Theaterkritik:

Einen Abend lang noch einmal Schüler sein

Das Ferienende am Theater markiert eine Deutschstunde ganz besonderer Art: „Klamms Krieg“ gibt einen abgrundtiefen Einblick in die Gedanken und das Leben eines hoffnungslos verzweifelten Lehrers. Schauspieler Michael Kleinert nimmt die Zuschauer in diesem Ein-Mann-Stück mit auf eine aufrüttelnde, intensive Reise in die Vergangenheit. Marcel Auermann notiert die Einträge ins Klassenbuch.

Klamm (Michael Kleinert) versteht Schule als Zwang. Lehrer taugen seiner Ansicht nach nur, wenn sie unbeliebt sind.
joerg metzner Klamm (Michael Kleinert) versteht Schule als Zwang. Lehrer taugen seiner Ansicht nach nur, wenn sie unbeliebt sind.

Klassenzimmer

Ohje, es ist ja schon ein Erlebnis, bis sich der Zuschauer hinter die Minitische bugsiert und endlich auf den Ministühlen sitzt. War das Mobiliar schon immer so winzig, so niedrig, so unbequem, so unpraktisch? Doch, muss es gewesen sein vor etlichen Jahren, als man Klassenzimmer noch täglich von innen sah. Aber über die Jahre verdrängt man, dass alles schon damals viel zu umkommod war. Vermutlich begannen damals die Rückenschmerzen.

An der Wand hängt das Periodensystem mit den chemischen Elementen. Rechts vorne – aus Schülersicht – steht das Lehrerpult. Frontal geht der Blick auf die grüne Tafel, auf der die Kreide immer so ekelhaft quietschte und kratzte, dass einem die Haare zu Berge standen.

Selten fühlt sich der Zuschauer so in eine Handlung hineinversetzt wie bei der Premiere von „Klamms Krieg“ im Probenhaus am Landestheater in Neustrelitz.

Lehrerpersonal

Einen wesentlichen Anteil an der Zeitreise hat Michael Kleinert. Er verkörpert Deutschlehrer Klamm intensiv und packend, ja oft beängstigend real. Wie er vor seiner Klasse steht und sich dafür verteidigt, dass er Schüler Sascha einen rettenden Notenpunkt in Deutsch verwehrte und er so durchs Abitur gerauscht wäre. Hätte er seinem Leben nicht zuvor ein Ende gesetzt. Die Klasse hat Klamm den Krieg erklärt.

Es beginnen Monologe, die in Rechtfertigungskanonaden enden, die Kleinert richtig in Rage versetzen. Klamm wettert gegen alles und jeden – gegen die Klasse, die Kollegen, die Schule, das ganze System. Er verrennt sich, ohne es zu merken. Mit jeder Minute katapultiert er sich mehr ins Aus und wird für seine Schüler, die aus dem Publikum bestehen, unerträglicher.

Michael Kleinert spielt sich fast in einen Rausch, dass der Zuschauer teilweise selbst nicht mehr weiß, ob er nun Schüler oder Beobachter ist und ob vor ihm ein Darsteller oder ein Lehrer aus längst vergangener Zeit steht. Deutschlehrer Klamm mutiert zu einer tragischen, fast dämonischen Figur, mit der Kleinert eins wird.

Verhalten

Michael Kleinert gibt 65 Minuten alles. Mehr geht nicht. Chapeau! Regisseurin Isolde Wabra hat den Charakter Klamm in seiner teilweisen Grobschlächtigkeit doch so fein angelegt, dass er weder der Schule noch den Schülern allein Schuld zuschiebt oder Vorwürfe macht. Vielmehr zeigt die Produktion, in welcher Gemengelage heute Unterricht gemacht werden muss und mit was das System konkurriert: Smartphone, Tablet-Computer, moralische Verlotterung, Verlust von Werten. Dazwischen befindet sich der Deutschlehrer, der vor Jahren stehen geblieben ist, am liebsten Frontalunterricht durchzieht und die Noten nicht nur als Bewertungs-, sondern auch als Bestrafungsinstrument sieht.

Mitarbeit

Keine Angst, die Zuschauer werden zwar an der Handlung beteiligt, müssen aber nichts sagen. Sie werden angesprochen, müssen aber nicht antworten. Dass man es aber könnte und auch Goethes Gretchen vorlesen könnte, wenn man denn wollte, lässt alles sehr real wirken. Ungewohnt direkt. Unmittelbar. Wie in der Schule eben.

Leistungskurs Deutsch

Was wäre ein Leistungskurs Deutsch ohne die Interpretation. Und in „Klamms Krieg“ von Kai Hensel gibt es viel zu deuteln: der Kampf eines Lehrers mit seinen Schülern, aber auch dem Lehrerkollegium, die tägliche Überforderung, Mobbing, Burn-Out, Alkoholismus, Selbstmord, Schuldfragen. Michael Kleinert stellt einen vollkommen gescheiterten, kaputten Mann dar, der an seinen Ansprüchen, Werten und seiner Strenge zugrunde geht. Er kann einfach nicht Fünfe grade sein lassen, obwohl er es in einem lichten Moment selbst erkennt: „Sascha ist fürs Abitur gestorben. Dabei macht heutzutage jeder Depp Abitur. Ist doch alles nichts mehr wert“, philosophiert Klamm vor sich hin.

Notendurchschnitt

Als Saisonstart wünscht man sich ein bekannteres Stück, eine opulentere Premiere. Dennoch: Die Produktion gehört auf jeden Lehrplan. Jeder Lehrer, jeder Schüler – und das waren wir alle einmal – sollte sich einmal hinter die Minitische klemmen, auf den Ministühlen sitzen und diesem schonungslosen Frontalunterricht lauschen.

Weitere Aufführungen am 4. Oktober um 19.30 Uhr im Probenhaus am Landestheater Neustrelitz und am 30. Oktober sowie am 22. November um 19.30 Uhr im Schauspielhaus in Neubrandenburg.

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