Zum Kinostart von "Rheingold – Gesichter eines Flusses":

Ein Gespräch mit Sprecher Ben Becker

Für die Dokumentation „Rheingold – Gesichter eines Flusses“ übernahm Ben Becker eine besondere Aufgabe: Seine unverwechselbare Stimme steht stellvertretend für einen personifizierten Rhein. Ein Gespräch über das Werkzeug Stimme, Nationalstolz und die Integrität eines Künstlers.

Die Stimme des Flusses: Ben Becker.
Georg Wendt Die Stimme des Flusses: Ben Becker.

Herr Becker, waren Sie von der Idee sogleich angetan, dem Rhein eine Identität zu verleihen?

Es ist schon ungewöhnlich, wenn man angerufen wird und es heißt: „Herr Becker, bitte leihen Sie dem Rhein Ihre Stimme.“. Da fragt man natürlich, wie man das machen soll. Zuerst ist dabei Fantasie gefragt. Wie man weiß, habe ich auch keine Angst vor Pathos. Und der Rhein verträgt ein bisschen davon. Wir haben der Sachlichkeit des Filmes sozusagen ein wenig „Märchenonkel Ben“ gegenübergestellt. Und wenn ich mir das fertige Werk anschaue, hat das so etwas Versöhnliches, das einen immer wieder in die Geschichte hineinzieht. Ich würde schon sagen, dass diese Idee funktioniert hat.

Wie findet man den richtigen Tonfall für einen Fluss?

Man muss sich mutig aus dem Fenster hängen und es einfach mal probieren. Der Rhein trägt ja sehr viel Sagenumwobenes in sich. Mythen und Märchen schwingen in diesem Zusammenhang mit, etwas Göttliches und auch etwas romantisch Verklärtes, nicht Irdisches. Dazu braucht es nur ein bisschen Fantasie. Wenn ich im Film immer mal wieder die Stimme erhebe, dringt der Rhein sozusagen aus der Tiefe seines Bettes nach oben. Da kann man es sich leisten, hin und wieder den Märchenonkel anklingen zu lassen. Hätte ich einen normalen, dokumentarischen Off-Text gesprochen, wäre ich ganz anders an diese Aufgabe herangegangen. Letztendlich sitzt immer eine Regie hinter der Scheibe, mit der man sich austauscht: „Bist Du Dir sicher? Kann man sich das trauen? Mache ich jetzt zu viel?“. Man gibt sich Mühe, unter den gegebenen Bedingungen das Schönstmögliche heraus zu kitzeln. 

Ist die Stimme ein Instrument, das der Pflege und des Trainings bedarf?

Ja, sie ist ein Instrument. Und ich habe eine ernsthafte Ausbildung hinter mir, auch eine logopädische. Auf der Bühne zu sprechen, ist etwas ganz anderes, als in einem Film den Mund aufzumachen oder in einer Kabine vor einem hochsensiblen Mikrofon zu arbeiten. Man muss das erlernen, es hat etwas mit Handwerk zu tun. Dass mir so eine tiefe Brummbär-Stimme gegeben ist, macht mir große Freude und es macht mir Spaß, damit zu arbeiten. Ich weiß sehr wohl, dass mir auch die Gabe gegeben ist, die Leute damit einzulullen. Das versuche ich aber zu vermeiden. Außer bei meiner Tochter. Wenn ich ihr Gute-Nacht-Geschichten vorlese, bin ich durchaus daran interessiert, dass wir über das nächste Kapitel nicht mehr hinauskommen.

Natürlich führt der Film „Rheingold“ nicht nur durch Deutschland. Aber er verbreitet durchaus einen gewissen Stolz auf unsere Natur, unsere Bauwerke und Künstler. Auch während der Fußball-WM wehten wieder allerorten die Deutschland-Fahnen. Bis zu welchem Punkt ist Nationalstolz gesund, wann wird er gefährlich?

Das ist eine große Frage, die ich im Zusammenhang mit diesem Film gar nicht so ausführlich beantworten möchte. Vielleicht so viel: Wenn ein Hinterfragen übrig bleibt, ist ein gewisser Nationalstolz bestimmt nicht verkehrt. Nur wenn man bei gewissen Themen den Eisernen Vorhang hinunterlässt, wird es irgendwann gefährlich. Ich bin nicht unbedingt damit einverstanden, wo wir uns momentan politisch bewegen. Teilweise macht es mir große Angst. Ich würde mich auch nicht als absoluter Fan dieser Weltmeisterschaft outen wollen, wenn gleichzeitig viele Dinge, die bei uns so vor sich gegangen sind, geradezu auf abartige Weise verdrängt wurden. Da konnte ich nicht nur „Tor!“ schreien.     

