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Heinz Drossels Antrieb war die Menschlichkeit

Die Uwe-Johnson-Tage 2013 in Neubrandenburg sind eröffnet. Den Einstieg bereitete die Spiegel-Journalistin Katharina Stegelmann mit ihrer Biografie „Bleib immer ein Mensch“ über den stillen Helden Heinz Drossel.

Die Journalistin und Autorin Katharina Stegelmann war zum ersten Mal in Neubrandenburg zu Gast. Im Gepäck hatte sie die Biografie von Heinz Drossel.
Heiko Brosin Die Journalistin und Autorin Katharina Stegelmann war zum ersten Mal in Neubrandenburg zu Gast. Im Gepäck hatte sie die Biografie von Heinz Drossel.

83 Jahre war Heinz Drossel alt, als er das erste Mal auf die Spiegel-Journalistin Katharina Stegelmann traf. „Stille Helden“ sollte sie für das Magazin interviewen. Ein kurzes Portrait über den ehemaligen Wehrmachtoffizier und Richter Heinz Drossel, der im Zweiten Weltkrieg mehreren Juden das Leben rettete, wollte sie schreiben. Drossels Menschlichkeit war da bereits ausgezeichnet worden: „Gerechter unter den Völkern“, wurde er von der Schoah Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geehrt. 2001 erhielt Heinz Drossel das Bundesverdienstkreuz. In den Medien war er noch weitgehend unbekannt.

„Bleib immer ein Mensch mein Junge“

Dabei hatte der 83-Jährige aus seinem Leben von der Kaiserzeit bis zum geeinten Deutschland einiges zu berichten. Zahlreiche Nebenstränge öffneten sich in den Gesprächen. „Ich erkannte relativ schnell, dass mich besonders die Lücken in seinen Geschichten interessierten“, sagt die Journalistin. So endete Stegelmanns Arbeit nicht mit der Publikation im Spiegel. Sie stürzte sich in ihr erstes Buch: der Biografie Heinz Drossels.

Drossel wurde 1916 in Berlin geboren. Er wurde katholisch erzogen, was ihn stark prägte. „Bleib immer ein Mensch mein Junge, selbst dann, wenn es Opfer fordern sollte“, sagte sein Vater in der Ansprache zur Kommunion des 16-Jährigen. Menschlichkeit stand fortan im Mittelpunkt Drossels Handeln. Er schämte sich, als in den 1930er Jahren sein jüdischer Schulfreund Salomon drangsaliert wurde. „Heinz Drossel hatte Hitlers 'Mein Kampf' gelesen. Darauf basierte sein Abscheu gegenüber den Nazis“, erklärt Stegelmann.

Seine Abscheu gegenüber den Nazis wurde zu Hass

Weil sich der Jura-Student Drossel weigerte in die Partei einzutreten, wurde er 1939 im Eilverfahren in den Kriegsdienst berufen. Drossel kämpfte in Frankreich und Russland. In Lettland wurde er heimlich Zeuge einer Hinrichtung. Auch ein jüdisches Kind wurde erschossen. Drossels Abscheu gegenüber den Nazis wurde zu Hass. Doch er blieb Soldat, schlug die Offizierslaufbahn ein. In den Kriegsjahren rettete er mehreren Juden das Leben, indem er ihnen zur Flucht verhalf. Unter ihnen war auch seine spätere Frau, die Jüdin Marianne Hirschfeld. Der Soldat und die Jüdin - ein Happy End möchte man meinen.

Doch die Nachkriegsjahre wurden schwer. Sein Vater eckte in Ostdeutschland an, kam für drei Jahre ins Zuchthaus. In Westberlin konnte Drossel selbst als Richter nicht ertragen, dass Alt-Nazis wieder seine Vorgesetzten waren. Heinz Drossel bestimmte: Die Familie geht nach Baden-Württemberg. In der Nähe von Freiburg lebte er bis zu seinem Tod 2008.

Er wollte kein Held sein

Als Zeitzeuge sprach er an Schulen. Zu der Journalistin Katharina Stegelmann entwickelte sich trotz professioneller Distanz eine Freundschaft. Obwohl der energiegeladene Drossel der Journalistin in den Interviews einiges abverlangte. Mit der Bezeichnung Held konnte Drossel sich bis zu seinem Tod 2008 nicht anfreunden: „Dass ich geehrt werde, weil andere nichts getan haben. Ich weiß nicht“, zitiert ihn Stegelmann.

Lesungen der nächsten Tage

  • Donnerstag: „Selbstporträt mit Schusswaffe“,  Lesung und Gespräch mit dem Autor Thomas Fritz
  • Freitag: Verleihung des Uwe-Johnson-Förderpreises an Matthias Senkel für seinen Roman „Frühe Vögel“, Lesung und Gespräch mit dem Autor
  • Beginn jeweils um 19.30 Uhr in der Kunstsammlung Neubrandenburg, Große Wollweberstraße 24