My Fair Lady:

Die Rinnsteinprinzessin trumpft ordentlich auf

Das Musical „My Fair Lady“ auf der Schlossinsel Mirow bietet eine hinreißende Eliza Doolittle, in die sich nicht nur der schmierige Professor Higgins verliebt.

Pfiffige Tanzeinlagen, zackige Steppnummern, wechselnde Kostüme: Dem Zuschauer wird eine ganze Menge geboten.
Marcel Auermann Pfiffige Tanzeinlagen, zackige Steppnummern, wechselnde Kostüme: Dem Zuschauer wird eine ganze Menge geboten.

Sie schnattern und ratschen und klopfen sich auf die Schenkel. Sie tragen hübsche Kleider und maßgeschneiderte Anzüge. Die Haute Volée nimmt keine Kenntnis von denen, die am Wegesrand stehen, ja vielleicht nehmen sie nicht einmal die wahr, mit denen sie eben noch Small Talk betrieben. Die feinen Damen und Herren der britischen Gesellschaft schürfen nur an der Oberfläche. Ihre Welt dreht sich vor allem um sich selbst. Alle anderen schirmen sie im wahrsten Wortsinne ab, wenn sie singend und tänzelnd ihre Regenschirme schwingen. In diesem Moment mutet der Klassiker „My Fair Lady“, der auf der Schlossinsel in Mirow Premiere feierte, ein bisschen wie Mary Poppins an. Andererseits: Das ist Musical in seiner Reinform – Show, Revue und Musiktheater in einem.

Dass in dieser doch recht gehässigen Atmosphäre ausgerechnet der Oberschnösel Professor Higgins (herrlich: Joachim Fuchs als Fiesling) die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle (Sophie Duda ist qualitativ der Mittelpunkt des zwölköpfigen Ensembles) bemerkt, gehört zu den größten Überraschungen. Schon nach etwa zehn Minuten deutet die Handlung an, dass unter der kaltherzigen Fassade ein Mann mit Gefühlen steckt, der – so will es die vorhersehbare Handlung – sogar zu Liebe fähig ist. Ganz so einfach gestaltet sich das Märchen natürlich nicht. Wäre für ein zweistündiges Stück auch zu simpel. Und Higgins ist alles andere als das.

Sprache als Maßstab des gesellschaftlichen Stands

Er präsentiert sich problembehaftet, unsicher, kritisiert andere, um von seinen Schwächen abzulenken. All das erkennt Eliza nicht sofort. Sie lässt sich von Higgins mächtig unter Druck setzen und noch viel mehr herunterputzen, weil sie Dialekt spricht, und das ziemlich derb und ausgeprägt. Natürlich berlinert das junge Ding ganz schön. Wa? Sie betont statt eines G ein J, statt eines J ein Ei, statt eines I ein Ü. Dumm nur, dass für den Professor die Sprache das A und O bedeutet und er den Bildungsstand sofort an den Fähigkeiten, Hochdeutsch zu sprechen, festmacht. Was er also von der Hübschen von der Straße hält – man mag es kaum erwähnen. Er nennt sie Kreatur.

Versnobte Zehntausender und pichelnde Arbeiter

Oha, hier treffen zwei Welten aufeinander, die kaum vereinbar scheinen. Hier die versnobten oberen Zehntausend, die auf der Bühne in schweren Fauteuils Platz nehmen und sich hinter einen ausladenden Holzschreibtisch hocken. Dort die schäbige, abgetakelte Arbeiterklasse, die gerne pichelt, beim Plausch aus dem Mund nach Alkohol müffelt und grobschlächtige Sprüche („Ich streu Dir ordentlich Pfeffer in den Arsch“) reißt. Vor allem der zweite Teil legt da noch einen Zacken drauf und steigert das Spieltempo, was der Aufführung nach einer eher gemütlichen ersten Hälfte janz juttut, wie Eliza sagen würde.

Regisseur Jürgen Weber inszeniert „My Fair Lady“ mit Wortwitz, schnellen Dialogen („Waren Sie mal verheiratet“ – „Ich hatte mal einen Hund“), ohne dabei zu sehr das Zwerchfell zu belasten. Denn der Stoff verleitet dazu, das Musical mit ernstem Hintergrund zur billigen Slapstick-Nummer verkommen zu lassen. Stattdessen bekommt das Publikum viel zu gucken. Weil die Produktion fast alles auffährt, was das Genre zu bieten hat: pfiffige Tanzeinlagen, zackige Steppnummern, wechselnde Kostüme. Nur auf die ständigen Kulissenwechsel muss der Zuschauer verzichten.

Zur Gänsehaut reicht es trotzdem. Und das nicht nur wegen des frischen Winds, der über die Zuschauerreihen im Mirower Schlosshof hinwegfegt. Sondern vielmehr wegen der zart schmelzenden und dann doch wieder kräftig-starken, packenden Stimme von Sophie Duda. Als Eliza singt sie um ihr Leben und ihre Freiheit. All die Gassenhauer, von denen viele vermutlich nicht einmal wissen, dass sie aus „My Fair Lady“ stammen, bekommt der Zuschauer zu hören: „Es grünt so grün“, „Wart‘s nur ab“, „Tu‘s doch“, „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“, „Hei, heute Morgen mach‘ ich Hochzeit“.

Da kehrt das ein oder andere Mal Schunkellaune ein, obwohl diese Parabel doch eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik enthält. Trotz ihres wenig akzeptierten Dialekts weiß Eliza viel genauer als alle anderen, worauf es im Leben ankommt: Liebe und Herzenswärme, „die uns königlich machen“ – und eben keine Vokabeln und Kleider. Denn sie habe ja Blumen verkauft und nicht sich, gibt sie zu bedenken und lässt Professor Higgins vollends zum Ekel mutieren, den auch keiner mehr ins Herz schließt, als er zum Schluss doch noch einen Knutscher der einstigen Blumenfrau abbekommt.

„My Fair Lady“ ist am 9. und 11. August auf der Schlossinsel Mirow, am 16. August im Schloss Groß Plasten, 17. August in der Burg von Burg Stargard, am 24. August im Schloss Klink und am 25. August in der Burg in Plau am See zu sehen. Karten gibt es unter der Hotline 039833 27567.

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