Interview mit Regisseur Oliver Hirschbiegel:

ELSER – Er hätte die Welt verändert

Am 09. April startet der mit Spannung erwartete Film „Elser – Er hätte die Welt verändert“ bundesweit in den Kinos. Er entreißt die Geschichte des Hitler-Attentäters Georg Elser der Vergessenheit. Hier ein Gespräch mit Regisseur Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“).

Hinter Regisseur Oliver Hirschbiegel auf einer Rückwand ist der Schauspieler Christian Friedel als Georg Elser zu sehen.
Tobias Hase Hinter Regisseur Oliver Hirschbiegel auf einer Rückwand ist der Schauspieler Christian Friedel als Georg Elser zu sehen.

Oliver Hirschbiegel hat nicht nur den aufsehenerregenden Psychothriller „Das Experiment“ und den kontrovers diskutierten Kriegsfilm „Der Untergang“ inszeniert. Auch die intensiven Ein-Personen-Studien „Mein letzter Film“ mit Hannelore Elsner und „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ mit Ben Becker gehen auf das Konto des 57-jährigen. Mit dem Science Fiction „Invasion“ mit Nicole Kidman und Daniel Craig hat der Regisseur Hollywood-Erfahrung gesammelt. Zuletzt widmete sich der gebürtige Hamburger in „Diana“ den letzten Monaten im Leben der Prinzessin von Wales. Nun setzt Oliver Hirschbiegel dem visionären Hitler-Attentäter Georg Elser ein Denkmal, dessen Anschlag im Bürgerbräukeller München sein Ziel nur deshalb verfehlte, weil Hitler den Ort früher als geplant verließ. Der Film wurde bereits vor Kinostart mit dem „Bayerischen Filmpreis“ geehrt.

Herr Hirschbiegel, ist der Film auch eine Image-Kampagne für die Schwaben?

Wenn man das so sehen möchte, gern. (lacht) Dieses Völkchen ist schon speziell und es ist bestimmt kein Zufall, dass Elser, die Geschwister Scholl und Stauffenberg alle Schwaben waren. Es gibt eine gewisse Radikalität, die wir Deutsche alle in uns tragen. Und ich habe das Gefühl, dass sie in dieser Region besonders ausgeprägt ist.

Woran könnte das liegen?

An der Faszination für die Schönheit der Perfektion, die aber nie erreicht wird. Kurzzeitige Zufriedenheit tritt immer ein, wenn man einen weiteren Schritt in diese Richtung gemacht hat. Der Maschinenbau ist das beste Beispiel. Vielleicht gilt diese Haltung für unser Volk generell, aber im Schwabenland umso mehr. Eine Sache ist nie fertig, es geht immer noch besser. Sobald man ein Ergebnis erzielt, das eigentlich sehr zufriedenstellend ist, denkt man schon darüber nach, wie man es noch effizienter machen kann. Und noch schöner, noch zuverlässiger. Das ist radikal. Die Österreicher können das vielleicht noch ein bisschen, die Schweizer und die Japaner wohl auch. Aber wir Deutschen haben das erfunden. Und die Maschine, die das generiert, steht nach meiner Überzeugung irgendwo im Schwabenland.

War es Ihr Anliegen, den vergleichsweise unbekannten Elser vor dem Vergessen zu bewahren?

Zunächst einmal wollten das die Autoren. Ich bin erst später in die Entwicklung eingestiegen. Man hat jahrelang recherchiert und auf diesem neuen Kenntnisstand angefangen, den Stoff zu entwickeln. Für mich war es immer ein Rätsel, warum dieser Mann nicht die Anerkennung erfahren hat, die ihm gebührt. So wie er bislang beschrieben wurde, habe ich Elser nie ganz verstanden. Erst durch das Drehbuch hat er sich mir in seiner Logik erschlossen. Er ist eine sehr heutige Figur, jenseits seiner Zeit, ein universaler Weltmensch. Er weiß aus sich heraus, was er zu tun hat. So wie heute ein Edward Snowden. Die Parallelen sind evident, auch wenn Snowden natürlich kein Tyrannenmörder ist. Aber den Mut, so einen Schritt zu tun, obwohl einem die Konsequenzen bewusst sind, finde ich schon bewundernswert.

Warum wurde Elser so unter der Decke gehalten?

Ich denke, das hat mit dem Klassensystem zu tun. Stauffenberg war Aristokrat und Mitglied der Offizierskaste. Die Scholls hatten einen Akademiker-Hintergrund. Das sind die Schichten, die im Gegensatz zur Arbeiterklasse eine Lobby hatten. 1944 hat es nicht mehr viel Fantasie gebraucht, um zu sagen, Hitler muss gestoppt werden. Da ist es peinlich, wenn schon 1938 einer sagt, dass diese Leute Gift sind und uns in die Katastrophe führen. Und wenn dem sonst niemand Einhalt gebietet, dann mache ich das. Das war visionär, schockierend hellseherisch.

