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Ein Gespräch mit „Börsenprophet“ Martin Armstrong

Der Börsenanalyst Martin Armstrong hat die erste Million als Teenager gemacht. In den 1980-er Jahren verband der US-Amerikaner seine Computerkenntnisse mit einem ausgeprägten Interesse für historische Zusammenhänge und entwickelte so einen Code für die Zyklen der Weltwirtschaft. Den nächsten großen Crash prophezeit der 65-jährige für kommenden Oktober. 12 Jahre hat Armstrong im Gefängnis zugebracht, ohne dass ihm je ein Prozess gemacht wurde. Offiziell wegen Betruges von japanischen Anlegern. Vielleicht aber auch, weil er sich weigerte, der Regierung seine Erfolgsformel auszuhändigen.

Mr. Armstrong, haben Sie sich die Entscheidung leicht gemacht, diesem Filmprojekt zuzustimmen?

Nein. Tatsächlich wurde ich zuerst von ein paar amerikanischen Freunden gefragt. Ich habe abgelehnt, obwohl etliche Journalisten auf meiner Seite gewesen sind. Gretchen Morgenson hat mich auf das Titelblatt der „New York Times“ gebracht. Plötzlich kam ein Anruf von der Regierung, dass sie nicht mehr über mich schreiben darf. Auch bei Bloomberg wurde jede Nachricht über mich gelöscht. Ich schätze mal, dass Edward Snowden aus diesem Grund mit dem britischen „Guardian“ gesprochen hat. Wäre er in irgendeinem amerikanischen Haus aufgekreuzt, hätte man ihm eine Tasse Kaffee angeboten und darauf gewartet, dass die NSA ihn abholt. Es liegt nicht an den Journalisten selbst, es liegt an den Häusern, für die sie arbeiten. Dieses System muss man verstehen. Ich war mit Marcus einverstanden, weil er kein Amerikaner war. Hier sah ich die Chance, tatsächlich etwas zu bewegen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Euro?

Nicht sehr optimistisch. Brüssel kämpft momentan darum, den Euro zu behalten. Das ist alles, was sie interessiert. Was mit den Bürgern passiert, ist nicht von Bedeutung. Sie wollen nur ihre Jobs in Brüssel behalten. Ich habe schon vor 1997 mit diesen Leuten gesprochen. Ich habe ihnen erklärt, was den Dollar so erfolgreich gemacht hat. Gründervater Alexander Hamilton hat dafür gesorgt, dass die Schulden aller Bundesstaaten in eine nationale Schuld umgewandelt werden. So ist der US-Dollar entstanden. Von diesem Zeitpunkt an war jeder Bundesstaat für seine eigenen Schulden verantwortlich. Wenn man in einer Föderation wie Europa zusammenarbeiten möchte, hätte man zunächst alle gemeinsamen Schulden konsolidieren müssen. Ein Land macht danach neue Schulden? Okay, aber das sind dann allein deine.

Ihrer Meinung nach sollte es Regierungen gar nicht erlaubt sein, Geld zu leihen?

Diese Leute sind offensichtlich nicht mal dazu in der Lage, einen Kaugummiautomaten zu managen. Niemals wird sie jemand für etwas anklagen, sie stehen über dem Gesetz. Es existieren Exposees, die zeigen, dass Kongressabgeordnete Insiderhandel betreiben können. Es ist nicht illegal für diese Leute. „60 Minutes“ hat darüber berichtet. Ich habe nicht viel Hoffnung, dass sich daran etwas ändern wird. Ich bin damals auf einer Konferenz in London mit Leuten zusammengetroffen, die den Startschuss für den Euro gegeben haben. Ich habe ihnen gesagt, dass sie zuerst die Schulden konsolidieren müssen, sonst werden sie niemals mit dem Dollar mithalten können. Große Institutionen brauchen einen Platz, um ihr Geld zu parken. Sie haben erwidert, dass das zu diesem Zeitpunkt nicht möglich sei. Dafür würden sie keine Wählerstimmen bekommen. Sie wollten zuerst die Währung. Als es darum ging, sich den Schulden zu widmen, waren die meisten dieser Leute einfach verschwunden. Andere haben das Ruder übernommen und einfach vergessen, was gesagt worden ist. Regierungen werden von Rechtsanwälten gesteuert, die über keinerlei Erfahrung verfügen. Und sie haben kein Verständnis für die Dinge, die da vor sich gehen. Man geht nicht zu einem Orthopäden, wenn man eine Gehirnoperation benötigt. Aber bei Politikern entscheidet manchmal ein schönes Lächeln darüber, ob du an die Macht kommst. Sie haben keinerlei Qualifikationen. Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, ist Rechtsanwältin. Was legitimiert sie, Ländern vorzuschreiben, was sie machen sollen? Dafür ist sie gar nicht ausgebildet.

