White House Down:

Ein Gespräch mit Regisseur Roland Emmerich

Donnerstag kommt „White House Down“ ins Kino. Wir trafen Regisseur Roland Emmerich in Berlin zum Gespräch.

Roland Emmerich.
Etienne Laurent Roland Emmerich.

Herr Emmerich, was macht Ihnen so große Freude daran, das Weiße Haus zu zerstören?
Das ist so eine Entwicklung gewesen. Als wir „Independence Day“ geschrieben haben, stand die Frage im Raum, welches Gebäude in Washington in die Luft fliegen soll. Dean (Anm.: Devlin, Co-Autor) schlug das Kapitol vor. Ich hielt es für viel brisanter, wenn das Weiße Haus in die Luft fliegt. Es ist in Amerika so eine heilige Kuh. Fox hat sich dagegen gewehrt, diese Szene in den Teaser zu schneiden. Ich habe dann vorgeschlagen, den Teaser mit und ohne Explosion des Weißen Hauses zu testen. Mit der Szene drin hat er sehr viel besser abgeschnitten. Es war ein Schock, dieses Haus in die Luft fliegen zu sehen. Wenn man einmal so etwas macht, dann ist es so ähnlich, als hätte man einen Superhelden erfunden.

Inwiefern?
Du wirst immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob das Weiße Haus in die Luft fliegen soll oder nicht. Beim letzten Mal, bei „2012“, hat Harald (Anm.: Kloser, Co-Autor) gesagt: „Wenn Du das Weiße Haus diesmal nicht zerstörst, werden alle Leute fragen: Warum eigentlich nicht?“. Als ich den Titel „White House Down“ auf dem Drehbuch gelesen habe, war meine erste Reaktion: „Nee, das mache ich nicht. Das wird ja absurd.“. Dann habe ich das Skript aus Respekt doch gelesen. Jeder in der Stadt hat darüber geredet und viele meiner Freunde wollten es haben. Ich wollte es wenigstens anlesen, um mitreden zu können. Und dann war es irgendwann 2.30 Uhr morgens und ich dachte, mein Gott, das ist wirklich gut. Dann will man das auch machen. Man kriegt nicht so viele gute Stoffe von außen. Ich war gerade mit meinem eigenen Stoff „Singularity“ über den nächsten Schritt in der Evolution irgendwie steckengeblieben. Deshalb muss ich jetzt wieder die Frage nach dem Weißen Haus beantworten.

Mit „Olympus Has Fallen“ ist gerade erst ein Film mit einer ganz ähnlichen Thematik wie „White House Down“ erschienen.
Als ich den Job übernommen habe, wusste ich nicht, dass dieses Projekt existiert. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht. Ich habe mich immer so darüber geärgert, wenn zwei oder drei Filme über das gleiche Thema gedreht worden sind. Manchmal sind Filme dann so verschieden, dass es eigentlich nichts ausmacht. „Volcano“ spielte zum Beispiel in der Stadt, „Dantes Peak“ auf dem Land. Bei diesem Film war es ein bisschen sehr nahe beieinander. Es geht ja um dasselbe Haus.

War es ein Problem bei der Kinoauswertung, dass die Konkurrenz zuerst gestartet ist?
Ich glaube, das war ein riesiges Problem. In Amerika ist das ein bisschen anders als hier. Als wir unsere erste Werbung im Netz hatten, wurde sofort getwittert: „Warum noch einer?“. Wir haben gesagt, vielleicht ist unser Film ja besser. Aber das interessiert die nicht. Das Einspielergebnis wird aber immer besser. In Japan und China sind wir sehr gut gelaufen. In Amerika ist es auch ein Problem, dass der Film so ein bisschen links oder demokratisch daherkommt. In den USA gibt es gerade eine Gegenbewegung, eine Anti-Obama-Bewegung. Ich glaube, dass diese Bewegung kein Zufall ist, sondern von der rechtsgerichteten Presse gesteuert wird. Von daher hoffe ich, dass es hier besser läuft.

Zumal sich der Film nah am Puls der Zeit bewegt. Ein Zufall?
Es dauert unheimlich lange, bis ein Drehbuch fertig ist und bis man den Film verkauft hat. Man kann nie wirklich auf Aktualität bauen. Aber wenn man einen ehrlichen Film macht, selbst wenn er „nur“ Unterhaltung ist, muss man sich genau überlegen, was in der Welt eigentlich wichtig ist. Das ist natürlich das Internet, im Negativen wie im Positiven. Es war meine Idee, dass das Mädchen (Anm.: die Tochter des Filmhelden) einen YouTube-Channel hat. Sie redet über WikiLeaks und solche Sachen. Auf der anderen Seite haben wir den Hacker, der bei der Sache nur mitmacht, weil er die ganzen Geheimnisse klauen will. Der Film spricht sich auch klipp und klar gegen Lobbyismus in Amerika aus. Ich finde zum Beispiel, dass die ganzen Wahl-Finanzierungsgesetze völlig daneben sind.
   
