Buch-Kritik:

Der Sohn des Nobelpreisträgers

In dem Buch „Licht scheint auf mein Dach“ erzählt Japans Großautor Kenzaburō Ōe die Geschichte seiner Familie. Der geistig behinderte Sohn Hikari, Komponist klassischer Musik-Stücke, spielt darin eine zentrale Rolle.

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„Das ist eine Wasserralle.“ Diese Feststellung traf Hikari Ōe bei einem Spaziergang durch die Natur. Es waren zugleich die ersten Worte, die der mental gehandicapte Junge an die Eltern richtete. Jahrelang hatte er stumm eine Schallplatte mit Vogelstimmen angehört. Nun erkannte und sagte er: „Wasserralle.“

Hikari Ōe ist 1963 mit einer Hirnmissbildung zur Welt gekommen, allein eine Risiko-Operation erhielt ihn am Leben. Sein Vater Kenzaburō Ōe, heute eine japanische Literatur-Ikone und seit 1994 Nobelpreisträger, war damals 28 Jahre alt und weitgehend unbekannt. Romane von ihm, Erzählungen und Filme, die sich mit dem Thema Behinderung auseinandersetzen, trugen zum späteren Ruhm bei. Unter dem Titel „Licht scheint auf mein Dach“ ist nun auf Deutsch eine Zusammenstellung autobiografischer Essays aus den Jahren 1995 und 1996 erschienen. „Die Geschichte meiner Familie.“ Ehefrau Yukari liefert einfache Malerei dazu.

Im Dasein beider, aber auch der zwei jüngeren Kinder, nimmt Hikari eine zentrale Rolle ein. „Los, da müssen wir durch!“, befahlen sich die Eltern, als sie nach der Geburt des ersten Sohnes der Komplikationen und Konsequenzen gewahr wurden. Hikari würde immer auf dem Wissensstand eines Kindes bleiben.

Ein geistig Behinderter entdeckt klassische Musik

Was die Geschichte speziell macht: Der geistig behinderte Sohn entdeckte die klassische Musik vor allem von Mozart und Beethoven für sich und schuf durch sensible Förderung selbst Stücke. Mittlerweile wurden mehrere CDs von den größten Virtuosen Japans eingespielt. „Könnte Hikari nicht komponieren, hätten meine Familie und ich wahrscheinlich nie von all den zarten Dingen erfahren, die tief in seinem Innern wie in einer Kiste verschlossen liegen“, schreibt Kenzaburō Ōe. Und: „Behinderte Kinder machen ihren Eltern zweifellos Freude.“

Auch ihm, dem Autor, helfe der Sohn, sich selbst besser kennenzulernen. Er verschweigt indes nicht, dass es Spannungen im Familienalltag gebe, Unstimmigkeiten zum richtigen Umgang mit Hikari. Der lehnte sich zeitweise gegen die Mutter auf, drangsalierte die körperlich unterlegenen Geschwister. Ob Hikaris Passivität und Verschwiegenheit könne man manchmal kaum der eigenen Wut Herr werden, gibt Kenzaburō Ōe zu.

Sympathisch ehrlich

Allerdings vergibt er Möglichkeiten, für den Leser zum Kern der besonderen Vater-Sohn-Beziehung vorzudringen und vergewissert sich seiner Empfindungen und Gefühle eher in Soziologie, Pädagogik, Literatur. Da ist viel Reflexion und im Ton ein gewisser Prozentsatz Distanz, Steife, Pathos. Keine Scheu hat der große Künstler allerdings, aus eigenen Texten zu zitieren. Dass er sich selbst einen eher mäßigen Stilisten nennt, ist sympathisch ehrlich. Man mag nicht widersprechen.

 

Kenzaburō Ōe: Licht scheint auf mein Dach. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2014. 206 Seiten. 19,99 Euro. ISBN 978 – 3 – 10 – 055217 – 4.

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