Haben Sie sich den Elser-Film von und mit Klaus Maria Brandauer noch einmal angeschaut?

Nein, das habe ich bewusst nicht gemacht. Damals hat mich der Film sehr beeindruckt. Ich wusste schon von Elser und fand es gut, dass man diese Geschichte ausgegraben und einen Film darüber gemacht hat, der dem damaligen Wissensstand entsprach. Inzwischen wissen wir sehr viel mehr über diesen Mann, trotzdem mussten auch wir wieder Dinge aus seinem Privatleben hinzuerfinden. Gab es diesen einen Moment, in dem er sagte, jetzt ist Schluss? Das wissen wir nicht. Auch der Film von 1989 war ordentlich recherchiert. Allerdings ist meine Bombe besser. Sie ist ein präziser Nachbau von schwäbischen Handwerkern. (lacht)

Warum trug Elser die belastenden Pläne noch bei sich, als er sich in die Schweiz absetzen wollte?

Er hat das nie erklärt, ich kann das nur interpretieren. Die Idee war, dass er in der Schweiz mittels dieser Objekte nachweisen wollte, dass er derjenige war, der die Bombe gelegt hat. Er operierte ja komplett allein, ohne eine Infrastruktur. Das erinnert mich an Raskolnikow aus „Schuld und Sühne“. Die Hybris des Täters, der eigentlich das perfekte Verbrechen begeht und davon ausgeht, dass der Rückzug sich dann von selbst ergibt. Schließlich ist er ja so weit gekommen. Aber das funktioniert so nicht. So perfekt Elser jeden einzelnen Punkt der Operation geplant hat, so naiv ist er an seine Flucht herangegangen. Das ist schon absurd. Er hat nicht einmal gewusst, dass man an der Grenze einen Maschendrahtzaun errichtet hatte. Er hätte einfach nur einen Kilometer jenseits des Ortes über die grüne Grenze gehen müssen. Und dann diese idiotische Erklärung mit dem Trachtenverein. Hat er sich das nicht vorher überlegt? Es bleibt ein großes Rätsel.

Eine deutsche Tageszeitung meinte, Sie leisten mit „Elser“ Widergutmachung für „Der Untergang“. Wie gehen Sie mit solchen Kommentaren um?

Ich verstehe das halt nicht. Ich selbst habe nie so über das Ding geredet, aber im Rest der Welt gilt der Film als Meisterwerk. Es ist ein substanzieller Film, der regelmäßig in Rankings der besten Antikriegsfilme aller Zeiten auftaucht. Es ist ein sehr seriös gemachter Film, der mit bestimmten Dogmen abgerechnet hat, was darstellbar ist und was nicht. Dass meine Generation und die Generation vor mir ein Problem mit diesem Ansatz haben, kann ich noch nachvollziehen. Aber wenn junge Leute Probleme damit haben, kann ich das nicht verstehen.

Wie schwer haben Sie sich die Entscheidung gemacht, wie Sie diesmal Hitler darstellen?

Der Film dreht sich ja nicht um Hitler. Er muss präsent und intensiv genug sein, damit er glaubwürdig dargestellt wird. Gleichzeitig wollte ich keine Großaufnahmen verwenden. Zumal ich den Originaltext benutze, den wir so bearbeitet haben, dass er halbwegs zeitgenössisch klingt. Mir war die Darstellung dieser martialischen Prägnanz wichtig, die Uniformen, die geballte destruktive Kraft dieser Typen, die alle gleichzeitig den Arm hochreißen.

Viele Szenen des Filmes, die in der Dorfgemeinschaft spielen, erinnern an den Heimatfilm.

Das war auch die Idee. Der Heimatfilm als Genre ist an sich nicht zu verurteilen. Er versucht vor dem Hintergrund dessen, was wir als „deutsche Gemütlichkeit“ empfinden, eine Geschichte zu erzählen. Das ist etwas sehr Authentisches und Teil unserer Identität. Ich bemühe dieses Genre bewusst partiell, um diese Traditionen, Rituale und Spiele zu zeigen. Das hat eine gewisse Poesie. Es ist eine schöne Welt und man möchte gern dabei sein, wenn man sieht, wie die alle Spaß haben. Die Hakenkreuzfahnen und die paar braunen Uniformen übersieht man fast. Diese Dinge kriechen da langsam hinein, das zu zeigen war mir wichtig. Ich wollte es nicht dumpf und doof darstellen, weil es so nicht war. Ich habe genug Dorffeste erlebt, um zu wissen, dass sie Spaß machen. Aber es ist eben auch eng. Und dann werden die Braunen immer mehr und die, die sich dagegen stemmen, werden zu Außenseitern. Und in einer dörflichen Gemeinschaft gibt es nicht Schlimmeres, als ein Außenseiter zu sein. Wenn man dich auf dem Kicker hat, bist du am Arsch. Man muss viel Mut beweisen, um zu sagen, ich mache da nicht mit. Auch wenn die Auswirkungen in diesem Bereich wohl noch überschaubar geblieben wären.

