Ein maßlos talentiertes Ungeheuer :

Gérard Depardieu wird 65

Gérard Depardieu ist ein fleischgewordenes Unikum. Als Obelix und Cyrano von Bergerac ist er zum monstre sacré geworden, zu einer Filmlegende. Als Steuerflüchtling und Trunkenbold zum Enfant terrible der Nation.

Obelix mit Idefix: Frankreichs Filmstar Gérard Depardieu im Jahr 2002 auf der „Wetten, dass ...?“-Couch.
Jochen Lübke Obelix mit Idefix: Frankreichs Filmstar Gérard Depardieu im Jahr 2002 auf der „Wetten, dass ...?“-Couch.

„Alter schützt vor Torheit nicht“ heißt der Titel des amerikanischen Films von Harmon Jones, der Gérard Depardieu wie auf den Leib geschrieben ist – auch wenn Frankreichs Filmikone nicht darin spielt. Die Komödie wurde 1951 gedreht, da war Depardieu noch keine drei Jahre alt. Doch in den vergangenen Jahren kam das monstre sacré, das heilige Monster, wie Stars in Frankreich genannt werden, mehr wegen Steuerflucht und Trunkenheit am Steuer in die Schlagzeilen als wegen seiner schauspielerischen Leistung. Dabei hat Depardieu, der heute 65 Jahre alt wird, Filmgeschichte geschrieben.

Frankreich hat neben Gabin und Belmondo nur wenige monstres sacrés hervorgebracht. Doch kaum ein anderer hat solchen Nimbus so schnell erworben wie Depardieu. Seine aufbrausende Wut als Graf von Montecristo oder sein hingebungsvolles Liebesgeflüster als Cyrano von Bergerac suchen seinesgleichen. Depardieu spielt mit einer urgewaltigen Energie und explosiven Emotionalität. Zuletzt ist er jedoch in Rollen geschlüpft, die dem Publikum weniger gefallen.

Depardieu kann auf über 200 Filme blicken

Seine medienwirksame Steuerflucht nach Belgien, seine Staatsbürgerschaft als Russe, sein übermäßiger Alkoholkonsum haben die Filmkarriere von Frankreichs bestbezahlten Schauspieler etwas in den Schatten gerückt. Depardieu kann auf über 200 Filme blicken – große wie kleine, gute wie schlechte. Filmperlen wie „Die Ausgebufften“, „Cyrano von Bergerac“, „Die letzte Metro“ und „Green Card – Schein-Ehe mit Hindernissen“ sind in die Kino-Annalen eingegangen, andere wie „Disco“ oder „Bouquet final“ sind vergessen, kaum dass man sie gesehen hat. Der Franzose spielt, was ihm gefällt. Das sei seine Freiheit, wie er in einem Interview sagte. „Mich interessieren nicht die Filme, sondern die Geschichten und die Personen, mit denen ich mich identifizieren kann.“

Draufgänger, Zuhälter, Rebell, Vagabund, Hedonist: Depardieu verkörpert in seinen Filmen das ganze Spektrum des europäischen Mannes. Dabei sprengt seine Präsenz den Bildschirm, ob in lumpigen oder noblen Rollen, ob als Danton, Balzac und Résistance-Aktivist oder als Obelix. Depardieu spielt seine Rollen nicht, sondern lebt sie. Für Depardieu sind große Schauspieler jene, die gelebt haben. Und dazu gehört er. Der Franzose ist unersättlich, maßlos. Er schöpft aus den Vollen, frönt dem Wein und den kulinarischen Freuden. Man nennt ihn gern einen Genussmenschen. Er selbst nennt sich in seiner Autobiografie, einen Menschen, der nach Glück strebt, das ihm nicht in die Wiege gelegt wurde.

Depardieu ist der Antityp des französischen Beaus

Depardieu kommt von ganz unten. Sein Vater, ein Schmied, war Alkoholiker und konnte kaum schreiben. Er war eines von sechs Kindern und galt als aufsässig, litt an Sprachstörungen und trieb sich herum. Er klaute und prügelte sich und wäre wahrscheinlich einer dieser Halunken und Vagabunden aus seinen Filmen geworden, hätte er nicht als 17-Jähriger die Schauspielerei entdeckt. Mit seiner Blumenkohlnase und seinen unzähligen Kilo zu viel ist Depardieu der Antityp des französischen Beaus.

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