Zum Start von "Das ewige Leben":

Ein Gespräch mit Autor und Hauptdarsteller Josef Hader

Drei Mal schon schlüpfte Österreichs bekanntester Kabarettist Josef Hader (53) in die Rolle des abgehalfterten Ex-Polizisten Simon Brenner. Wir sprachen mit Josef Hader über den Film „Das ewige Leben“, Integrationspolitik und Lebensentwürfe.

Kabarettist Josef Harder hat in "Das ewige Leben" seinen vierten Auftritt als Ex-Polizist Brenner.
Majestic Kabarettist Josef Harder hat in "Das ewige Leben" seinen vierten Auftritt als Ex-Polizist Brenner.

Herr Hader, Brenner ist stetig auf dem absteigenden Ast. Können sich gerade deshalb viele Menschen mit ihm identifizieren?

Es ist ja eine Art Grundgeheimnis von Kino und auch von Theater, dass man hier Dinge gefahrlos anschauen kann, die man selbst nicht unbedingt durchleben möchte. Man kann sich von Ereignissen erschüttern lassen, die man im eigenen Privatleben nicht braucht. Das war schon das Urgeheimnis der griechischen Tragödie. Wir schauen gern anderen Menschen dabei zu, wenn sie Naturkatastrophen erleiden, sich mit Verkehrsunfällen und Scheidungen herumschlagen. Anschließend kommt man froh aus dem Kino und kann das eigene Leben wieder angehen.         

Wenn drei Autoren an einem Drehbuch arbeiten, verheißt das oft nichts Gutes. Die „Brenner“-Filme sind jedoch wie aus einem Guss. Sind Sie, Wolf Haas und Wolfgang Murnberger Brüder im Geiste?

Eigentlich nicht. Wir kommen aus sehr unterschiedlichen Ecken und beachten beim Schreiben unterschiedliche Dinge. Aber wir sind sehr eingespielt und haben so eine Kultur des Streitens. Niemand wird laut, aber es ist auch niemand im Stillen beleidigt. Wir arbeiten geduldig, bis wir eine Lösung finden, mit der wir alle einverstanden sind. Und gerade weil wir so unterschiedlich sind und die Dinge aus ganz verschiedenen Blickwinkeln sehen, ist diese Lösung häufig keine ganz schlechte.

Die ersten drei Brenner-Filme waren sehr erfolgreich. Können Sie sich beim Schreiben gut von Erwartungshaltungen freimachen?

Die Erwartungshaltung im Kino ist nie ganz klar. Wir selbst können unseren Film überhaupt nicht einschätzen, wenn wir ihn fertiggestellt haben, weil wir zu nah dran sind. Man sieht nur mehr die Dinge, die nicht funktionieren. Dann treffen wir die ersten Journalisten, die den Film gesehen haben und merken schon ein bisschen, wie die Stimmung ist. Dann sehen wir den Film mit den Zuschauern auf der Premiere und entdecken die Dinge, die gelungen sind. Es ist, als würde man neu erfahren, was für einen Film man eigentlich gemacht hat.  

Wann wissen Sie, dass das Drehbuch fertig ist?

Wir wissen, dass das Drehbuch fertig ist, wenn wir keine Zeit mehr haben, weil der Dreh beginnt. Wir wissen es aber auch, weil wir schon die Schauspieler kennen, mit ihnen gelesen, ihre Eindrücke gesammelt und sie in die letzte Fassung eingebracht haben. Als letzten Schritt versuchen wir dem Drehbuch mit Hilfe der Schauspieler immer noch einen finalen Schliff zu geben. In diesem Fall hat das besonders gut funktioniert.      

Wird es einfacher oder schwerer, neue Facetten zu zeigen, wenn man eine Figur bereits verinnerlicht hat?

Es wird grundsätzlich immer schwerer, einen Film zu machen, der sich von den anderen unterscheidet. Was die Rolle betrifft, wird es natürlich auch schwieriger, weil wir versuchen, immer tiefer in die Figuren hineinzukommen, auch in den Brenner. Man geht immer mehr ans Eingemachte, damit steigen automatisch die Anforderungen an den Schauspieler.  

Haben Sie sich mittlerweile eine Genre-Bezeichnung für den Film ausgedacht?  

