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Ein Nachtmensch will wieder mehr vom Tag

Seit 20 Jahren ist er der nächtliche Kummerkasten seiner Hörer. Der WDR-Talker Jürgen Domian ist eine Institution. Doch jetzt will er aufhören. Und sich um sich selbst kümmern.

Jede Nacht hört er sich die Probleme anderer Menschen an. Jürgen Domian hört zu, gibt Ratschläge und redet ihnen ins Gewissen. Doch bald ist Schluss damit.
Oliver Berg Jede Nacht hört er sich die Probleme anderer Menschen an. Jürgen Domian hört zu, gibt Ratschläge und redet ihnen ins Gewissen. Doch bald ist Schluss damit.

Ob schlimme Krankheiten, schräge Sexspielchen oder schwere Verfehlungen: Seit 20 Jahren ist Domian der Kummerkasten der Nation. Nacht für Nacht rufen ihn wildfremde Menschen an und erzählen von ihren Sorgen. Und Nacht für Nacht hören Zehntausende im WDR-Radio 1Live oder im WDR-Fernsehen den Gesprächen zu. Jetzt reicht es dem Kult-Nachtvogel: Ende 2016 hört Jürgen Domian auf.

„20 Jahre Nachtschicht sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Ich habe Lust, mal wieder häufiger die Morgensonne zu sehen“, sagt der 56-Jährige am frühen Dienstagmorgen zu Beginn seiner Sendung. In letzter Zeit habe er öfter überlegt: „Wie lange möchtest du die Sendung noch moderieren?“ Jetzt habe er Lust auf ein normales Leben.

Domian darf auch schimpfen

Am 3. April 1995 ging „Domian“ an den Start. Seitdem hat er mehr als 20  000 Gesprächspartner live in seiner Nachtsendung gehabt. „Am Telefon begrüße ich jetzt Jan, 32 Jahre alt. Jan, was ist Dein Thema?“ So geht die Unterhaltung meistens los. Und dann erzählen die Anrufer: manchmal fröhlich, manchmal traurig, oft stockend oder gar weinend. Sehr viele Geschichten sind herzergreifend, deprimierend und bedrückend.

So ist es auch am Dienstag: Bei gleich zwei Anruferinnen geht es um Kindesmissbrauch. Eine andere Frau berichtet, sie habe vor wenigen Stunden ihren Mann tot in der Wohnung gefunden.

Egal, welches Thema: Allen Anrufern ist gemeinsam, dass sie Domian vertrauen. Sie schütten dem Mann, der von 1 bis 2 Uhr mit großen Kopfhören und ernstem Gesicht in die Kamera schaut, ihr Herz aus. Domian darf ihnen ins Gewissen reden, er darf schimpfen, er soll trösten.

Eine psychologische Ausbildung hat er nicht

Vor allem aber soll er zuhören. Immer sagt er dem Anrufer seine Meinung, oft gibt er Ratschläge, manchmal gibt er aber auch einfach zu, dass er nicht weiß, was er sagen soll. Zum Beispiel, wenn jemand berichtet, dass er wegen einer Erkrankung bald sterben wird.

Domian ist Journalist, eine psychologische Ausbildung hat er nicht. Aber in jeder Sendung ist ein Psychologe dabei, der den Anrufer bei Bedarf weitergehend berät.

Manchmal gibt es aber auch heitere Gespräche. Da geht es um skurrile Alltagserlebnisse, verrückte Bettgeschichten oder jemanden, der das große Los gezogen hat.

Reaktionen zwischen Wut und Verständnis

Bis zu 20  000 Menschen versuchen jede Nacht, in die Sendung zu kommen – Mehrfachwähler eingeschlossen. Etwa 150 Anrufer schaffen es bis in die Redaktion, aber höchstens sieben dringen schließlich bis zu Domian vor. „Ich höre Deine Sendung jede Nacht“, sagen viele von denen, die durchkommen.

Schon kurz nachdem der WDR das Sendungs-Aus am Montagabend angekündigt hat, hagelt es beim Kurznachrichtendienst Twitter Kommentare. „Was mach ich denn jetzt nachts um 1?“ fragt ein Nutzer. „Ich bin so entsetzt, wütend und enttäuscht, dass ich nicht weiß, ob ich heute einschalten kann“, schreibt ein anderer. Viele können Domians Entscheidung aber nachvollziehen: „Wirklich traurig, aber verständlich“, heißt es da zum Beispiel.

1Live-Programmchef Jochen Rausch kündigte an, der WDR werde Domian und seiner Sendung einen würdigen Abschied bereiten. Aber bis Ende 2016 dauert es ja noch etwas, wie Domian mehrfach betont. „Ich freue mich auf die eindreiviertel Jahre mit Euch und bin guter Dinge, dass das vielleicht sogar die beste Zeit wird, die wir miteinander verbringen werden.“