Interview mit den Scorpions:

„Ein neuer „Wind of Change“ wäre dringend notwendig“

Sie konnten die Gitarren dann doch nicht an den Nagel hängen. Die eindrucksvolle Weltkarriere der „Scorpions“ wird jetzt noch durch ein neues Album und eine Dokumentation gekrönt. Wir sprachen mit „Scorpions“-Sänger Klaus Meine (66) und Lead Gitarrist Matthias Jabs (59).

Daniel Reinhardt/dpa Sänger Klaus Meine (l.) und Gitarrist Matthias Jabs von den Scorpions.

Herr Meine, Herr Jabs, wer oder was gab den Impuls zu diesem Filmpprojekt? Klaus Meine: Dieses Projekt lag schon über einen längeren Zeitraum in der Luft. So etwas konkretisiert sich aber erst, wenn man einen Partner findet, der wirklich Interesse zeigt. Es war hier in Berlin, als wir mit einem Mitarbeiter von DOKfilm abends in einer Bar saßen. Er wunderte sich, dass noch niemand einen Film über unsere lange, internationale Karriere gemacht hat. DOKfilm und Partner hatten Interesse, ein solches Projekt anzugehen. Und wir natürlich auch. Irgendwann kam dann ein Regisseur dazu, mit dem wir uns getroffen haben. Leider passte die Chemie noch nicht. Mit Katja von Garnier hat alles von Anfang an fantastisch gepasst. Katja und ihr Team waren dann an vielen Schauplätzen auf der ganzen Welt mit dabei. Wir haben die ersten Aufnahmen 2011 in Bangkok gemacht.

Matthias Jabs: Das Interesse wurde natürlich verstärkt, weil wir 2010 die „Farewell-Tour“ angekündigt haben. Das war für die Produktionsfirma der auslösende Punkt, zu sagen, dass diese letzte Tour der „Scorpions“ jemand festhalten muss. Ursprünglich hatten wir prognostiziert, dass die Tour bis mindestens Ende 2011 gehen würde. Das war eine Erfahrungssache, so lange brauchen wir gewöhnlich für eine Tour rund um die Welt. 2012 kam es zu einer Verlängerung, weil viele Promoter gesagt haben, wir müssten nochmal kommen. „Aber wir haben uns doch schon verabschiedet.“ „Ja, aber in dieser Stadt warten noch weitere 20.000.“ Also waren wir noch einmal in Moskau, noch einmal in Paris. Dann kam es zu diesem vermeintlich letzten Konzert in München. Natürlich hatte die Regisseurin bei der Dramaturgie auf diesen Schlusspunkt hingearbeitet. Das Publikum und die Band bestreiten dieses letzte Konzert und alle weinen fürchterlich. Das wäre ein hochemotionales Ende gewesen, aber es zeichnete sich schon ab, dass es dazu nicht kommen würde. Wir haben das Drehbuch insofern umgeschrieben, das wir dann doch weitergemacht haben.           

War Ihre Rolle im Prozess des Filmemachens nur passiv, in dem Sinne, dass Sie nur beobachtet und interviewt wurden, oder haben Sie z.B. bei der Songauswahl mitgewirkt?

Meine: Nein, das haben wir eigentlich nicht gemacht. Wir haben Katja wirklich freie Hand gelassen und ihr total vertraut. Es sollte keine langweilige Dokumentation werden, sondern eine spannende Geschichte, die den Fans Spaß macht. Die Band sollte so gezeigt werden, wie man sie noch nicht gesehen hat. Dazu haben wir das Team sehr nah heran gelassen. Außerdem wurde zum Beispiel Material von unserem ersten Gitarristen Uli Jon Roth verwendet, das er in den frühen 70-ern mit seiner Super 8-Kamera gefilmt hat. Es sind also auch Sachen dabei, die selbst unsere größten Fans noch nie gesehen haben.

Hatten Sie das Recht auf den „Final Cut“?

