Auf der Spur von Maria und Josef:

Die Suche nach dem Geist der Weihnacht

Wie würde es wohl Maria und Josef im Jahr 2013 ergehen? Blieben ihnen die Tore verschlossen? Unsere beiden Autoren wollten es wissen: Sie läuteten an den Türen, um ganz persönliche Weihnachtsgeschichten zu erfahren.

Die Eheleute Liske feiern Weihnachten am liebsten mit ihrer Familie.             
Anne-Marie Maaß Die Eheleute Liske feiern Weihnachten am liebsten mit ihrer Familie.  

Abendbrotzeit, ein nasskalter Adventsabend und kaum jemand auf der Straße. Durch die Fenster der katholischen Kirche in Neubrandenburg schimmert noch Licht. Wenn wir Antworten finden wollen, was die Heilige Nacht bedeutet, dann hier. Also gehen wir rein. Auf dem roten Polster der letzten Bank liegt eine schwarze Tasche und ein Päckchen. Alle anderen Kirchbänke sind leer.

Links neben dem Altar steht Pfarrer Johannes Zehe und zündet Teelichter an. Andächtige Stille. Er kommt auf uns zu, gibt uns die Hand und begrüßt uns leise. Was ihm Weihnachten bedeute, wollen wir von ihm wissen. Er bittet uns in sein Büro, greift nach seiner Tasche und dem Päckchen, geht zur Wand und schaltet das Licht aus. Nun flackern nur die Flammen der Teelichter in der Kirche. Vor dem Verlassen des Gotteshauses macht Johannes Zehe eine Kniebeuge Richtung Altar.

Pfarrer freut sich über bekannte Gesichter

„Gott wird Mensch in einem Kind“, dies sei der prägende Gedanke des Festes, sagt er. Er sitzt uns nun gegenüber in seinem Büro. Schwere Vorhänge, dunkle Eichenschränke. Holzstühle stehen an einem großen Tisch. Eiche rustikal. Weihnachten sei Gott bei den Menschen, sagt der 50-Jährige.

Dies sei ein Grund zur Freude. Trotz der arbeitsreichen Zeit bedeutet Weihnachten auch für ihn Freude. Freude auf traditionelle Begegnungen. Viele Freunde und Bekannte sähe er vor allem in der Weihnachtszeit in der Kirche. „Ich freue mich zum Beispiel auf junge Leute, wie Studenten, die über die Feiertage zurück nach Hause kommen“, sagt Zehe.

Kleine Überraschungen statt großer Geschenke

Aber auch die eigene Familie rückt für ihn in den Mittelpunkt. Trotz vieler Gottesdienste an allen Feiertagen besucht Johannes Zehe am ersten Weihnachtstag seine Eltern in Neustrelitz. Geschwister, Neffen und Nichten treffen sich, reden, singen und essen. Doch was schenkt ein Pfarrer zu Weihnachten? Die Größe des Geschenkes sei ihm persönlich nicht wichtig, betont Johannes Zehe. Doch seinen Liebsten eine kleine Freude bereiten, das müsse schon sein. Als kleine Überraschung für die Geschwister ist der Kalender – vorzugsweise mit Motiven aus der Tatra – zum Ritual in der Familie geworden. „Man erwartet das von mir“, sagt Pastor Zehe.

Mit vielen Erwartungen kämen auch die Menschen zu Weihnachten in die Kirche. Es solle mindestens so schön werden wie im letzten Jahr. Er ist über die Festtage meist in Aktion, schließlich gibt es für einen Kirchenmann an Weihnachten viel zu tun. Die Zeit zur Besinnung müsse er sich dann selbst nehmen. Doch dafür genießt Johannes Zehe einen ganz besonderen Vorzug: „Ich habe ja den Kirchenschlüssel.“ Ein Gotteshaus ganz für sich allein – welch ein Luxus zur Weihnachtszeit.

Im Hochhaus-Gebiet gibt´s kein Einlass

Wenige Hundert Meter Luftlinie. Unsere zweite Station: Die Hochhäuser in der Neustrelitzer Straße. Es riecht nach Farbe und neuem Linoleum-Boden. Achte Etage, wir klingeln, aber die Türen bleiben uns verschlossen. Sechste Etage, wir klingeln an der ersten, dann an der zweiten Tür, die dritte öffnet sich. Eine kleine Frau steht auf der Schwelle. Ihr Hund bellt. Was ihr Weihnachten wichtig sei, fragen wir sie. Aber sie entschuldigt sich. Sie hat Besuch und keine Zeit für uns. Vierte Etage, wieder läuten wir. Eine blonde Frau in den Vierzigern öffnet uns. Aber auch sie bittet uns nicht herein. Etwas geknickt verlassen wir das Hochhaus, ziehen weiter durch das Wohngebiet.

