Andreas Dresen zum Start von "Als wir träumten":

"Es ist schon schmerzhaft, das zu drehen"

In der Verfilmung des Romans „Als wir träumten“ von Clemens Meyer, heftet sich Andreas Dresen an die Fersen einer Gruppe Jugendlicher aus Leipzig, die nach dem Mauerfall einen schmerzhaften Prozess der Neuorientierung durchlaufen. Wir trafen den Regisseur auf der Berlinale zum Gespräch.

Regisseur Andreas Dresen
Kay Nietfeld Regisseur Andreas Dresen.

Herr Dresen, was am Film ist „typisch Dresen“ und wo haben Sie Neuland betreten?

Ob der Film „typisch Dresen“ ist, müssen Andere beurteilen. Ich selbst glaube, dass man sich nur treu bleiben kann, wenn man sich auch verändert. Man muss sich immer wieder neu erfinden. Ich persönlich langweile mich, wenn ich das Gefühl habe, mich zu wiederholen. Insofern habe ich bei jedem Film Dinge anders gemacht. Natürlich hängt es sehr stark von der Geschichte ab, die man wählt. Als ich den Roman „Als wir träumten“ zum ersten Mal gelesen habe, war mir gleich klar, dass er eine andere Herangehensweise braucht. Das Buch ist schneller, langsamer, lauter, leiser und hat eine höhere Dynamik als alles, was ich bis dahin gemacht habe. Das fand ich reizvoll und herausfordernd, zumal der Roman mit Elementen des Genrekinos spielt. Es gibt große Boxkämpfe, Verfolgungsjagden, Prügelorgien. Dinge, die man aus dem Genrekino ganz gut kennt, die ich selbst aber noch nicht gemacht habe. Deshalb habe ich den Film anders gestaltet als „Halt auf freier Strecke“ oder „Sommer vorm Balkon“.

Muss man als Regisseur gleich zwei Egos streicheln, wenn man den Roman einer starken Persönlichkeit wie Clemens Meyer verfilmt, der von einer Drehbuchlegende wie Wolfgang Kohlhaase adaptiert wurde?

Lustiger Weise war es nicht so. Eigentlich war es sogar sehr einfach mit den beiden. Clemens ist sehr lässig, was die Bereitstellung seines Materials betrifft. Er hat uns vertraut und wusste auch, dass wir manche Dinge ändern oder weglassen müssen, wenn der Film gut werden soll. Wir mussten das Buch in ein Medium transportieren, das ganz anderen Gesetzen gehorcht als Literatur. Wolfgang hat Clemens gebeten, seine Erwartungen zu äußern und seine Befürchtungen zu verschweigen. So sind die beiden schnell zusammengekommen und ich musste gar nicht groß vermitteln. Ich finde, dass durch Wolfgangs Sicht noch einmal etwas ganz anderes in den Stoff hineingekommen ist, weil seine Generation in einer anderen Zeit sozialisiert wurde. Er war im Nachkriegsberlin Jugendlicher. Insofern vermittelt der Film nicht nur eine Sicht auf die wilde Jugend in der Nachwendezeit, sondern er ist durch Wolfgangs Erfahrungen universaler geworden.

Kann man die Jugend nach der Wende mit den Kindern der 68er vergleichen, die antiautoritär erzogen wurden und dem eigenen Nachwuchs gegenüber oft besonders streng sind, weil ihnen damals die Grenzen gefehlt haben?

Ich glaube schon, dass es so etwas in der Geschichte immer mal wieder gibt, gerade in Extremsituationen und in Zeiten des Umbruchs. Dann fallen ganze Generationen ins Bodenlose, weil die Eltern so beschäftigt sind. Die Jungs in unserem Film sind nicht nur deshalb so alleine, weil plötzlich die alten Regeln nicht mehr gelten und noch keine neuen da sind. Die Fürsorgegeneration, die Eltern und die Lehrer, sind komplett verunsichert. Sie sind einfach nicht da, weil sie mit der Neuordnung ihrer Lebensverhältnisse komplett überfordert sind. Danach gibt es logischerweise die Gegenbewegung. Die Generation, die so etwas erfahren hat, möchte es besser machen. Weil die Kinder ja eigentlich immer innerlich gegen ihre Eltern rebellieren.

