"Wir haben voll draufgehalten":

Ein Gespräch mit Schauspieler Armin Rohde

Armin Rohde spielt in "Im Weißen Rössl – Wehe, Du singst!" den Vater der Filmheldin Ottilie Giesecke. Ein Gespräch über Kitsch, Lederhosen und Sex vor der Kamera.

Armin Rohde.
dpa Armin Rohde.

Herr Rohde, was ist das bloß für ein Film?

Eine gute Frage. Er erinnert mich so ein bisschen an „Grease“ mit John Travolta und Olivia Newton-John. Die bekannte Version mit Peter Alexander aus 1960 habe ich nie gesehen. Wenn ich Filme drehe, möchte ich mich immer von anderen Vorlagen frei machen, um wirklich frisch an die Arbeit gehen zu können. Was ist das für ein Film? In erster Linie einer, der Spaß macht und auch nicht so tut, als hätte er irgendetwas anderes im Sinn. Wir haben keine Botschaft, außer vielleicht: „Genieße das Leben!“. Es ist einfach ein Unterhaltungsfilm.

…mit einem Hauch von Bollywood?

Ja, auf jeden Fall. Das war auch die Absicht.

Wie hat man Sie für das Projekt erwärmt?

Ich habe mit Regisseur Christian Theede schon den Kinder-Märchenfilm „Der Meisterdieb“ gedreht. Dabei habe ich mitbekommen, dass der Mann sein Handwerk beherrscht und sehr genau weiß, was er vorhat. Das schafft Vertrauen. Ich genieße es sehr, wenn ich einerseits meine eigenen Ideen und Vorstellungen mit einbringen darf, aber auch auf die Geschmacksnerven des Regisseurs vertrauen kann. Das war hier gegeben.

Ist es für Sie ein natürlicher Vorgang, vor der Kamera zu singen, oder kostet Sie das Überwindung?

Da habe ich keine Manschetten, nee. Ich komme ja vom Theater und dort habe ich „Mackie Messer“ und solche Sachen gespielt und auch auf der Bühne gesungen. Vor der Kamera zu singen, ist eigentlich noch einfacher, weil man ja die Möglichkeiten des Schnitts hat.

Wer ist dieser Mann, den Sie spielen?

Zunächst einmal ist er der Vater der Hauptdarstellerin. Aber mir kam er auch so ein bisschen vor wie ein alter Zauberer, wie Don Genaro in den Büchern von Carlos Castaneda. Jemand, der mit den Augen blinkert, und plötzlich ist es eben so. Er nimmt eine merkwürdige Abkürzung und blitzartig ist der Berliner Regen weg und die Sonne strahlt. Er lässt die seligen Erinnerungen seiner Jugend noch einmal aufleben, um seiner Tochter zum Glück zu verhelfen.

Hatten Sie Probleme damit, den Vater einer Frau zu spielen, die auch schon erwachsen ist?

Naja, ich bin jetzt 58 und in anderthalb Jahren werde ich sechzig. Das begreift man selbst eigentlich gar nicht. Es ist nicht so lange her, dass in Kritiken zu lesen war, dass ich zu den „Jungen Wilden“ gehören würde. Plötzlich spielst du Väter oder sogar Großväter, da fragst du dich schon, wer dein Zeitkonto geplündert hat.

Hatten Sie selbst nie einen Kinderwunsch?

Nein, das hat nie zu meiner Lebensplanung gehört. Ich wollte immer Schauspieler sein. Und jetzt nochmal damit anzufangen – nee. Das muss nicht sein.

Der Film beweist Mut zum Kitsch.

Ja, wir haben voll draufgehalten. Wenn einer anfängt, Liebesworte zu flüstern, geht der Mond auf – und in dem Moment, in dem es schief geht, auch schlagartig wieder unter. In diesem Fall wäre Dezenz auch wirklich Schwäche. Weniger ist weniger und mehr ist mehr.

Wie lautet Ihre eigene Definition von „Kitsch“?

Kitsch ist, wenn es etwas mehr ist, als man eigentlich braucht, um es zu verstehen. Wenn die Wohlfühlfaktoren etwas überbetont sind. Bei diesem Film ist es volle Absicht. Wenn man weniger gemacht hätte, würde man sich fragen, ob man uns 2013 allen Ernstes einen Heimatfilm verkaufen will. Wir setzen uns im Film mit viel Augenzwinkern in Szene und wir verheimlichen nicht, wie dick die Kanonen sind, mit denen wir schießen. Das war uns allen wohl bewusst. Ich hatte großen Spaß an diesem Film und ich habe gegrinst wie ein Honigkuchenpferd, als ich ihn zum ersten Mal angeschaut habe.

Die Pressematerialien sprechen von Witz und Gesellschaftskritik. Letztere ist schwer auszumachen.

Wahrscheinlich muss so etwas seit den 68-ern in Deutschland mit drinstehen, um vom Feuilleton ernst genommen zu werden. Wenn ich in diesem Film Gesellschaftskritik aufspüren soll, tue ich mich schwer.