Ein bisschen Heimat für die Kneipengäste

Wir stranden wie einige andere auch an diesem Abend in der Kneipe Klax in der Neubrandenburger Südstadt – zwischen den Hochhäusern. Unscheinbar liegt das flache Gebäude zwischen Supermarkt und nicht enden wollenden Hochhäusern. Drinnen begrüßen uns dunkle Holzvertäfelung und mannshohe Figuren von Film und Musikstars der 60er Jahre – aus besseren Zeiten. Wir gehen an den Spielautomaten vorbei Richtung Bar. Ein Mann sitzt vor einer der wild blinkenden Maschinen. Hinter der Theke steht eine junge blonde Frau und lächelt nett. Souverän wischt sie über die Holzplatte und sammelt ein Bierglas ein. Der Mann vor ihr bezahlt: „Ich muss noch einkaufen“. Er setzt seine Mütze auf und geht.

Bar erzählt die Geschichte der Neubrandenburger Südstadt

Für Anita Ehlert ist es das vierte Weihnachtsfest im Klax. Seit drei Jahren ist sie die Wirtin in dem geschichtsträchtigen Lokal. Seit 1920 besteht es. 2013 wird wohl das letzte Weihnachten für die Gasstätte sein. Nächstes Jahr soll das Klax einem Parkplatz weichen. Die Wandlampen sind bereits abgebaut. Aus den Löchern klaffen frei liegende Kabel. Für Anita Ehlert wird es an einem anderen Ort weiter gehen. „Es ist schade drum. Das Klax ist ein Stück Geschichte in der Südstadt“, sagt die 31-Jährige.

Sechs Tage die Woche bis nachts um drei Uhr steht Anita Ehlert hier hinter der Theke. Ihre Kundschaft kennt sie wie die eigene Familie. Viele Gäste wollen einfach nicht nach Hause gehen. Dort wartet niemand, sagt Anita Ehlert. In der Schlucht zwischen den Häuserblöcken ist eine Wirtin auch Seelentröster. Gerade deshalb blickt die junge Frau diesem Weihnachten gespalten entgegen. Sie macht über die Feiertage zwei Tage zu, Weihnachtsurlaub. Zuhause wartet ihre kleine Tochter auf sie. Anita Ehlert freut sich auf die gemeinsame Zeit mit ihr.

Maria und Josef hätten anschreiben können

Doch es bleibt auch ein Stich: Ihre Stammkunden in der Südstadt werden ohne die Wirtin an diesem Heiligen Abend noch ein wenig einsamer sein. Maria und Josef hätten bei der Wirtin etwas zu trinken bekommen – zumindest anschreiben hätten sie können.

Erneuter Versuch in der Neustrelitzer Straße. Wieder ein Hochhaus, in das wir es geschafft haben. Wieder beginnen wir in der achten Etage. Wieder öffnet sich keine Tür. Aber in der sechsten Etage: Ein Mann, grau meliertes Haar. Bei der Frage, was ihm für ihn Weihnachten bedeute, lacht er freundlich. Findet die Frage spannend. Aber er muss erst seine Frau fragen, ob er uns hereinlassen darf. Sie scheint keine Lust zu haben um 20 Uhr darüber mit uns zu sprechen. Höflich sagt der Mann, dass es nicht passe. Etwas geknickt verlassen wir das zweite Hochhaus.

Zeit mit der Familie bedeutet Glückseligkeit

Weg vom anonymen Hochhaus fahren wir aufs Dorf, in der Hoffnung, dass die Menschen uns dort eher die Tür öffnen. In Rowa, wenige Kilometer südlich von Neubrandenburg, angekommen, halten wir an einer Schleife. Gehen die gepflasterte Straße entlang Richtung Sportplatz. Hinter dem Container sind im Dunkeln die Konturen des Fußballtores zu sehen. Direkt gegenüber leuchten Rentiere und Schlitten im Veranda-Fenster. Es sieht einladend aus. Also läuten wir.

Dreimal wird gefeiert

Sieglinde Liske, Brille, meliertes Haar, grauer Pulli und eine grau-gestreifte Hose, öffnet die Haustür und bittet uns herein. Keine Spur von Misstrauen. „Rechts, bitte.“ In der Küche bereitet ihr Mann Joachim gerade das Abendbrot vor. Ein Topf steht auf der Arbeitsplatte, daneben geschmierte Brote auf einem Brett. Wir setzen uns an den Küchentisch mit der blauen Wachsdecke.

„Wir haben dieses Jahr schon einmal Weihnachten gefeiert. Wir werden dreimal feiern, weil die Kinder weit weg wohnen“, sagt Sieglinde Liske. Die Familie zum Fest um sich zu haben, das sei ihnen das Wichtigste. Drei Söhne und sieben Enkel hat das Ehepaar. Ihr Jesuskind wurde im Oktober geboren, erzählen sie mit einem Lächeln.

Unterschlupf für Maria und Josef

Der Trubel zu Weihnachten ist ihre Glückseligkeit. Und so erzählt die 61-Jährige von vergangenen Festen. Als die Enkelin die Schuhe des Weihnachtsmannes als Opas enttarnte und ihn keck darauf ansprach. Sich ihre Enkel die Frage stellten, wie der Weihnachtsmann denn die Geschenke durch den Schornstein werfen kann. Oder die Grüppchen, die am Heiligen Abend verstreut im Wohnzimmer spielen und sich unterhalten. In Rowa hätten Maria und Josef gewiss einen Unterschlupf bekommen.

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