War die Arbeit mit diesen jungen Leuten für Sie eine Frischzellenkur?

Ich fand es großartig! Es herrschte eine super Energie am Set, manchmal sind wir ´rumgehüpft und haben auf der Straße herumgebrüllt, mich eingeschlossen. Irgendwann kann man sich dem nicht entziehen. Die Schauspieler sind alle um die Zwanzig, teilweise haben sie ihren ersten Film gedreht. Da sind automatisch eine unglaubliche Spannung, große Lust und Aufbruchsgeist da. Das war wirklich toll.

Sind diese jungen Leute neugierig, wie es in der DDR war?

Ja klar. Ich habe viel erzählt, sie haben sich Filme und YouTube-Clips angekuckt, viel gelesen. Sie haben ihre Arbeit sehr ernst genommen und dadurch auch viel eingebracht. Wenn unser Hauptdarsteller Merlin zum Beispiel bei einer Autofahrt „Woraus sind wir auferstanden?“ in die Runde wirft und die Gruppe im Chor antwortet: „Aus Ruinen!“, ist das ein ganz toller Moment. Ich habe es ihnen nicht gesagt, sie haben es improvisiert. Man muss die DDR-Hymne schon kennen, um sie so zu veräppeln. Dass das von Jungs kam, die zu dieser Zeit noch gar nicht geboren waren und die zum größten Teil aus dem Westen stammen, hat mich beeindruckt.

Im Film gibt es sehr intensive Prügelszenen. Ist es Ihnen schwer gefallen, sie zu inszenieren?

Es ist schon schmerzhaft, das zu drehen. Diese Szenen mache ich ja nicht zum Selbstzweck, ich will keine Gewalt um der Gewalt willen. Aber sie gehört ursächlich zu dieser Geschichte hinzu, es ist die Gewalt der neuen Zeit, die über diese Jungs hereinbricht. Ganz davon abgesehen, dass wir sowieso nicht in der sanftesten aller möglichen Welten leben und man immer gern wegkuckt. Ich wollte da keine Kompromisse machen. Natürlich ist der Schauspieler geschützt und es wird nicht wirklich zugeschlagen. Aber als wir diese Szene mit Merlin gedreht haben, war ich hinterher fix und fertig. Ich kam früh um 5 in mein Hotelzimmer und habe geheult. Wenn man so lange dabei zuschaut, auch wenn es nur gespielt ist, lässt das die Seele nicht unbeschädigt.

Natürlich ist „Als wir träumten“ kein (N)Ostalgie-Film. Aber lassen Sie selbst Gefühle wie Nostalgie oder Wehmut zu?

Ich empfinde keine Nostalgie für die DDR, ich bin froh, dass die weg ist. Es ist eher Wehmut, was den Abschied von der eigenen Kindheit betrifft. Mich rührt es, wenn ich diese kleinen Kinder mit ihren Pionierhalstüchern in der Klasse sitzen sehe. Ich dachte an meine Kindheit. Als ich das blaue Halstuch hatte, wollte ich immer das rote haben. Das hatten die Älteren und es war viel cooler. Und richtig cool war es, wenn man das FDJ-Hemd bekam. Das waren dann die Großen, die beim Fahnenappell immer so betont lustlos den Gruß der Freien Deutschen Jugend „Freundschaft“ nölten. Cooler ging´s nicht. Und außerdem hatten die schon Mädchen! Man hat Konzessionen gemacht und angepasst gelebt. Deshalb liebe ich an den Jungs im Film, dass sie die Grenzen ausloten und überschreiten. Sie nehmen sich einfach ihr Recht zu leben. Die Welt bietet sich ihnen nicht an, sie erobern sie einfach. Irgendwann kommt natürlich der Moment, an dem die Welt der Erwachsenen nach ihnen greift. Sie machen einen illegalen Techno-Laden auf und dann kommt einer und sagt: „Ihr könnt hier Krach machen, so viel ihr wollt, aber der Markt gehört uns.“. Da fangen sie an, die Regeln der Erwachsenenwelt. Die Jungs sind nicht bereit, das zu akzeptieren. Sie kriegen auf die Fresse und müssen es lernen. Darin liegt ein Gefühl von Bitterkeit, das nichts mit Ost-West zu tun hat. Man stellt als junger Mensch seine eigenen Regeln auf und dann werden einem die Regeln der Gesellschaft aufgedrückt. Wie viele Kompromisse man schließlich eingeht, muss jeder mit sich selbst ausmachen.