Jabs: Im Hinblick auf das sich verändernde Ende haben wir schon die eine oder andere Szene oder Interviews mit Leuten außerhalb der Band noch einmal hinterfragt und nach Alternativen gesucht. Wir konnten von einer zu 95 Prozent stimmigen Basis ausgehen. Es ist kein reiner Dokumentationsfilm und kein echter Konzertfilm. Alles ist in einer Balance, die den Film interessant und spannend macht. Diese Balance herzustellen, war sicher nicht einfach.

Meine: Vor etwas mehr als einem halben Jahr hatten wir ein Screening, auf dem wir besprochen haben, wo wir jetzt stehen. Wir hatten 2013 „MTV unplugged“ gemacht und wir mussten zumindest andeuten, dass es weitergeht. Im Sommer war das Team dann noch in Budapest dabei. Ein paar kleine Stellschrauben mussten noch justiert werden, um dem Titel „Forever And A Day“ gerecht zu werden. In München war eben nicht Schluss. Vielleicht kommt es im auch Film ´rüber, dass die Band nach dieser Tour mit all ihren, auch gesundheitlichen Herausforderungen ganz glücklich war, als man Ende 2012 noch stehend und mit genügend Energie über die Ziellinie gehen konnte. Es hatte schon einen Grund, dass wir 2010 gesagt haben, jetzt wäre vielleicht ein guter Zeitpunkt zum Aufhören. Dieses Aufhören hat sich dann verwässert und wir haben gesagt, wir nehmen den Fuß ein wenig vom Gas und spielen nicht mehr hundert Konzerte im Jahr. Wir wollten aus diesem Rad, das sich immer weiter dreht, ein bisschen ausbrechen. Es hat schon etwas Befreiendes, wenn man sagt, ich höre jetzt auf. Was immer man danach macht, ist im Grunde genommen ein Extra. Man macht es oder man lässt es bleiben. Niemand zwingt einen. Aber wir fühlen uns schon sehr privilegiert, dass wir eine solche, globale Bühne bespielen und dass wir die „50 Jahre Scorpions“ nochmal mit unseren Fans feiern dürfen.

Am Anfang Ihrer Karriere, so heißt es im Film, wollten Sie sich durch englische Texte „dem Deutschsein entziehen“. Haben Sie heute zu diesem Deutschsein ein entspanntes Verhältnis?

Meine: Absolut. Wenn wir nicht gern in Deutschland leben würden, wären wir schon vor langer Zeit irgendwo anders hingegangen. Wir hätten als international aktive Band viele Möglichkeiten dazu gehabt. Mitte der 80-er hat sich unser Sein größtenteils in den USA abgespielt, da kam schon der Gedanke auf, ganz dorthin zu gehen. Aber dann wurden mein Sohn und Matthias Sohn geboren und wir entschieden, unsere Familien nicht zu verpflanzen. Wir ziehen eh wie die Zigeuner um die Welt. Rückblickend war es die richtige Entscheidung. Die Aussage im Film bezieht sich auch eher darauf, dass wir als Nachkriegsgeneration mit dem deutschen Schlager aufgewachsen sind. Als in den 60-ern die englischsprachige Musik mit all diesen grandiosen Bands wie den Stones, The Who und den Beatles nach Deutschland kam, hat uns das musikalisch geprägt. Deswegen haben wir auch mit englischen Texten gearbeitet, ohne darüber nachzudenken, dass das vielleicht irgendwann das Ticket zu einer Weltkarriere sein könnte. Heute ist in Deutschland eine Musikszene entstanden, in der junge und gestandene Künstler sehr erfolgreich mit deutschen Texten arbeiten. Das war Anfang der 70-er undenkbar. Selbst Udo Lindenberg hat zuerst ein englischsprachiges Album aufgenommen, bevor er diesen schönen Rock´n´Roll-Slang in deutscher Sprache erfunden hat. Unser Konzept war ein anderes. Wir haben uns schon Mitte der 70-er international orientiert und als junge deutsche Band mit schlechtem Englisch in London im „Marquee“ auf der Bühne gestanden, wo eine Woche vorher noch Jimi Hendrix oder die Stones gespielt hatten. Wir wollten wissen, ob wir gut genug sind und die Engländer haben uns gefeiert. Mit einem entsprechenden Selbstbewusstsein sind wir nach Deutschland zurückgekehrt. Wir wussten, dass wir irgendwann eine globale Bühne bespielen würden. In Deutschland hat man das nicht verstanden. Der eine oder andere versteht es bis heute nicht, bis er in Thailand oder in Brasilien am Strand liegt und von der Bar her ein Scorpions-Song ertönt.

