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Ensemble bangt um Zukunft

Die Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz, hervorgegangen aus einem Dorfensemble, rockt heute Bühnen im In- und Ausland mit folkloristisch angehauchten, ausdrucksstarken Darbietungen. Doch die Tänzer könnten bald über die Theaterreform in MV stolpern.

Das Ziel ist Perfektion: Tanztrainerin Yvonne Gast trainiert vor einem großen Spiegel mit dem Profitänzer Philipp Repmann.
Jens Büttner Das Ziel ist Perfektion: Tanztrainerin Yvonne Gast trainiert mit dem Profitänzer Philipp Repmann.

Heiße Rhythmen erfüllen das alte Gemäuer, der Boden vibriert unter wirbelnden Füßen. Das stundenlange Training der Deutschen Tanzkompanie in einem Altbau der mecklenburgischen Kleinstadt Neustrelitz gleicht einem Kraftakt. Hart sind die körperlichen Anforderungen an die 14 Darsteller des bundesweit einzigartigen Ensembles. Dazu schwebt die geplante Theaterreform des Landes wie ein Damoklesschwert über der Truppe. Fallen die Zuschüsse weg, stehe die Kompanie vor dem Aus, sagt Direktor Wilhelm Denne.

Ein Feuerwerk aus Musik und Bewegung

„Und eins, und zwei, Bauch fest, Kopf hoch!“ Trainingsmeisterin Yvonne Gast agiert inmitten ihrer Schützlinge. Unermüdlich jagen die jungen Menschen übers Linoleum, sprinten, springen, schreiten, schwitzen. Jeder Muskel auf Spannung, jede Geste präzise. Ein Feuerwerk aus Musik und Bewegung, die Tänzer mehr Leistungssportler denn Künstler.

Lenka Liebling kam mit 23 Jahren und klassischer Ballettausbildung aus Tschechien nach Neustrelitz, das war 1995. Die Tanzkompanie habe in den letzten 20 Jahren ihr Repertoire enorm gesteigert, sagt sie. Sie habe hier viel gelernt, auch Genres wie Folklore, Rumba, Charleston. „Wir waren überall auf der Welt, jedes unserer Stücke hat die Leute glücklich gemacht“, sagt Liebling. Die Häuser seien stets voll und das Publikum begeistert. „Meine Karriere ist vielleicht zu Ende“, sagt die kleine Frau und kämpft mit den Tränen. Nach dem nahenden Ende ihrer Bühnen-Laufbahn habe sie sich der Ausbildung der Kinder widmen wollen, sagt sie. Wenn die Tanzkompanie schließe, sei das wie „Herz ausreißen aus Seele“.

Die Kompanie stirbt jedes Jahr ein bisschen

Denne leitet das Ensemble, das aus dem 1954 gegründeten, einzigen staatlichen Dorf- und Folkloreensemble der DDR hervorgegangen war und 1991 als Gastspiel- und Tourneetheater in Trägerschaft einer Stiftung neu gegründet wurde. Die Kompanie sterbe schrittweise, sagt Denne. 1992 begannen 56 Mitarbeiter, davon 25 Tänzer und 5 Musiker. Heute gibt es noch 21 Beschäftigte, darunter 14 Tänzer, aber keine Musiker mehr.

Andere ältere Tänzer, die vor Jahren schon Trainer wurden, müssten heute bei größeren Aufführungen wie der „Carmina Burana“ wieder einspringen, sagt Denne. Peu à peu habe die Tanzkompanie abspecken müssen. 2006 fiel der jährliche Zuschuss vom Kreis in Höhe von 25  000 Euro fort, 2010 die Zuwendung in Höhe von 50  000 Euro von der Stadt. Doch mit der nun angedachten Theaterreform des Landes könnte das Ensemble endgültig vor dem Aus stehen, befürchtet Denne. Der Plan sehe eine „Straffung der Theaterlandschaft in der Region“ vor. Dazu gehöre die Fusion des Theaters Vorpommern mit der Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg-Neustrelitz, seit 2010 Hauptträger der Tanzkompanie. Mit der Theaterfusion sollen die bisherigen Landesgelder von jährlich 950  000 Euro nicht mehr wie bisher für die Tanzkompanie zweckgebunden sein, ergo wegfallen, sagt Denne. So sollten wohl Löcher der anderen Häuser gestopft werden. „Die Deutsche Tanzkompanie, das einzige zeitgenössische Tanztheater mit folkloristischen Zügen bundesweit, wird zum Spielball und letztlich zum Abschuss freigegeben“, sagt er.

Nicht nur mehr als 80 Vorstellungen im Jahr fielen aus. Die Mitglieder der Kompanie wären ihren Job los, ebenso die vier Trainer des Kinder- und Jugend-Tanzhauses. 150 Kids verlören ihre Freizeitbeschäftigung. Schulprojekte mit Ballett, Hip-Hop, Breakdance wären passe. „Für Neustrelitz ist das eine Katastrophe“, meint Liebling. „Was soll dann hier noch bleiben?“

Entscheidungen gibt es frühestens Ende März

Rückendeckung bekommt das Ensemble von der Neustrelitzer Bevölkerung, die am Donnerstagabend mit Plakaten wie „Nehmt uns nicht die Sparten fort, denn das ist Theatermord“ oder „Je suis Tanzkompanie“ dem von der Landesregierung geplanten Staatstheater Nordost eine deutliche Absage erteilten. Laut Polizeiangaben demonstrierten rund 450 Menschen. Die Organisatoren sprechen sogar von 1000 Demonstranten, darunter auch die Entertainerin Dagmar Frederic. Von Polizeiruf-Kommissar Charly Hübner – er wurde in Neustrelitz geboren – verlas Schauspielkollegin Karin Hartmann ein emotionales Bekenntnis zu einer lebendigen Theaterkultur. Entscheidungen, auch beim Kreistag, seien frühestens Ende März zu erwarten.