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Dior und ich - Mit Stardesigner Raf Simons in den Dior-Ateliers

In seiner Doku porträtiert Frédéric Tcheng den Designer Raf Simons, der auch die Haute Couture der Pariser Luxusmarke verantwortet. Ein einzigartiger Blick hinter die Atelierwände eines der berühmtesten Modehäuser der Welt.

Der Designer Raf Simons bei der Anprobe.
CIM Productions Der Designer Raf Simons bei der Anprobe.

Nur die elegantesten Frauen der besten Gesellschaft wollte der legendäre Christian Dior anziehen - mit Roben mit Wespentaille und weitschwingenden Röcken aus kostbaren, aufwendig verarbeiteten Stoffen. Sein «New Look» wurde 1947 geboren und stellte schon bald die internationale Mode auf den Kopf. Kundinnen wie Marlene Dietrich und die Herzogin von Windsor eilten zu den Schauen des Couturiers (1905-1957) nach Paris - während Feministinnen gegen Diors traditionelle Weiblichkeit protestierten. Auch der Stil auf den Straßen orientierte sich bald am elitären Geschmack des Designers, der damit die aus der Not geborene Mode der Kriegsjahre glanzvoll zu überwinden half.

Heute leitet der Belgier Raf Simons (47) als Kreativdirektor die Damenkollektionen der Firma Dior, deren Nimbus ungebrochen scheint. Doch noch immer ist das eine Welt für sich, zu der Normalbürger kaum Zutritt haben. Das macht Frédéric Tchengs Dokumentation «Dior und ich» umso einzigartiger, die dem scheuen Simons bei seiner Arbeit nun erstmals hautnah kommt und schildert, wie er den Geist des Gründers in die Gegenwart übersetzt. Und wie sich Stil-Ikonen wie Marion Cotillard, Charlène von Monaco und «Vogue»-Chefin Anna Wintour für seine Kreationen begeistern.

Dabei porträtiert Tcheng einen Mann, dem manche den Posten zunächst gar nicht zutrauten. Denn der studierte Industriedesigner Simons, Nachfolger des flamboyanten John Galliano, galt als «Minimalist». Mit seiner eigenen Herrenmodemarke hatte er ab 1995 erfolgreich eine schmale Silhouette und dunkle Farben propagiert, als Kreativdirektor bei «Jil Sander» zwischen 2005 und 2012 den Purismus neu definiert.

In Edelläden rund um den Erdball erstehen nun Fashionistas für einiges mehr als Kleingeld Pret-à-Porter, Accessoires, Parfüm und Kosmetik der Luxusmarke. Für die extrem prestigeträchtige Haute Couture, das Herz des Hauses, soll es international nur wenige hundert Käuferinnen geben. Die Preise für die in alter Handwerkskunst gefertigten Einzelstücke? Die liegen locker im fünf- bis sechsstelligen Bereich.

Tcheng, der schon an den Modefilmen «Valentino: The Last Emperor» und «Diana Vreeland - The Eye Has to Travel» mitgewirkt hat, zeigt Simons facettenreich. Persönlich wohl ähnlich sympathisch bescheiden auftretend wie sein großer Vorgänger, wirft sich Simons - bislang nur in der Edelkonfektion Zuhause - bestimmt und bestimmend in seine neue Aufgabe. Beim Blick in die Archive erforscht er die Opulenz Diors. Zugleich sammelt er Ideen, um dessen Look konsequent zu modernisieren.

«Ich wollte dynamischer werden, weil Frauen heute dynamischer sind. Sie müssen sich bewegen können», erklärt der Freund klarer Linien - und kombiniert ein nun blusenkurzes Wespentaillenkleid als Top zur engen schwarzen Hose. Simons entdeckt alte Dior-Stoffe, die nicht in der Fläche, sondern bereits in den Fäden eingefärbt wurden, was ihre Muster leicht verschwommen wirken lässt. Daraufhin überzeugt der Kunstfreund eine Weberei, in der Kürze der Zeit abstrakte Bilder des Amerikaners Sterling Ruby auf Seiden zu übertragen - woraus etwa ein umwerfendes Bustierkleid entsteht.

Regisseur Tcheng drehte, als Simons nach seiner Ernennung am 9. April 2012 in Rekordzeit von nur zwei Monaten seine erste Damen-Haute-Couture-Kollektion zu entwerfen hat - die dann Anfang Juli von Presse und Publikum triumphal aufgenommen wurde. Zum Glück, denn die Mode ist ja auch ein Geschäft und Simons hat sich auch gegenüber den Dior-Finanziers zu profilieren. Der Job eines Chefdesigners hat zwar mit Glamour zu tun, ist selbst aber ein Knochenjob. Dass der nur im Team mit unprätentiösen und gewitzten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen möglich ist, wird im Film schnell deutlich. Teilweise schneidern und nähen sie schon seit mehr als vierzig Jahren im Haus.

Ein sehr charmante Anekdote im Film ist auch, wie Simons aus seinem Besuch von Diors Geburtshaus in der Normandie einen Extra-Clou für seine finale Show entwickelt. Die Pastell-Farben und der üppige Blumengarten inspirieren ihn dazu, in einem alten Pariser Privatpalais die Wände mit Blüten förmlich zu pflastern. Und auch das ist berührend zu sehen: Am Ende, als der Beifall prasselt und die Hochspannung abfällt, kann der Stardesigner seine Tränen nicht zurückhalten.