Mögen Sie die Berge?

Ich habe sie in der letzten Zeit für mich entdeckt und ich habe mir sogar eine hirschlederne Lederhose zugelegt. Das ist das Beste, was es gibt. Bei kaltem Wetter wärmt sie, wenn es warm ist, kühlt sie – man hat quasi immer sein eigenes Klima dabei. Das Leder ist butterweich und schmeichelt der Haut. Am besten nix drunter, dann fühlt man sich als Mann wie ein Tier.

Ihre animalische Seite konnten Sie in dieser Rolle allerdings nicht ausleben, oder?

In dieser Rolle mal nicht, nee. Hin und wieder muss ich mich ja auch als gesitteter Mitteleuropäer präsentieren, damit meine anderen Auftritte richtig eingeordnet werden können.

War Peter Alexander ein Kollege, den Sie geschätzt haben?

Er konnte irrsinnig viel. Man hat ihn ein wenig verbraten, was wahrscheinlich seinem großen Harmoniebedürfnis entgegenkam. Er konnte singen und tanzen und hatte ein unheimlich präzises Timing. Vielleicht wollte er ein bisschen zu sehr geliebt werden. Er war mir manchmal zu niedlich. Etwas mehr Härte hätte ihm gut zu Gesicht gestanden, dann hätte man seine Qualität noch besser gesehen. Aber wer bin ich, um 2013 über jemanden zu urteilen, der zu seiner Zeit eine riesige Karriere hingelegt hat? Er war ein unglaublicher Könner, der in den USA so erfolgreich gewesen wäre wie Danny Kaye oder Fred Astaire. Er passte wie die Faust aufs Auge in die Heimatfilme, hätte aber wesentlich mehr gekonnt. Ich hätte ihn gern in einer harten Rolle gesehen.

Das kann auch schiefgehen, wie bei Karlheinz Böhm, der sich mit der Frauenmörderrolle in „Augen der Angst“ vom Image des „Sissi“-Prinzen befreien wollte und seiner Filmkarriere den Todesstoß versetzte.

Ja, das war der falsche Film zur falschen Zeit. Er war seiner Zeit voraus. Karlheinz Böhm hat diese Rolle sehr geschadet. Den Skandal würde man heute nicht mehr verstehen, auch nicht, warum Europa Kopf stand, als Hilde Knef in „Die Sünderin“ für eine halbe Sekunde nackt zu sehen war. Ich wüsste gar nicht, was man heute veranstalten müsste, um nur annähernd so einen Skandal zu reißen.

Sie haben auch schon nackt auf der Bühne gestanden.

Ja, damit habe ich überhaupt kein Problem, auch im Film. Obwohl ich kein Adonis bin, wie man ja sieht. Ich glaube nicht, dass einer meiner Kollegen seinen nackten Arsch so oft in die Kamera gehalten hat wie ich.

Sind Sexszenen heikel?

Die Arbeitsgespräche sind immer gleich, egal, ob ich mit jemandem einen Kaffee trinke oder vor der Kamera Sex habe. Rein arbeitstechnisch macht das keinen Unterschied. Es sind immer Leute dabei, der Tonmann hält sein Mikro hin und man wird nachgepudert. Es kommen ständig Regieanweisungen. Und ich bin auch kein Mensch ohne Hemmungen. Da kann man sich vorstellen, dass Sex vor der Kamera nicht allzu viel Spaß macht. Tatsächlich hat es mit Sex nichts zu tun. Und dann kommt es auch immer auf den Partner an. Wenn man sich zu sehr mag, ist es schwer. Wenn man jemanden zu wenig mag, auch. Am besten ist es, wenn man so ein entspannt flirtig-freundschaftliches Verhältnis miteinander pflegt. Aber ideale Voraussetzungen lassen sich nicht bestellen.

Waren die 50-er und 60-er Jahre tatsächlich so unschuldig oder haben die Menschen nur so getan?

Ich glaube, die waren unschuldiger. Damals gab es diese Zeitschrift „Eltern“, darin waren immer Aufklärungsseiten, die man vor dem Lesen erst auftrennen musste. Dort waren auch mal expliziter Geschlechtsteile dargestellt. Ich weiß noch, dass ich da heiße Ohren gekriegt habe. Heutzutage bekommt man Sex überall um die Ohren gehauen. Ich glaube, die 60-er waren wirklich sehr keusch und sehr prüde. Vielleicht hat man die Aufregung deshalb damals intensiver erlebt als heute, wo man mit Nacktheit zugeballert wird, dass man es schon nicht mehr sehen mag. Ich finde es sehr schön, wenn im „Weißen Rössl“ der „Bum-Bum-Siggi“ wie ein Sexgott einschwebt, ihm in Wahrheit aber schon Küssen fast zu viel ist. Ich weiß nicht, ob junge Leute heute tatsächlich ein leichteres, entspannteres Verhältnis zum Sex haben als wir damals, als alles noch viel heimlicher war.

Weiterführende Links