Hatten Sie selbst auch eine wilde Zeit?

Nicht so wie diese Jungs. Ich komme aus einem anderen sozialen Umfeld, bin in einer relativ behüteten Künstlerfamilie aufgewachsen. Ich hatte meine Kindheit in den 70er- und 80er-Jahren im Osten. Da waren die Erschütterungen, denen man ausgesetzt war, etwas kleiner. Natürlich musste ich durchaus Erfahrungen mit politischen Konfrontationen machen. Aber ich habe im Leben noch von keinem Auto den Spiegel abgetreten. Das sind Fragen des Milieus und der Zeit. Wobei mir Liebesschmerz und durchzechte Nächte natürlich auch nicht fremd sind.

In der Wendezeit hat man auch viele Chancen verpasst. Dinge, die zu bewahren sich gelohnt hätte, wurden über Nacht abgeschafft. Gilt das auch für die Filmbranche?

Es ist schon eine Katastrophe, dass so viele großartige Filmleute aus dem Osten nach der Wende keine Chance mehr zum Arbeiten bekamen. Das ist der größte Verlust, der Verlust an Menschen. Es wurden Leute in der Blüte ihres künstlerischen Schaffens aus dem Beruf gedrängt, weil sie im Westen keine Produzenten fanden oder keiner ihre Arbeit kannte. Man war verunsichert, ob sie ideologisch belastet waren. Als die Mauer fiel, kannten wir im Osten sehr viel mehr Filme aus dem Westen als umgekehrt. Was nicht überraschend ist. Für uns im Osten war das Kino ja auch ein Fenster zur Welt. Wir konnten dort an Orte gelangen, die wir leiblich nicht bereisen durften. Ich selbst hatte Glück, ich kam gerade von der Filmhochschule. Ich galt als junges Nachwuchstalent und es gab eine Zeit, als es dafür Interesse gab. So bin ich in die Branche hineingekommen. Aber etliche ältere DEFA-Kollegen und auch viele aus der mittleren Generation hatten einfach keine Chance mehr und sind aus dem Beruf ausgeschieden.

Haben es die Kids von heute einfacher als die Generation, die im Film zu sehen ist?

Jede Zeit hat Vor- und Nachteile. In so einer relativ saturierten Welt, in der wir leben, ist es vielleicht schwieriger, einen eigenen Anspruch zu formulieren. Ich wünschte mir manchmal mehr Fragen, auch an die heutige Gesellschaft. Aus einem Zustand der Sattheit heraus ist das aber durchaus schwierig. Ich finde es immer ein bisschen altväterlich, wenn jemand sagt, früher war die Jugend viel engagierter. Es gibt auch heute tolle, junge Leute. Und es gibt ein Recht der Jugend auf Anarchie und auf Aufbruch. Das muss so sein, denn diese jungen Leute sollen ja auch irgendwann in dieser Welt hier leben, es ist ja ihre. Da wünschte ich mir manchmal ein bisschen mehr Druck. Einfach unverschämter sein.

Sie sind als Filmemacher ziemlich erfolgsverwöhnt, kritische Stimmen sind selten. Setzt Sie diese Tatsache unter Druck?

Bei der Arbeit denke ich nicht darüber nach. Ich versuche sie mit all meiner Liebe und Leidenschaft zu machen. Und dann setzt man sich einer Öffentlichkeit aus, das gehört dazu. Man muss auch ertragen, wenn manche Leute diese Arbeit nicht gut finden. Druck verspüre ich, wenn ich auf der Berlinale in den Saal hineingehe. Dann klopft mir schon das Herz. Es ist eine sehr große Bühne und es sind 1.800 Leute gekommen, die erwartungsfroh da sitzen. Und ich kann ihnen die nächsten zwei Stunden ihres Lebens versauen. Das möchte ich natürlich ungern.        

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