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Diese Ehe ist eine Lebenslüge

Gefühle sind eine schwierige und verworrene Sache. Das Theaterstück „Nora“ zeigt, zu was einen Liebe alles befähigt.

Nora (Isolde Wabra) ist nur eine Puppe, die so zu spuren und tanzen hat, wie Advokat Helmer (Mario Lohmann) es von ihr verlangt. Sogar der Beischlaf in der Ehe hat da wenig mit Liebe, Lust und Leidenschaft zu tun. Foto: Joerg Metzner
joerg metzner Nora (Isolde Wabra) ist nur eine Puppe, die so zu spuren und tanzen hat, wie Advokat Helmer (Mario Lohmann) es von ihr verlangt. Sogar der Beischlaf in der Ehe hat da wenig mit Liebe, Lust und Leidenschaft zu tun. Foto: Joerg Metzner

Hilfe, was für ein piefiges Wohnzimmer! An der Wand klebt eine gräuliche Mustertapete. Das olivgrüne Sofa passt so gar nicht zum hellblauen Teppichboden. Hauptsache, der Weihnachtsbaum (ja, langsam gehört er wieder zu den Theaterinszenierungen dazu) steht prächtig geschmückt und perfekt zurechtgezupft in der Mitte des Raumes. Et voilà - hier lebt die Spießigkeit. Zur Krönung gibt man sich Kosenamen wie „Zwitscherlerche“ und „Singvögelchen“.

Dass Nora (Isolde Wabra) und Advokat Helmer (Mario Lohmann zeigt die Zerrissenheit seiner Figur) derart dick auftragen, widert einen schon fast an. Denn in diesen vier Wänden wohnt leider auch die Unterdrückung. Die Frau hat nicht viel zu sagen, taugt gerade mal dazu, die Geschenke fürs Christfest einzukaufen, aber bitte möglichst sparsam. Und dazu, die Kinder großzuziehen. Doch selbst dafür steht der Dame des Hauses ein Kindermädchen zur Seite.

Dass an dieser piekfeinen Fassade im Theaterstück „Nora“, das am Samstagabend im Schauspielhaus in Neubrandenburg Premiere feierte, noch mehr nicht stimmt, versteht der Zuschauer recht schnell. Was hat das farbige Laub auf dem Boden der kompletten Wohnung zu suchen? Ein bisschen mutet die Atmosphäre wie bei Thomas Manns „Buddenbrooks“ an, als der Wintersturm die Fenster aufdrückt und alles verwüstet. Auch bei Henrik Ibsens „Nora“ peitscht sinnbildlich ein Orkan über die Szenerie hinweg. So idyllisch wie die Vorzeigeehe vordergründig wirkt, ist sie bei weitem nicht. Ach was, sie ist bis auf die Grundfesten unehrlich und deshalb unerträglich.

Es beginnt mit den kleinen Lügen des Lebens: „Nein, nein, ich habe keine Makronen gekauft“. Geht weiter mit dem verheimlichen, was Nora alles an Geschenken für die Lieben in den knallbunten Tüten hat. Und gipfelt in der fatalsten Unwahrheit: Vor Jahren fälschte Nora die Unterschrift des sterbenskranken Vaters, um einen Kredit zu erhalten, mit dem sie ihrem lebensbedrohlich erkrankten Gatten einen Reha-Urlaub finanzierte. Wovon der aber nie etwas erfahren durfte, weil er niemals Schulden aufnehmen und sich Geld leihen würde – schon gleich zwei Mal nicht von (s)einer Frau.

Nora liebt ihren Mann über alles und tut alles für ihn. Sie begeht sogar eine Straftat, deren Tragweite sie nicht im Geringsten überblickt. Nur so lässt sich erklären, weshalb sie völlig naiv sagt: „Dann müssen das sehr schlechte Gesetze sein, die nicht nach Beweggründen fragen.“ Entschuldigung – fragen Gesetze jemals nach Beweggründen? Einerseits sagt sich der Zuschauer: Wie dumm muss man sein… Andererseits empfindet man für dieses schwache, unterdrückte Persönchen doch immer wieder Sympathie, selbst wenn sie ohne Frage Unrecht beging. Das ist dieser Zwiespalt, den der norwegische Schriftsteller Ibsen mit feiner Wortwahl in seinen bürgerlichen Dramen bis zum Exzess treibt.

Zugleich mischen sich noch vier weitere Personen ins Geschehen ein: Kristine (Amanda Fiedermann), Krogstad (schön mystisch mit hochgestelltem Anzugskragen und tief ins Gesicht gezogener Mütze: Thomas Pötzsch), Dr. Rank (herrlich schrullig: Klaus-Dieter Ulrich) und Anne-Marie (Beate Biermann als leicht aufmuckendes Kindermädchen). Alle denken nur an sich, führen sich zutiefst egoistisch auf und wollen aus der herausragenden Position von Advokat Helmer ihre Vorteile ziehen. Alle natürlich nicht ganz legal und ziemlich hinterhältig.

Weitere Vorstellungen: 21. September, 19. Oktober, 16. November im Schauspielhaus Neubrandenburg und 28. September, 3., 11. Oktober, 2., 17. November und 27. Dezember im Landestheater Neustrelitz.