Muss man trotzdem tief durchatmen, wenn der Film in Amerika so hinter den Erwartungen zurückbleibt?
Ja, klar. Das ist immer so. Es war speziell ein Schock für das Studio, das das Skript gekauft und den Film initiiert hat. Ich glaube, nach „Independence Day“ hatte „White House Down“ die besten Testergebnisse, die ich jemals erzielt habe. Alle meine Freunde haben gesagt: „Wenn das jetzt kein Hit wird, weiß ich auch nicht.“. Aber so geht es halt nicht in Amerika. Das sind manchmal so bestimmte Dinge, die passieren müssen, damit etwas im Zeitgeist liegt. Wir waren halt nicht im Zeitgeist. Gewisse, nach rechts tendierende Publikationen haben von einem „Obama-Porno“ geredet. Das willst du eigentlich über einen Film nicht sagen. Dann bleiben 50 Prozent der Leute weg und sagen, das schaue ich mir nicht an.

Sie selbst mussten sich den Schuh nicht anziehen lassen?
Nee. Ich habe meinen Job so gut gemacht, wie ich kann. Kein Mensch bei Sony macht mich für das schlechte Abschneiden verantwortlich. Es ist ja eine weltweite Frage. Der Film wird ein bisschen weniger machen, als er gekostet hat. Aber ich glaube, er ist gut genug, dass er im Fernsehen so lange läuft, dass am Ende positive Zahlen herauskommen. Es gibt Filme, die beim Kinostart sehr erfolgreich sind, aber kein langes Leben haben. Und es gibt Filme, die zunächst nicht so erfolgreich sind, wie zum Beispiel „Der Patriot“. Im Fernsehen ist er heute weltweit einer der am meisten gesehenen Filme.

In Ihren Filmen fließt selten Blut.
Ich hasse es, wenn Blut durch die Gegend spritzt. Ich versuche immer, es unterhaltend zu machen und mit Humor dagegen zu wirken. Ich selbst frage mich immer bei Filmen mit der Altersfreigabe FSK 18, in denen viel Brutalität stattfindet, ob ich mir das jetzt wirklich antun möchte oder nicht. Ich glaube nicht, dass Leute aus diesem Film herauskommen und behaupten, sie hätten eine schlechte Zeit gehabt.

Ist der Verzicht auf Blut nicht verharmlosend?
Aber die Guten gewinnen. Vielleicht würde ich mich anders fühlen, wenn ich ein Spieleentwickler wäre, der diese Ballerspiele macht, bei denen man umso mehr Punkte bekommt, je mehr Leute man erschossen hat. Spiele, in denen es keine Moral, kein Gut und kein Böse gibt, sondern nur den Punktestand. Solche Spiele stumpfen wesentlich mehr ab als ein Film wie „White House Down“.

Wie hat Obama auf den Film reagiert?
Das wissen wir nicht. Nicht einmal Jamie (Anm.: Foxx, der Darsteller des Präsidenten) weiß das, obwohl er ein Freund des Präsidenten ist. Obama muss ohnehin schon unheimlich aufpassen, was er macht. Letztens ist er kritisiert worden, weil er bei einem der Marines, die an seinem Helikopter stehen, nicht salutiert, sondern ihm die Hand geschüttelt hat. Das war ein riesiger Skandal in Amerika, ein bisschen so wie damals, als Janet Jackson einen Nippel gezeigt hat. Um Gottes willen! In diesen Film sind viele Dinge eingeflossen, die ich täglich in Amerika beobachte. Es ist ja nicht so, dass es nur um Unterhaltung oder um Gewalt geht. Viele Dinge reflektieren Amerika so, wie ich es sehe.

„Independence Day“ haben Sie sich noch mit Bill Clinton im Weißen Haus angeschaut.
Ja, aber mit Aliens ist das einfach. Die werden nicht kommen.

Werden nun tatsächlich Fortsetzungen von „Independence Day“ gedreht werden?
Da bin ich ständig dran. Wir haben uns jetzt entschieden, nur einen Teil zu machen. Es wäre ein bisschen arrogant zu sagen, wir machen schon zwei. Die Leute sollen schon entscheiden, ob sie das nochmal sehen wollen oder nicht. Wir schreiben ein Drehbuch nach dem anderen. Ich werde entscheiden, wann das Drehbuch absolut perfekt ist. Wenn es nicht absolut perfekt ist, mache ich es nicht.

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