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Entzauberung mit der Zuckerrohr-Machete

Der alte Enzensberger begegnet dem 1960er-Enzensberger: Eine Beichte lässt sich der „angry young man“ in dem Erinnerungsbuch „Tumult“ nicht abnehmen.

Hans Magnus Enzensberger.
Andreas Gebert Hans Magnus Enzensberger.

Er habe beim Aufwachen manchmal nicht gewusst, wo er gerade war. In Castros Kuba? Chruschtschows Moskau? Norwegen, wo die künftige Ex lebt? In London bei Mascha, der Neuen? Irgendwo in den Staaten? Oder doch Karatschi?

Der „Raum für Sichtvermerke“ in den Pässen von Hans Magnus Enzensberger aus den 1960ern ist mit Visa-Stempeln gepflastert. Vier Repro-Seiten im autobiographisch grundierten Buch „Tumult“ machen das Jahrzehnt der politischen und privaten Unruhe von dem bekannten deutschen Intellektuellen - Lyriker, Essayist, Bürgerschreck - amtlich.

Tabu nicht gebrochen

Verschwunden. Enzensberger, eben 85 geworden, versichert, vor Kurzem im Keller halbjahrhundertalte Schachteln mit hingekritzelten Aufzeichnungen entdeckt zu haben. Eine Wiederbegegnung mit sich selbst als „angry young man“, lange vor dem Alterssarkasmus, die ihm Anlass zu diesen Texten gab. Sein Tabu, ein Memoirenschreiber zu werden, einer mehr, sieht er nicht gebrochen. Wer herausfinden möchte, wer er sei, sollte sich ohnehin nicht auf Zeugenaussagen in eigener Sache verlassen. „Ich will mir nicht alles merken, was mich betrifft.“ Und auf die Siebhaftigkeit des Gedächtnisses lässt sich gut berufen.

Chruschtschow entzaubert

Verschwunden ist, zum Glück für den Freund an- und aufregender Lektüre, nicht die Erinnerung an Enzensbergers Kreuz- und Querreisen durch das sowjetische Imperium, die ihm als sogenannt „fortschrittlich bürgerlichen Schriftsteller“ (noch) erlaubt wurden. Tauwetter im kalten Krieg. Er erlebte das Riesenreich als grau, leblos, schmutzig, mürrisch. Der Literaturbetrieb in der Diktatur – voller Gräben. Da musste viel Wodka unter den Tisch gekippt werden, um etwas jenseits der Propaganda zu erfahren. Einem der vielen Zufälle in seinem Leben schiebt Enzensberger in die Schuhe, dass er als Mittdreißiger plötzlich in der Regierungschef-Datscha dem bäuerischen „Entstalinisierer“ Nikita Chruschtschow gegenübersitzen durfte („kleiner Wortschatz, minimale Syntax“). Wenn von diesem Typ, von diesem Kommunismus je ein Zauber ausgegangen war, so war die Entzauberung komplett.

Streit, Banalität, Liebe

Tumultuarische Herzensangelegenheit: Enzensberger, verheiratet und Vater einer Tochter, vernarrte sich später in die psychisch labile Russin Maria Makarowa, also Mascha, und lotste sie in den Westen. Eine Beziehung wie bei Tschechow - Streit, Banalität, Liebe –, in deren Beginn bereits das dramatische Ende keimte.

Mascha war mit auf Kuba. Der globale Parforce-Anritt gegen die „eigene Ahnungslosigkeit“ hatte Enzensberger ins Land des Máximo lider gebracht, wo viel weitere Ernüchterung zu ernten war und zu wenig Zuckerrohr mit der Machete, die Enzensberger schwang. Seine Abrechnung mit dem Realsozialismus geriet schonungslos.

Lieber im toten Winkel

Und zu Hause in der Bundesrepublik? Machten die Kommunarden Schlagzeilen, Studenten auf Revoluzzer. Enzensberger stellte sein Haus in Berlin-Friedenau zur Verfügung, aber aus Fraktionszänkereien hielt er sich fein raus. Überhaupt sei er immer lieber gerade nicht dagewesen, gern in der Kulisse, im toten Winkel. Für diesen Rückblick inszeniert der „ungefähr 85" Jahre alte Enzensberger einen Dialog mit dem knapp 40-jährigen Enzensberger, der kein grienender Hinterherschlauer sein kann und auch zu Irrtümern und Marotten steht. Da duellieren sich zwei Generationen geistvoll plänkelnd.

Enzensberger, er kannte sie alle: Sartre, Nelly Sachs, Jewtuschenko, Ulrike Meinhof, Neruda… Was ein mehrseitiges Personenregister erfordert. Gewidmet ist das Buch allerdings den dem Vergessen Anheimfallenden, „Den Verschwundenen“.

„Verschwunden!“ So lautet der Titel eines – beinahe zeitgleich erschienenen -  Enzensberger-Märchens, das den „Tumult“-Band quasi literarisch kommentiert. Das geschieht: Im Haus der Großeltern des Mädchens Theresia machen sich, vom Korkenzieher bis zum Eichenbüfett, immer mehr Dinge unsichtbar. Mysteriös. Wobei die Frage steht: Sind sie tatsächlich verschwunden oder nur vergessen?

 

Hans Magnus Enzensberger: Tumult. Suhrkamp Verlag Berlin, 2014. 287 Seiten, 21,95 Euro. ISBN 978 – 3 – 518 – 42464 – 3.

Hans Magnus Enzensberger: Verschwunden! Insel Verlag Berlin, 2014. 77 Seiten. 13,95 Euro. ISBN 978 – 3 – 458 – 19398 – 2.