Im Film schockt der minutenlange Todeskampf des Reichskriminaldirektors Arthur Nebe, der nach dem Stauffenberg-Attentat hingerichtet wurde. Warum haben Sie sich dazu entschlossen, das so explizit darzustellen?

Es steht exemplarisch für die Bestialität des Systems. Auf diese Art und Weise sind im Zuge von Vergeltungsmaßnahmen Hundertausende unschuldige Zivilisten allein in Polen und Russland zu Tode gekommen. Dieses Aufhängen ist eine bestialische Weise, einen Menschen zu töten. Heute, wo wieder über die Legitimität der Todesstrafe diskutiert wird, muss man die Menschen damit konfrontieren, wie das ist. Es dauert eben zwei Minuten, bis der aufhört zu strampeln. Einem Tier würde man das niemals antun, es sei denn, man ist ein psychopathischer Sadist. Aber wir selbst fügen uns das gegenseitig zu. Täglich werden im Iran Menschen an Kränen langsam hochgezogen. Jeder kann das ohne Kontext im Netz anschauen, auch Kids von 14 oder 15. Ich habe die Notwendigkeit gesehen, diese Brücke von damals zum Heute zu schlagen. Die Aufmerksamkeit muss darauf gerichtet bleiben, dass Freiheit und Menschenrechte das höchste Gut sind, das wir haben. Als ich aufgewachsen bin, waren Dinge wie Folter oder das Töten eines Menschen ein absolutes „No go“. Heute lebe ich in einer Zeit, in der plötzlich diskutiert wird, ob Folter unter bestimmten Umständen legitim ist oder ob die Todesstrafe vielleicht eine richtige Form der Strafe ist. Da kriege ich Zustände. Ich finde es entsetzlich, dass die meisten gar nicht wissen, wovon sie da sprechen. Das liegt auch an uns Filmemachern, die dieses Thema vermeiden oder verharmlosen. Wer geschlagen wird, der hat Schmerzen. Wer gefoltert wird, der wird erniedrigt. All diese Dinge gehören beim Namen genannt. Es ist eine schmale Linie, die man geht. Inwieweit stelle ich das dar, ohne den Zuschauer zu überfordern oder gar voyeuristisch zu werden?

Wie sehr belastet Sie der Dreh von Szenen mit Folter und Hinrichtung persönlich?

Eine Beklommenheit stellt sich immer ein, wenn man so etwas dreht. Die Hinrichtungsszene war ein extrem unangenehmer Drehtag. Das ging uns allen total an die Nieren, das ist einfach widerlich. Dabei ist ja alles Fake, der hängt da in Seilen und ist geschützt. Trotzdem hat das energetisch einen so unangenehmen Effekt, dass es kaum erträglich ist. Bei der Folterszene haben wir versucht, zwischendurch ein paar Witze zu reißen. Trotzdem entstand auch hier wieder eine Beklommenheit. Es ist einfach eine grauenhafte Situation.

Der Filmtitel beinhaltet die Hypothese „Er hätte die Welt verändert“. Was wäre geschehen, wenn Hitler und Komplizen tatsächlich 1938 ums Leben gekommen wären?

Mit Sicherheit hätte es den Holocaust nicht gegeben und mit großer Wahrscheinlichkeit auch keinen Zweiten Weltkrieg. Sie saßen ja alle um ihn herum: Goebbels, Himmler, Hess. Die einzigen, die nicht da waren, waren Göring, Bormann und die zweite Riege, die allein nichts auf die Reihe bekommen hätten. Die Planung für den Überfall auf Frankreich hat am nächsten Tag stattgefunden, deshalb musste Hitler früher weg. Eigentlich sollte er fliegen, aber dichter Nebel hat das unmöglich gemacht. Deshalb ist man auf den Zug umgestiegen und Hitler hat den Bürgerbräukeller 13 Minuten vor der Explosion verlassen. Elser hätte die Weltgeschichte verändert, definitiv. Er hätte 60 Millionen Leben gerettet. Eine Dimension, die einem den Atem stocken lässt.

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