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Die Wiener Philharmoniker erstmals in MV

Das Publikum in Redefin bejubelte das Weltspitzen­orchester. Und Festspiel-­Intendant Matthias von Hülsen stockte während dieses unbestrittenen Höhepunktes seiner Amtszeit zweimal der Atem.

Lorin Maazel dirigiert die Wiener Philharmoniker in der restlos ausverkauften Reithalle vom Landgestüt Redefin.
Festspiele MV Lorin Maazel dirigiert die Wiener Philharmoniker in der restlos ausverkauften Reithalle vom Landgestüt Redefin.

Ein Ausflug zum Landgestüt Redefin bei Ludwigslust lohnt eigentlich immer, auch wenn es für die meisten Leser dieser Zeitung mit einer mehr als zweistündigen Autofahrt verbunden ist. Wer sich jedoch am Sonnabend zum „Picknick-Pferde-Sinfoniekonzert“ aufgemacht hatte, erlebte den sprichwörtlichen perfekten Tag. Sonnenschein, eine rekordverdächtige Zahl an Gästen, die das abendliche Konzert bei Rotwein und Käse „vorbereiteten“, eine akrobatische Pferdeshow und dann – endlich – die unvergleichlichen Wiener Philharmoniker. Für Mecklenburg-Vorpommern und seine Festspiele fraglos ein Ritterschlag. Schön, dass Matthias von Hülsen dies in seiner letzten Spielzeit erleben durfte.

Ein Weltklasseorchester, der Weltklassedirigent Lorin Maazel und im Gepäck eins der wichtigsten Werke der klassischen Musik, die monumentale 8. Sinfonie des Österreichers Anton Bruckner. In der rot-weiß geschmückten Reithalle brannte förmlich die Luft, als von Hülsen vor die rund 3000 Zuhörer trat, um sie und die Philharmoniker zu begrüßen. Und dann – erster Schreckmoment des Intendanten – verweigerte ausgerechnet das Mikro seinen Dienst. Von Hülsen nahm es anscheinend gelassen, sprach bewegt in ein Ersatzgerät – und schon ging es los.

Den undankbaren Part der „Vorband“ musste Solist Matthias Schorn mit dem leichtfüßigen Concertino für Klarinette und Orchester von Carl Maria von Weber übernehmen. Schorn, in diesem Jahr Vorzeigepreisträger der Festspiele, im Hauptberuf jedoch Soloklarinettist der Philharmoniker, machte das Beste draus. Mit Schwung und großartiger Intonation huschte er durch das kurze Stück und erfreute das Publikum gemeinsam mit Orchesterkollege Daniel Ottensamer auch noch mit der schauspielreifen Zugabe „Die Jagd“.

Maazel ging es durchgehend kraftvoll an

Bruckners 8. Sinfonie gehört zum Kernrepertoire der Philharmoniker. Vermutlich könnten sie es auch nachts und ohne Vorbereitung spielen – schließlich hat das Orchester schon die Uraufführung 1892 bestritten. Lorin Maazel dirigierte ohne Partitur und stehend, allein dies eine Leistung für den 83-Jährigen. Denn wegen der durchgehend langsam gewählten Tempi dauerte das Werk mehr als 80 Minuten. Maazel ging es durchgehend kraftvoll und mit deutlichen Linien in der Musik und auch in der Hervorhebung der verschiedenen Instrumentengruppen an. Die ganz feine, differenzierte Spielart war noch nie sein Steckenpferd.

Dem von Bruckners Leibinstrument, der Orgel, her erdachten Großwerk tat dies meist gut, stellenweise standen die einzelnen Elemente vielleicht ein wenig zu schroff nebeneinander. Dafür gab es aber geradezu erschütternde Stellen, gerade im langsamen dritten Satz, der das Publikum offenbar so mitnahm, dass es vor dem Finale unüblicher Weise applaudierte. Das war dann die zweite Schrecksekunde für den Intendanten: Sein Publikum unterbricht die Wiener. Aber eigentlich passte diese Gefühlseruption und machte den Kopf frei für den phänomenal gespielten Schlusssatz. Der vermutlich weltweit einzigartige Sound der Wiener breitete sich in der Reithalle aus. Trotz der Länge war alles viel zu schnell vorbei. Verdienter Jubel!

Übrigens: Fast wäre dieses wunderbare Konzert aus einem profanen Grund in die Hose gegangen. Denn die rund 100 Musiker waren mittags aus London kommend mit einer Chartermaschine in Parchim gelandet. Ihre Instrumente reisen jedoch grundsätzlich im Bus – und der stand, wie könnte es anders sein, im Stau. Statt zu proben genossen die Philharmoniker daher die Pferdeshow und konnten dann am Ende glücklicherweise die Instrumente doch noch in Empfang nehmen. Es wäre auch zu schade gewesen.