Da wir uns ja ohnehin nie in ein richtiges Genre einordnen lassen, sage ich jetzt mal, dass dieser Film der Cop-Film unter den Brenner-Filmen ist.  

Ist es nicht unheimlich teuer, die Rechte an einem Klassiker wie  „When I was young“ von „The Animals“ einzukaufen, der im Film eine wichtige Rolle spielt?

Ja, die Produktion hat ein bisschen geschluckt. Aber wir haben diese Musik für unabdingbar gehalten. Wir haben sehr dafür gekämpft und jetzt ist der Titel drin, der das Lebensgefühl jener Zeit wiedergibt, in der Brenner und all seine Schulfreunde jung waren.  

Der Film wartet mit einer Verfolgungsjagd à la James Bond auf. Genießen Sie auch die Rolle des Actionhelden?

Es ist ja eine österreichische Verfolgungsjagd und sie wird ganz sicher als eine der langsamsten Verfolgungsjagden in die Geschichte des Films eingehen. Trotzdem war es nicht einfach, denn es war ein sehr altes Moped, auf dem ich da gefahren bin. Das Heck war recht aktiv, das Hinterrad war ein bisschen unruhig, wie das bei alten Fahrzeugen oft der Fall ist. Deshalb war es nicht so einfach, diese an sich nicht so gefährlichen Fahrten zu machen. Wenn ich zwischen einem LKW und einer Tunnelwand fahren soll, ist das eigentlich kein Problem. Aber was ist, wenn an diesem Moped irgendetwas kaputt geht? Es ist typisch am österreichischen Film, dass es wirklich alt ist und nicht verstärkt oder erneuert  wurde. Ich habe eine Mütze auf dem Kopf, die in keiner Weise Sicherheit bietet. Wenn etwas passiert, dann kann einen wohl keiner mehr retten. Deshalb war ich auch ganz froh, als diese Szenen vorbei waren.    

Im Film heißt es: „Das System Kapitalismus ist am Ende.“. Sehen Sie das ähnlich?

Ein Wirtschaftssystem sollte so funktionieren wie eine Wasserleitung. Es sollte Dinge zu den Menschen hinbringen, die sie brauchen. Und es braucht einen gewissen Anreiz zu arbeiten, damit man diese Dinge bekommen kann. Und da muss ich sagen, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen, liberalen Form eine ganz schlechte Wasserleitung ist. Wenn man in einem Vollzeitjob arbeitet und seine Familie trotzdem nicht ernähren kann, dann stimmt irgendetwas nicht mit dem System.

Haben die Brenner-Filme einen politischen Anspruch?

Nein, eigentlich nicht. Auch bei diesem Film haben wir wieder vor der Frage gestanden, inwieweit wir bestimmte, gesellschaftspolitische Bezüge übernehmen, die im Roman zu finden sind. Wir haben uns dazu entschlossen, diese Dinge lieber nicht einzubringen, bevor wir sie ein bisschen am Rande behandeln. Wir hätten es nicht richtig gefunden, schwerwiegende Dinge wie die Roma-Problematik oder das Problem einer rechten Bürgerwehr in einer Stadt so nebenbei vorkommen zu lassen. Wir haben uns entschieden, ganz auf die Hauptfiguren fokussiert zu bleiben, das Drama in der Komödie passieren zu lassen und nicht allzu viele Nebenaspekte zu zeigen.    

Was muss ein Regisseur oder ein Produzent anbieten, um das Interesse des Schauspielers Hader zu wecken?

So wie es aussieht, die Mitarbeit am Drehbuch. Ich habe bei fast allen Filmen am Drehbuch mitgearbeitet. Es gibt aber auch die Ausnahme, dass ein Buch gleich richtig gut ist und die Rolle so für einen gemacht zu sein scheint, dass man sofort zusagt. Das ist aber eher selten.  

In der Dokumentation „Morgenland im Abendland“ haben Sie sich jüngst mit zwei Kulturen auseinandergesetzt, die zunehmend in Konflikte geraten. Mit welchen Gefühlen beobachten Sie diese Entwicklung?

