Theaterkritik:

Die bedingungslose, lebenslange Liebe eines Pferdes

Wer sich „Gefährten“ im Berliner Theater des Westens anschaut, sollte Taschentücher einpacken. Die Geschichte über Krieg, Freundschaft und Versöhnung lässt keinen kalt.

Eine Familie droht an der Liebe zu einem Pferd zu zerbrechen: Vater Ted Narracott (Heinz Hoenig), Mutter Rose (Silke Geertz), Sohn Albert (Philipp Lind, v.l.) und das Pferd Joey. Foto: Stage
Morris Mac Matzen Eine Familie droht an der Liebe zu einem Pferd zu zerbrechen: Vater Ted Narracott (Heinz Hoenig), Mutter Rose (Silke Geertz), Sohn Albert (Philipp Lind, v.l.) und das Pferd Joey. Foto: Stage

Was soll man zu „Gefährten“ sagen, das am Sonntagabend im Berliner Theater des Westens seine Deutschlandpremiere feierte? Erst einmal gar nichts. Ganz lange gar nichts. Weil der Zuschauer nach zwei Stunden und 45 Minuten verstummt aus dem Saal geht. Aufgerüttelt. Aufgewühlt. Und er wischt sich die ein oder andere Träne aus dem Gesicht. Kurz: Er ist verblüfft. Weil er am Anfang nie gedacht hätte, dass ihn dieses Fohlen, das aus Bambus, Leder, Metall und ein paar klappernden Teilen eher einem alten Gaul gleicht, je so berühren könnte. Allein, es ist ja gar kein echtes Tier. Da schlüpfen offensichtlich zwei Menschen in den hinteren und vorderen Teil des Körpers und ein Darsteller steht seitlich und bewegt den Kopf an einem Stab. Wie billig und plump, denkt man sich im ersten Augenblick. So soll das jetzt den ganzen Abend weitergehen? Geht es. Doch es dauert keine zwei, drei Szenen, bis der Zuschauer vergisst, dass da oben nur hohle Tierkörper umhertänzeln, zum Leben erweckt von grazilen Bühnenarbeitern.

Philipp Lind brilliert in der Hauptrolle des Albert

Verblüffend, wie jeder Schnauber, jeder Pruster, jedes Schütteln, jedes Wiehern, jeder Galopp von Joey – so heißt das Pferd im Stück – echt wirkt. Vermutlich sieht das Publikum das, was es sehen will: ein Pferd. Punkt. Darsteller Philipp Lind trägt allerdings zu einem Großteil an dieser perfekten Illusion bei. Bis ins Detail spielt er brillant. Immer wieder streckt er dem Tier die Hand entgegen, spricht mit ihm, streichelt behutsam über den Kopf, striegelt es, bringt so unendlich viel Geduld auf, das Vertrauen von Joey zu gewinnen. Linds schauspielerische Hingabe, Sensibilität, seine gefühlvolle und einfühlsame Art suchen ihresgleichen. Von Anbeginn an spielt er hellwach und hoch konzentriert. Die Rolle ist dem 25-jährigen Absolventen der Münchner August-Everding-Akademie auf den Leib geschneidert. Einmal davon abgesehen, dass die Geschichte schon ein mächtiger melancholischer Brocken ist – sowohl für das Ensemble als auch für den Verdauungstrakt des Publikums.

In einem Dorf im Südwesten Englands ersteigert Ted Narracott (sehr präsent: Heinz Hoenig) ein Fohlen. Sohn Albert (Philipp Lind) nennt es Joey und zieht es auf. Es entwickelt sich eine Freundschaft, wie sie inniger, enger, liebevoller und schöner kaum sein könnte. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs macht England mobil und Alberts Vater verkauft das Tier an die Kavallerie. Mit vielen anderen Pferden wird Joey von der Insel nach Frankreich verschifft. Schon bald gerät das Tier unter feindlichen Beschuss und wechselt als Sanitätspferd in die Armee des deutschen Kaisers. Doch Albert kann sein geliebtes Tier nie vergessen. Obwohl noch zu jung, meldet er sich freiwillig zur Armee. Er begibt sich auf die gefährliche Mission, Joey zu finden und nach Hause zu bringen.

Schnell hat der Zuschauer einen Kloß im Hals

Rasch ahnt der Zuschauer, dass die Geschichte eine glückliche Wendung nimmt. Dennoch verzaubert sie, weil die Gefühle so echt wirken. Die Beziehung zu dem Pferd ist schlichtweg durch nichts zu erschüttern. Pferdeflüsterer Albert schließt seinen Vierbeiner mehr als Menschen ins Herz, die ihm oft nur scheinheilig begegnen.

In „Gefährten“ geht es um bedingungslose, abgrundtief ehrliche Liebe. Vermutlich wirkt diese Theaterproduktion deshalb so ergreifend, weil es diese reinste Form der Zuneigung in einer oft gefühlskalten Ellbogengesellschaft nicht mehr so oft gibt, viele sich aber gerade dies insgeheim doch so sehr wünschen. Dass man als Zuschauer recht schnell einen Kloß im Hals hat und ihn bis zum Schluss nicht mehr los wird, verwundert nicht. Denn in „Gefährten“ galoppieren die Gefühle und hüpft das Herz zügellos.

Gefährten läuft Dienstag, Donnerstag, Freitag um 19.30 Uhr, Mittwoch um 18.30 Uhr, Sonnabend um 14.30 und 19.30 Uhr und Sonntag um 14.30 Uhr im Theater des Westens, Kantstraße 12, 10623 Berlin. Karten unter Telefon 01805 4444 und unter www.stage-entertainment.de

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