Jabs: Als jemand, der die ganze Welt bereist hat, darf ich mir ein Urteil erlauben. Und ich muss sagen, dass Deutschland – vom Wetter einmal abgesehen – das coolste Land überhaupt ist. Wie gut es uns hier zumindest im Durchschnitt geht, sieht man erst dann wirklich, wenn man in andere Länder fährt. Vielleicht haben die Anderen schönere Strände und Palmen und besseres Wetter. Aber bei uns läuft alles unheimlich gut, das Land funktioniert. Und auch hier gibt es schöne Landschaften, von den Alpen bis zur Nordsee. Wer hier lebt, hat in der Regel keinen Grund, sich zu beschweren.                       

Manch ein Normalbürger hegt den Traum vom Rockstarleben. Findet ein Rockstar gelegentlich auch das Dasein als Normalbürger reizvoll?

Jabs: Ganz bestimmt. Das Showbusiness an sich – Film, Musik – ist ja ein Illusionsgeschäft. Die stehen da mal zwei Stunden lang auf der Bühne, dann fliegen sie mit dem Flugzeug irgendwo anders hin und sie liegen auch gerne mal auf den Bahamas am Strand. Die haben ein supertolles Leben! So soll ja der Mensch auf der Straße denken, damit er diese Welt überhaupt als so etwas „Abgehobenes“ wahrnehmen kann. Wenn man wüsste, wieviel Arbeit dahinter steckt, würden Viele schon sagen, na gut, so toll ist das auch wieder nicht. Der Film bringt nicht direkt zum Ausdruck, dass wir auch hart arbeiten. Aber wer zwei und zwei zusammenzählt, bekommt schon einen guten Einblick. Auch Schauspieler sieht man nur geschminkt und bestens fotografiert. So soll es auch sein, wenn „Das goldene Blatt“ George Clooney auf dem Titel hat und die Mädels denken: „Ja, super!“. Es gibt durchaus Zeiten, wenn auch seltener, in denen ich mir denke, wie interessant es eigentlich sein könnte, genau zu wissen, dass ich dann und dann zu Hause bin und meinen Urlaub buchen kann. Das wäre doch auch nicht schlecht. Wir wissen oft gar nicht, was noch alles kommt. Wir müssen immer flexibel und auf Stand By sein. Manchmal wäre es gar nicht schlecht, sagen zu können, ich bin um 17.30 Uhr zu Hause. Aber Dinge mit Regelmäßigkeit, ein Vereinsleben, das geht nicht.

