige Autoren zuvor. „Jürgen Klinsmann – Fußball ohne Grenzen“ gibt es exklusiv auf mecklenbook.de, im Servicepunkt des Nordkurier und über die kostenfreie Bestellhotline 0800/1513030. ISBN: 978-3981133769. Preis: 19,95 Euro.

Jürgen Klinsmann als ...

... Spieler
Jürgen Klinsmann wurde am 30. Juli 1964 im baden-württembergischen Göppingen geboren. Im Alter von sechs Jahren begann er zu kicken. Seine Höhepunkte als Nationalspieler waren der Gewinn der Fußball-weltmeisterschaft 1990 und der Europameisterschaft 1996. Er spielte in Italien, Frankreich, England und in den USA. Seine Bilanz: In 221 Bundesligaspielen traf Klinsmann 110-mal ins Tor sowie bei 108 Länderspielen 47-mal. Damit gehört er zu den erfolgreichsten deutschen Stürmern aller Zeiten.

... Trainer
Nach der Weltmeisterschaft in Frankreich 1998 verließ Klinsmann die Nationalelf und beendete seine Spieler-Karriere. Im Sommer 2000 machte er die Lizenz als Fußball-Lehrer – bevor er am 28. Juli 2004 Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft wurde und das Team zur WM 2006 führen sollte. Seine radikalen Reformen als Trainer waren nicht unumstritten. Doch spielerisch konnte er Erfolge vorweisen, denn die Mannschaft gewann bei der WM gegen Portugal mit 3:1 den dritten Platz. Dafür bekam er von Bundeskanzlerin Angela Merkel das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht. Am 1. Juli 2008 übernahm Klinsmann die Pflichten als Cheftrainer beim FC Bayern München. Doch weil Erfolge ausblieben, wurde er frühzeitig aus dem Vertrag entlassen. Er kehrte in die USA zurück und wurde 2010 Berater für den FC Toronto, bevor er 2011 Trainer des US-Nationalteams wurde. Sein erklärtes Ziel ist der WM-Titel.

... Privatperson
Jürgen Klinsmann heiratete 1995 das ehemalige amerikanische Model Debbie Chin. Sie haben zwei Kinder und leben in Kalifornien – seiner Familie zuliebe, wie er oft betont hat. Strahlemann Klinsmann, einerseits knallharter Chef, andererseits intensiv mit seiner Kinderstiftung Agapedia sozial engagiert, war nie der bequeme Mitmensch. Unabhängigkeit bedeutet ihm alles. Keiner aus dem Fußball-Geschäft weiß genau, was in Klinsmann vorgeht. Ex-Bayer-Manager Uli Hoeneß bezeichnete den Spieler als „unbequemsten Verhandlungspartner“, der ihm je untergekommen ist.
 

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