Theater-Kritik:

Die erschreckende Welt der Alleswisser und Alleskönner

Fußballtrainer sind alles andere als gestandene Mannsbilder. Der Monolog „Leben bis Männer“ von Thomas Brussig in der Lounge des Parkstadions in Neustrelitz bietet einen Blick hinter die Fassade dieser knallharten Kerle.

"Leben bis Männer" handelt vom humorvollen Monolog eines Ex-Fußballers, der durch Krankheit nicht mehr spielen, aber noch Provinzmannschaften trainieren kann.
Martina Krüger "Leben bis Männer" handelt vom humorvollen Monolog eines Ex-Fußballers, der durch Krankheit nicht mehr spielen, aber noch Provinzmannschaften trainieren kann.

Hat’s das nun auch noch gebraucht, ein Theaterstück über Fußball? Gibt es nicht schon genug „Sportstudio“ und „Sportschau“? Doch, es war nötig, dass sich die schweißtriefende, angeblich so harte Männerbastion in „Leben bis Männer“ selbst entlarvt. Das gelingt deshalb so gut, weil Autor Thomas Brussig wie schon in „Helden wie wir“, „Sonnenallee“ und „Hinterm Horizont“ so knallhart dem Volk, den großspurigen Männern aufs Maul schaut.

In kurzen, einfachen Sätzen palavert die Hauptfigur vordergründig über belanglose Dinge, die aber einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt des Fußballtrainers geben. Weil der Zuschauer nur zu gut weiß, dass Geschichten von Fußballern oft nur die halbe Wahrheit bieten, da sie mit jedem neuen Erzählen noch eine weitere, andere Wendung, noch einen viel krönenderen Schluss erhalten. Noch idealistischer, noch perfekter geraten als zuvor.

Aufführungsort war perfekt

Der Monolog trifft exakt die Wortwahl der vielen Fußballtrainer, die Samstag für Samstag brüllend auf dem Platz stehen und glauben, sie wären wer. Doch wer eigentlich? Es sind Männer, die zu allem eine Meinung haben, und auch noch denken, es sei die ultimative. Vernagelte Dampfplauderer.

„Trainer müssen brüllen können, das ist leidenschaftliches Denken“, sagt der Protagonist. Oder: „Sollen Frauen doch so viel Fußball spielen, wie sie wollen – aber sie sollen nicht erwarten, dass jemand zuschaut.“ Das Stück ließe sich also kaum irgendwo besser aufführen als in der Lounge des Neustrelitzer Parkstadions.

Die Hauptfigur mag auf dem Fußballplatz ein Held sein, im wahren Leben ist sie ein großer Verlierer. Die Frau rannte ihm davon. Bei der Scheidung kam er sich wie ein „asoziales Element“ vor und die Richterin fragte ihn, was ihm wichtiger sei: Fußball oder die Frau. Die Antwort muss man hier gar nicht erst niederschreiben. Zeit mit der Familie zu verbringen gleicht für den Provinzfußballtrainer nur reinem Zeittotschlagen, weil die elf Jungs auf dem Rasen seine Söhne sind.

Gut verpackte Tragik

Schauspieler Wolfgang Grossmann verpackt die Tragik in witzige Gesten und dann und wann kann er sich das Lachen selbst nicht verkneifen. Aber vieles ist zum Heulen, zum Kopfschütteln. Monologe fordern einen Darsteller, sie sind intensiv. Über große Strecken nimmt Grossmann das Publikum mit. Leider klebt er hin und wieder zu sehr am Pult und am Manuskript. Warum überhaupt ein Rednerpult? Weg mit dieser Requisite!

Das Stück wäre nicht von Thomas Brussig, wenn es nicht noch viel tiefer ginge, auch diesen Ost-Aspekt beinhaltete. Der Übungsleiter verlor nicht nur seine Frau, sondern im vereinten Deutschland auch seine Stelle als DDR-Lehrausbilder. Sein Sportgeschäft ging pleite, weil – und das ist bitterböse – „man vom Verkauf von Baseballschlägern allein nicht leben kann“.

Der Trainer war nur deshalb in die Partei eingetreten und saß unendlich öde Parteitage ab, weil er hoffte, bei der nächsten Weltmeisterschaft als Schlachtenbummler dabei sein zu können. Das war im Jahr 1974. Es kam alles anders.

Doch, dieses Theaterstück über Fußball geht in Ordnung. Und für alle Nicht-Kulturliebhaber ist es knackig inszeniert. Denn das Spiel dauert nur 60 Minuten.

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