Meine: Wenn man sich selbst nur als Rockstar definieren würde, hätte man auch schon verloren. Das geht doch gar nicht. Wir leben unser Leben. Wir lieben, was wir machen, aber wir können gut zwischen dem Rockstar-Leben und dem „normalen“ Leben unterscheiden. Oftmals zieht man das Rockstarleben natürlich vor. In der Tat gehen manche Dinge des normalen Lebens manchmal an uns vorbei. Familie, Freunde und viele Dinge, denen man vielleicht gern Zeit widmen würde, müssen zurückstecken. Auf der anderen Seite liegt die Faszination der Sache, die wir machen, eben in diesem nicht Regelmäßigen. Alles kann passieren und man erlebt spannende Sachen, die man im normalen Leben nie erleben würde. Von den Privilegien ganz zu schweigen. Wenn es heißt, Anfang Mai könnt ihr zu allerersten Mal in China spielen, dann sagen wir selbst nach 50 Jahren noch „Wow!“! Wenn man nur den Rockstar herauskehrt, ist das sicher kein Zeichen einer starken Persönlichkeit. Wir machen das, was wir für richtig halten. Es ist wichtiger, im Leben glücklich zu sein, als völlig verkrampft irgendwelchen Klischees entsprechen zu wollen. Wenn man keine Hotelzimmer zerlegt und nicht jede Nacht Orgien feiert, ist man ganz schnell langweilig. Ach der, der ist schon so viele Jahre verheiratet, das kann doch nur langweilig sein! Man wird in eine Schublade gesteckt. Deshalb kann man im Grunde nur sein Ding  durchziehen. Nur weil wir das so machen, können wir nun die 50 Jahre feiern, auch wenn es dem Einen oder Anderen suspekt erscheint, dass diese komische Band aus Hannover so lange durchgehalten hat. Wie haben die das nur gemacht? Es gibt eine schöne Anekdote von unserem nun leider verstorbenen Tour-Manager Michael Gehrke. Als wir gerade mal nicht auf Tour waren und ihn angerufen haben, sagte er: „Scheiße, ich bin gerade im normalen Leben, im Supermarkt und kaufe Tütensuppe. Wann geht es endlich wieder los?“.     

„Wind of Change“ wurde zur Hymne von Perestroika und Wende. Mit welchen Gefühlen beobachten Sie die aktuelle Entwicklung in Russland?

Meine: Wie sich die Welt in den letzten Monaten entwickelt, ist für uns alle ziemlich beunruhigend. Siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg können wir in diesem Teil der Welt in Frieden leben, das Land ist wiedervereint, der Ost-West-Konflikt beigelegt. Europa, Russland, alles wächst zusammen. Alles blickt nach vorne, in eine hoffentlich positive Zukunft. Und auf einmal passiert etwas, was wir uns alle gar nicht mehr vorstellen konnten. Junge Leute haben Angst, dass es wieder Krieg in Europa gibt. Unvorstellbar, als würde sich die Welt rückwärts bewegen! Wenn die Leute in Dresden und Leipzig auf die Straße gehen, deutet sich eine gewisse Spaltung auch in Deutschland an. Deutschland muss ein weltoffenes Land bleiben. In den letzten 25 Jahren hat sich Europa vereint, den Euro eingeführt, nach vorne gedacht. Trotzdem ist der Frieden bedroht und Terroristen treiben weltweit ihr Unwesen. Dem muss man mit einer Stimme begegnen. Aber im Moment scheint Vieles auseinanderzufallen, was wir gemeinsam aufgebaut hatten. Ein neuer „Wind of Change“ wäre dringend notwendig.

Jabs: Es herrscht Unklarheit in der Welt und Vieles ist auch schwer zu verstehen. Es gibt die verschiedensten Strömungen, die auf eine allgemeine Unzufriedenheit schließen lassen. Nicht nur in Deutschland, allgemein. Der eine ist hiermit unzufrieden, der andere damit. Der eine ist gewaltbereit, der andere nicht. Es ist schwer, hier einen roten Faden zu entdecken. Früher sagte man, dass es immer dann problematisch wird, wenn die klaren Standpunkte nicht mehr da sind. Zu Zeiten des festgefahrenen Ost-West-Konflikts war die Polarisierung schlicht und einfach und für jeden verständlich. Das war gewiss nicht schön, aber man wusste, woran man war. Heute weiß niemand mehr, woran er ist. Das macht es viel komplizierter und ist die große Herausforderung unserer Zeit.

Die Fragen stellte André Wesche.
 

 

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