Warum arbeiten Sie nicht für die Regierung?

Das hat man mich schon gefragt. Aber das ist eine andere Geschichte. Man hat mich mit Leuten zusammengebracht, die sich um das Amt des Präsidenten bewarben. Man erklärte, dass ich eingeladen sei, um ihnen die Lage der Weltwirtschaft zu erläutern. Eigentlich wollte man aber nur erfahren, was ich von diesen Leuten halte. Man fragte mich auch, ob ich dazu bereit wäre, im Weißen Haus als Chef der Wirtschaftsberatung zu arbeiten. Das habe ich abgelehnt, schließlich habe ich ein Geschäft zu führen. Es würde zu viele Interessenskonflikte generieren. Und sollte ich wirklich alles aufgeben für einen Job, den ich vielleicht zwei Jahre lang ausübe? Niemand, der etwas Substanzielles aufgebaut hat, würde sich darauf einlassen. Der Laden wird von den Bürokraten geschmissen, von Leuten, die niemals gewählt wurden. Wenn das, was ich den Unterbauch nenne, einmal die Kontrolle übernommen hat, wollen sie die Macht nicht mehr abgeben. Sie sind sich nicht zwangsläufig bewusst, dass ihr Handeln dem Land schadet. Ihrer Meinung nach tun sie das Richtige. Dabei haben sie keine Ahnung davon, was sie eigentlich anrichten.

Was raten Sie Otto Normalverbraucher, um wenigstens ein bisschen auf den großen Knall vorbereitet zu sein, der sich anbahnt?

Uns muss klar sein, dass Spitzen-Ereignisse wie der Schwarze Donnerstag 1929 oder die Krise von 2007 unterschiedliche Ursachen haben. Man kann in Ereignissen wie der Immobilienkrise 2007 oder der dotcom-Blase die Auswirkungen von Modeerscheinungen sehen. Die gegenwärtige Krise ist von den Regierungen gemacht. Aktuelle Umfragen zeigen, dass 75 % der US-Bürger den Politikern nicht mehr vertrauen. Bei Ihnen in Europa verhält es sich ähnlich. Jeder fühlt, dass etwas absolut nicht mehr in Ordnung ist. Plötzlich werden die Zinsen negativ, das ist Wahnsinn. Die ältere Generation wird einfach weggefegt. Man hat sich etwas für den Ruhestand zurückgelegt und nun gibt es negative Zinsen. Man hat sein Leben lang Steuern bezahlt. Und nun nehmen sie dir, was du angespart hast. Als ich letztes Weihnachten einkaufen war, sah ich mir die Menschen hinter den Ladentischen genau an. Es waren alles grauhaarige Leute, kaum mehr Teenager. Sie waren darauf angewiesen, diesen Job anzunehmen, um Weihnachten über die Runden zu kommen. Neulich hat mich ein Fahrer zum Büro gebracht, der 76 Jahre alt war. Es ist eine Schande. Die Jungendarbeitslosigkeit steigt stetig, die ältere Generation kann nicht mehr von ihren Ruhestandbezügen leben. Wer bleibt eigentlich noch übrig?

Fühlen Sie sich manchmal wie ein Don Quixote, der gegen Windmühlen kämpft?