Ich glaube, dass aktuelle Geschehnisse und generell die Zeitstimmung uns nahelegen, dass Integration überhaupt nicht funktioniert. Und ich glaube, dass das ein zutiefst falscher Eindruck ist. Man muss es objektiv beurteilen und darf nicht nur dorthin schauen, wo es gar nicht klappt, zum Beispiel nach Neukölln, um das „berühmte“ Buch anzusprechen. Wenn man sich das ganze Land anschaut, und da spreche ich von Österreich und von Deutschland, muss ich sagen, dass Integration zu einem großen Prozentsatz funktioniert. Natürlich darf man nicht beiseiteschieben, dass es wirklich große Problembereiche gibt. Diese Problembereiche entstehen vorwiegend dort, wo Jugendliche keine Arbeit und keine Perspektive mehr finden. Das ist ein wirtschaftliches Problem, kein Integrationsproblem. Man hat auch bei sogenannten „Inländern“ das Phänomen, dass Jugendliche abdriften, die keine Perspektive sehen. Das wird zum Migrationsproblem, weil der Prozentsatz derer, die keine Arbeit finden, unter den Migranten größer ist als unter Nicht-Migranten. Man sollte die Kirche im Dorf lassen und genau anschauen, wo die Problemfelder liegen. Und die Politik ist in der Verantwortung, diese Probleme stärker anzugehen. Aber am Erwecken des falschen Eindrucks, dass Integration überhaupt nicht funktioniert, können doch eigentlich nur rechte Kreise ein Interesse haben.

Wie unterscheiden sich des deutsche und das österreichische Publikum bei Ihren Liveauftritten?

Man kann nicht sagen, dass das nach Nationen getrennt ist. Die Unterschiede betreffen vielmehr die Locations. Ein Theaterpublikum reagiert anders als das Publikum in einem Club oder an einer Uni. Hier sind die Unterschiede größer, als wenn ich in Wien, München oder Berlin spiele. Ich habe ohnehin das Gefühl, dass die nationalen Unterscheidungen „Die Deutschen“ und „Die Österreicher“ nicht hinhauen, gerade was den Humor betrifft. Humor ist eigentlich etwas sehr regionales.

Sie haben das Lehramt studiert. Denken Sie manchmal darüber nach, ob Sie als Lehrer auch hätten glücklich werden können?

Eigentlich nicht. Aber wenn ich es mir jetzt vorstelle, dann denke ich, dass das Glück nicht unbedingt vom Beruf abhängt. Ich wäre wahrscheinlich nicht unglücklicher als jetzt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich in meiner momentanen Situation glücklich bin. Vielleicht wäre ich als Lehrer oder Cafehaus-Kellner sogar glücklicher geworden. Das weiß man nie. Man kann leider kein zweites Leben neben das eigene stellen und sie vergleichen.

Um den Filmtitel aufzugreifen, auch wenn er ein wenig anders gemeint ist: „Das ewige Leben“ – wäre das ein Traum oder ein Alptraum?

Das ist eine schwere Frage. Im ersten Moment würde man sagen, ein Alptraum. Aber ich bin unheimlich interessiert an Geschichte. Wenn wir in der Schule die neuen Geschichtsbücher bekommen haben, habe ich sie sofort am Stück mit glühenden Ohren durchgelesen. Ein ewiges Leben würde einen dazu befähigen, alle Epochen zu durchleben und zuzuschauen. Aber wahrscheinlich würde das wahnsinnig fad werden. Man kann ja nicht wie im Geschichtsbuch weiterblättern. Wenn schon ein ewiges Leben, dann eines, in dem man vor und zurück zappen kann.

Sie arbeiten an Ihrem Regiedebüt „Die wilde Maus“. Was können Sie darüber verraten?

Es ist noch ein ungelegtes Ei. Ich reiche den Film im Frühjahr für die Österreichische Filmförderung ein. Mehrere Gremien müssen zustimmen, damit ich das Geld zusammen habe. Ich kann sehr wenig darüber reden, weil ich wahrscheinlich erst Ende des Monats weiß, ob ich den Film machen kann oder nicht. Aber es wäre der Versuch, einen Film zu drehen, den ich ganz allein geschrieben habe und bei dem ich auch Regie führen möchte. Entweder, es wird etwas und ich habe im Sommer sehr viel zu tun. Oder ich kann in aller Ruhe ein neues Programm schreiben. Ich schaue also gelassen in die Zukunft und warte ab.

 

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