Neuer Dokumentarfilm:

Der knorrige Alte aus Sachsen

Erich Loest steht wie kaum ein anderer Schriftsteller für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ein Dokumentarfilm würdigt sein Leben und findet sogar einen einigermaßen guten Sendeplatz.

Erich Loest mit dem Regisseur René Römer bei den Dreharbeiten am Leipziger Hauptbahnhof.
Avanga Erich Loest mit dem Regisseur René Römer bei den Dreharbeiten am Leipziger Hauptbahnhof.

Das ist der Erich Loest wie ihn viele kennen. Als René Römer den Schriftsteller zum Thema Tod fragt, spricht Loest auch über seine Beerdigung: "Keine Reden, keine Lügen, Champagner" - dies sei sein Wunsch. René Römer ist Autor und Regisseur des Dokumentarfilms "Erich Loest - Durch das Leben ein Riss", ein authentisches und zugleich berührendes Porträt über den Sachsen Erich Loest. Er sollte die Premiere des Films nicht mehr erleben. Wenige Tage nach den Dreharbeiten wählte der schwerkranke 87-Jährige den Freitod.

"Er ist für diesen Film an seine Grenzen gegangen"

Wie kaum ein anderer Autor steht Loests Leben exemplarisch für die Höhen und Tiefen deutsch-deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts. Deshalb auch der Titel, in Anlehnung an Loests Autobiografie "Durch die Erde ein Riss". Römer erzählt seinen Film dann auch konsequent am Leben Loests entlang: 1926 wurde er als Sohn eines Eisenwarenhändler in Mittweide geboren, erlebte eine unbeschwerte Kindheit - erfuhr aber zugleich die Armut der meisten seiner Klassenkameraden, Kinder von Arbeitern und Arbeitslosen.

Römer kehrt für die Einstiegszenen mit Loest noch einmal zurück nach Mittweida. Die Kamera fängt beeindruckende Sequenzen ein - in der alten Schule, an der Kirche, Schwarz-Weiß-Bilder aus dem Familienalbum. Loest beweist auch im hohen Alter noch seine brillante Erzählkunst. "Er erzählte wahnsinnig konzentriert. War weder altersmüde noch unkonzentriert", erinnert sich Römer an die Dreharbeiten. Immerhin kämpfte Loest zu diesem Zeitpunkt schon gegen zahlreiche Beschwerden. "Er ist für diesen Film an seine Grenzen gegangen", sagt Römer.

Vom Hitler-Anhänger zum DDR-Aufbauer

Am Ende des Zweiten Weltkriegs ereignetee sich der erste Riss in Loests Leben: Mit dem Zusammenbruch des Dritten Reichs brachen auch seine Ideale zusammen. Loest, 1945 gerade 19 Jahre alt, wandelte sich wie so viele junge Menschen vom überzeugten Hitler-Anhänger zum DDR-Aufbauer. Er war Journalist bei der Leipziger Volksstimme, veröffentlichte schon 1950 seinen ersten Romen - "Jungen die übrig blieben", trat in die SED ein, wurde Funktionäre des Schriftstellerverbandes. Er hatte eine Wohnung, Geld, eine schöne Frau, der erste Sohn wurde geboren. "Wir fühlten uns wie im Himmel", sagt er im Film.

Sieben Jahre Zuchthaus

Doch es dauerte nur wenige Jahre, bis zum 17. Juni 1953, dass sich der zweite große Riss in seinem Leben auftat. Den Aufstand, den die SED-Führung als faschistischen Putschversuch abtat, bewertet Loest als "sozialdemokratisches Aufbegehren". Er hielt nicht hinterm Berg mit seiner Meinung, was ihm sieben Jahre Zuchthaus eintrug (1957-1964).

Römer lässt Loest alleine sprechen - verzichtet auf einen Erzähler und andere Zeitzeugen. Der Regisseur vertraut allein auf die Kraft der Bilder und die Ausstrahlung seines Protagonisten. "Es ging mir um Innigkeit, um große Nähe. Die Zuschauer sollen spüren, aus was für einem Holz Erich Loest geschnitzt war", sagt Römer. Besser lässt es sich nicht sagen. Wie Loest wenige Wochen vor seinem Tod dasteht in seinem Leipzig - nachdenklich, knorrig aber auch weich - das sind beeindruckende Bilder. Nach einem zehnjährigen Intermezzo in der Bundesrepublik kehrt Erich Loest zurück nach Leipzig und erweist sich als unbequemer Sohn seiner Stadt. "Ich vergesse nicht. Den Genossen schon gar nicht", sagt Loest, während er auf die Stelle schaut, wo einst die Universitätskirche stand, die 1968 allein als ideologischen Gründen gesprengt wurde. Die Bilder von der Zerstörung gehören zu den stärksten Szenen des Films. Römer hat Aufnahmen eines Amateurfilmers aufgespürt und sie mit Mozarts Requiem unterlegt.

"Du kannst alles machen, nur nicht langweilig!"

Erich Loest wollte eigentlich mitarbeiten beim Schnitt des Films. Als er spürte, dass es dazu nicht mehr reichte, gab er Regisseur Römer einen Wunsch mit auf den Weg: "Du kannst alles machen, nur nicht langweilig!" Diesen Wunsch hat das Filmteam ohne Zweifel erfüllt.

Der MDR zeigt den Film "Erich Loest - Durch das Leben ein Riss" am Sonntag, 15. Dezember, 22.20 Uhr

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