Nein, nicht wirklich. Es hat mich überrascht, als Marcus kam und sagte, dass er mich filmen möchte. Was wollte er zeigen? Wie ich mir meine Zähne putze? Also begann ich, ein Seminar zu organisieren. Ein alter Weggefährte meinte, ich könne mich glücklich schätzen, wenn dort 25 Leute aufkreuzen. Das schien mir okay zu sein. Letztendlich war der Ballsaal mit 300 Leuten gefüllt und 300 weitere mussten wir wieder nach Hause schicken. Beim nächsten Mal haben wir gleich 1.000 Plätze verkauft, Leute flogen extra aus China, Japan oder der Türkei ein. Sie kamen von überall. Als ich fragte, warum sie das auf sich nehmen, entgegneten sie mir, dass sie sicher gehen wollten, dass ich es wirklich bin. Schließlich könnte die Regierung behaupten, Martin Armstrong hätte sonst was geäußert. Das hat mir einmal mehr gezeigt, wie wenig man der Regierung vertraut.

Es ist kein Geheimnis, dass die Wirtschaft periodisch funktioniert. Warum ist Ihre Pi-Formel dann so ein Mysterium?

Es wurden so viele Versuche unternommen, den Kreis der wirtschaftlichen Entwicklung zu durchbrechen, aber er gewinnt immer. Auch Marx sprach von einem Wirtschaftszyklus. Und wenn niemand etwas besitzt, könnten wir das perfekte Utopia erschaffen. Er hat nicht eingerechnet, dass die Politiker auch Menschen sind, die korrupt werden können. Dann kam John Keynes und meinte, wird können den Markt regulieren, in dem wir Zinsen heben oder senken. All diese Dinge hören sich in der Theorie gut an. Aber was passiert, wenn die Regierung der größte Schuldner ist? Man kann einen Kreislauf nicht stoppen, wenn man selbst ein Teil davon ist. Das Problem ist, dass die Politik auf dem Prinzip basiert: „Wählt mich und ich mache dieses und jenes für euch.“. So wird man nie dazu in der Lage sein, etwas zu ändern.

Die Zahl Pi steht für den perfekten Kreis. Ich war überrascht, dass sie bei meinen Berechnungen so präzise herauskommen würde. Das hätte ich selbst nicht gedacht. Ich bin eines Nachts darüber gestolpert und dachte, schau dir das mal an! Es ist keine Theorie, ich habe diesen Zusammenhang nur entdeckt. Keine Ahnung, was das Modell wirklich so präzise macht. Vielleicht wird es die nächste Generation herausfinden. Es ist sehr seltsam, aber der wirtschaftliche Kreislauf wird von allen möglichen Faktoren beeinflusst, auch von der Natur. Wenn der Frühling kommt, sind die Leute glücklich. Sie gehen hinaus und kaufen sich etwas Schönes. Wenn der Winter naht, bleiben sie lieber zu Hause. Wenn man sich den Aktienmarkt anschaut, erreicht er seine Höchststände immer im September oder im Oktober. Ich weiß nicht, warum. Wir werden von mehr Faktoren beeinflusst, als wir uns eingestehen. Oft reagieren Menschen wie eine Herde Zebras. Ein Zebra sieht den Löwen und beginnt zu rennen und alle rennen hinterher. Sie wissen nicht, warum sie rennen, aber einer von ihnen hat schließlich den Anfang gemacht. An der Börse beginnt einer zu verkaufen und plötzlich verkaufen auch alle anderen.

Haben Sie manchmal Alpträume vom Gefängnis?                     

Nein. Es ist nicht so wie im Kino. In diesem Staatsgefängnis saßen nur vier Prozent Gewaltverbrecher ein. Man geht normalerweise respektvoll miteinander um. Ich hätte erwartet, dass es so zugeht, wie man es in Filmen sieht, aber so ist es nicht. In New York kam ein Wachmann auf hundert Insassen, später war es ein Wachmann für vierhundert Leute. Sie trugen keine Schusswaffen, weil sie in einer Sekunde hätten überwältigt werden können. Sie waren sich dieser Situation bewusst und sind sehr vernünftig mit uns umgegangen. Einmal ist in dem New Yorker Gefängnis ein Feuer ausgebrochen. Wir haben uns geweigert, dorthin zu gehen, wo man uns hinbringen wollte, weil aus dieser Richtung der Rauch kam. Die Wärter wussten nicht, was sie tun sollten. Und am nächsten Tag sagte mir einer von ihnen, er hätte es ja auch nicht gemacht.

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