Welches Verhältnis haben Sie zu Wagner, zu seinem Werk und zu der Person, die nicht immer integer war?

Wagner war nicht immer integer, das ist richtig. Auch hier ist es wieder wichtig, dass man einen Künstler hinterfragt. Sein Pathos und seine klassizistische, auch narzisstische Art und Weise gefallen mir eigentlich sehr gut. Es ist auf jeden Fall beeindruckend, aber man muss es auch hinterfragen. Es wäre eine falsche Herangehensweise, sein Werk einfach wegzuschieben und sich nicht damit auseinanderzusetzen. Man kann auch nicht sagen, dass Leni Riefenstahl von vorn bis hinten Scheiße ist, nur weil sie 1936 die Olympiade abgefilmt hat. Das wäre mir zu einfach. Ich führe sehr gern eine ernsthafte Auseinandersetzung. Ich gebe mich Wagners Musik durchaus gern hin, aber ich weiß auch immer, womit ich es zu tun habe. Man darf das Gehirn nicht ausschalten. Wobei Wagner geradezu dazu einlädt. Gehirn aus, Hubschrauber an, und schon hat man „Apocalypse Now!“.
    
Würden Sie jede noch so negative Rolle spielen, wenn die Botschaft des Werkes an sich eine wertvolle ist?

Wenn ich einen künstlerischen Zugang zur Rolle finde oder meine, dass es wichtig ist, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, dann sage ich nicht nein. Es kommt auch vor, dass ich es mit einem Werk zu tun kriege, bei dem ich sagen muss: „Nein, es tut mir leid, aber in diesem Moment nicht.“. Ich hätte momentan keine Lust darauf, mir eine SS-Uniform überwerfen zu lassen. Aber ich habe es oft getan und meine auch, dass es von Nöten war, das zu machen. Eine Drecksau muss auch gespielt werden. Und zwar so, dass sie Fragen aufwirft und zum Nachdenken anregt. Auch der Tod ist keine Figur, mit der ich jeden Abend im Bett kuscheln möchte. Trotzdem habe ich ihn oft dargestellt und es war sehr interessant, sich damit zu beschäftigen und bei mir und den Zuschauern Fragen aufzuwerfen. Als ich in „Die Bücherdiebin“ den Tod gesprochen habe, war das sogar noch abstrakter, als dem Rhein eine Stimme zu verleihen.             

Werke wie „Rheingold“ oder „Herr der Ringe“ kritisieren  die unersättliche Gier der Menschen und zeigen deren Folgen. Es hat aber nichts genutzt: In der Realität hat die Gier längst die Macht übernommen. Ist der Einfluss der Kunst auf den Menschen geringer, als man hofft?

Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass man sich als Künstler äußern und zum Nachdenken anregen kann. Es ist wichtig, die Dinge künstlerisch zu verarbeiten. Ich habe die Flinte nie ins Korn geworfen, ich bin gerne künstlerisch tätig. Ich rege gern zum Nachdenken an und ich polarisiere auch gerne. Und ich sehe keinen Grund, damit aufzuhören.

Sind Sie naturverbunden oder durch und durch Stadtmensch?

Ich bin sehr naturverbunden. Und leider durch und durch Städter. Ich bin gern in der Natur und ich sehne mich nach ihr, trotzdem bin ich natürlich als Stadtmensch geboren und in der Stadt aufgewachsen. Väterlicherseits entstamme ich aber einer Landfamilie und ich mag das Landleben sehr gern. Vielleicht verdiene ich ja irgendwann einmal genug Geld, um mir ein Landhaus in Irland zu kaufen, wo ich dann Schafe züchte. Der Gedanke verdient Vergötterung, um mit Schiller zu sprechen.

Wo ist für Sie persönlich das schönste Fleckchen Natur?

Irland mag ich schon sehr gern, aber ich finde auch Papua-Neuguinea durchaus faszinierend. Ich liebe die Österreichische Seenplatte und meine kleine Villa Kunterbunt an der Ostsee. Heute bin ich aber sehr froh, wenn ich nach der Arbeit in meinem Garten sitzen kann. Und der ist mitten in Berlin.

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