Schlagersängerin auf Stadiontour im Nordosten:

Der Triumph der Helene Fischer

22 Konzerte in 14 Stadien: Der Schlagerstar beginnt am 2. Juni seine bundesweite Tournee im Rostocker Ostseestadtion. Höchste Zeit, eine Annäherung an das Phänomen Helene Fischer zu wagen.

Auf ihr Kommando hören bei den Konzerten alle: Helene Fischer.
Herbert Neubauer Auf ihr Kommando hören bei den Konzerten alle: Helene Fischer.

Mit ihrem Titel „Phänomen“ singt sie es sogar selbst, was sie ist. Aber von nichts kommt nichts. Helene Fischer gehört nicht zu den Sternchen, die aufleuchten und schnell wieder verglühen, weil sie irgendjemand hoch hält, schnelles Geld verdient – und Schluss. Die 30-Jährige kennt ihr Metier, lernte alles von der Pike auf. Sie ist ausgebildete Musical-Darstellerin. Eine Knochenmühle, in der die Darsteller im halbjährlichen, aber spätestens jährlichen Rhythmus von Vorsingen zu Vorsingen tingeln, um in einer neuen Produktion spielen zu dürfen. Oft nur in kleineren Rollen, selten winkt eine der begehrten Hauptrollen. Dabei kommt es nicht nur auf die perfekte Stimme an. Die Bewerber müssen auch tanzen, schauspielern, akrobatische Verrenkungen vollführen können. All das kann Helene Fischer. Und noch mehr: moderieren, zudem sieht sie umwerfend aus. Die Künstlerin ist das, was man landläufig Allrounderin, also Alleskönnerin, nennt.

Künstlerin passt sich stets den Veränderungen an

Natürlich war sie, wie so viele Berühmtheiten, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Anfang 2000 startete sie als unschuldige Sängerin. Sie blieb aber nicht stehen, wie so viele andere. Sie passte sich den Veränderungen und Wünschen der Zeit an – äußerlich wie textlich. Ihre Musik hat sich seit ihrem Karrierestart ebenso gewandelt wie ihr Auftreten. „Und morgen früh küss’ ich dich wach“ aus dem ersten Album „Von hier bis unendlich“ von 2005 klingt wie klassischer Schlager, „Atemlos“ auf dem Album „Farbenspiel“ von 2013 schon fast wie Deutsch-Pop. Und während Helene Fischer früher in langen Kleidern auftrat, zeigt sie heute deutlich mehr Haut. Gern wird sie mit Andrea Berg verglichen, die mit ihren Lack-Outfits dem Ganzen einen lasziven Anstrich gibt.

Oh nein, für Schlager – und dann noch in diesem Gewand – muss sich heute niemand mehr schämen. Bei 22 Konzerten in 14 Stadien werden Helene Fischer knapp 900 000 Fans zujubeln. Allein am 2. Juni bei ihrem Tourneestart im Ostseestadion in Rostock werden es 25 000 Anhänger sein. Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die Musikrichtung ist salonfähig – sofern sie das nicht schon immer war.

Den großen Udo Jürgens umgarnte sie mühelos

Selbst der äußerst pop- und englisch-orientierte Privatfunk „Ostseewelle“ spielt etwa das Disco-Ding „Atemlos“. Wenn selbst Udo Jürgens den Tränen nahe war, weil Fischer bei der Gala anlässlich seines 80. Geburtstages im vergangenen September „Merci Chérie“ so liebevoll und zärtlich interpretierte, dann muss das etwas bedeuten. Wenn sich selbst die Mitglieder der deutschen Fußballnationalmannschaft als Fans zu erkennen geben und die Entertainerin vor dem Brandenburger Tor bei der Weltmeisterfeier auftreten lassen, kann sich ihr kaum einer mehr verschließen. Außer vielleicht NDR 1 Radio MV, das sich mit deutschen Schlagern, in welcher modernen Aufmachung sie auch daherkommen, schwertut.

Dabei steckt doch hinter der Liebe zu Helene Fischer etwas ganz Bestimmtes. Die Sehnsucht nach der heilen Welt, nach süßlichen, ja bisweilen kitschigen Texten, die wächst, je weniger Politik und Wirtschaft gesellschaftlichen Halt und Zusammenhalt versprechen. Je mehr Singles es gibt, je mehr im Berufsleben die Ellbogen ausgefahren werden müssen, gewinnt der Rückzug ins Private an Bedeutung. Dabei spielt die musikalische Untermalung eine wichtige Rolle. Es ist der Glaube, dass die Zeilen vom Interpreten tief empfunden und dem Publikum mit auf den Weg gegeben werden. All das garantiert dem Schlager einen ungemeinen Zulauf.

Warum nun aber ausgerechnet Helene Fischer? Sie stellt eine Art Leuchtturm der Branche dar. Sie macht deutlich, dass die Musikgattung nicht bieder, muffig, öde, langweilig, von gestern sein muss. Sie transportiert den Schlager, der immer mehr zu Pop wird, ins Hier und Heute und Jetzt. Dabei beherrscht sie einen Trick. Sie scheint omnipräsent. Egal, welchen Sender der Zuschauer einschaltet, sie ploppt auf – zumindest hört man ein Lied von ihr. Oder wird sie zur Parodie, die Caroline Kebekus perfekt kann. Fast jeder meint also, die 1,58-Meter-Frau zu kennen, obwohl sie ihr Privatleben, außer ihren Partner Florian Silbereisen, so gut wie möglich abschirmt. Denn da gibt es diese Promi-Erfolgsformel: Geheimnisse machen einen Star noch begehrenswerter, noch anbetungswürdiger.

Bühnenshows nehmen gigantisches Ausmaß an

Helene Fischer weiß also, wie das Showbiz funktioniert, wie man sich länger als nur für einen Hit erfolgreich positioniert. Weil sie wirklich etwas kann. Weil ihre Shows nicht halbherzig sind, sondern fast bis zur Perfektion ausgeklügelt sind und an nichts gespart wird.

Der Aufwand, den die 30-Jährige und ihr Team für die am 2. Juni beginnende Tour „Farbenspiel“ treiben, ist gigantisch. Insgesamt 250 Leute sind beteiligt, teilt die Agentur Semmel Concerts Entertainment mit. Ein Tross von 41 Trucks und sieben Nightlinern, das sind Hotels auf Rädern, legen während der Tour-Zeit mehr als 8000 Kilometer zurück. Die Bühne ist 52 Meter breit und 18 Meter hoch, sie wiegt 52 Tonnen. Die Technik eines Abends verbraucht so viel Strom wie rund 2500 Einfamilienhäuser an einem Tag.

Unfassbar. Das alles, um nichts mehr als Normalität, das menschliche (Liebes-)Gefühl zu zelebrieren. Gerade deshalb werden die Auftritte der Künstlerin zu schöner, reiner, purer, echter Unterhaltung, die viele mögen, aber immer mehr im Radio und Fernsehen vermissen.

Man muss Helene Fischer zwangsläufig mögen. Wer das nicht tut, sollte sie zumindest aber für ihre Leistung respektieren!

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