Theaterkritik:

Hitler tänzelt die Showtreppe hinab

Hakenkreuz, Stechschritt und sogar ein schwuler Führer: Das Musical „The Producers“ hat das Zeug zu ausgelassener Unterhaltung. Dennoch fehlen der Produktion im Staatstheater Schwerin einige Zutaten.

Völlig abgefahren und zum Tränenlachen: Mit Konfettikanonen lässt sich der schwule Hitler (Özgür Platte, Mitte) feiern. Foto: Silke Winkler
Völlig abgefahren und zum Tränenlachen: Mit Konfettikanonen lässt sich der schwule Hitler (Özgür Platte, Mitte) feiern. Foto: Silke Winkler

Wo sind nur die Brezeln auf den Armbinden geblieben? Weg sind sie. Der erste Gag des Abends verschenkt. Stattdessen tragen Max Bialystock und Leo Bloom Hakenkreuze. Sie heben die Hand zum Hitlergruß. Sie kleben sich schmale Bärtchen auf die Oberlippe. Kein Härchen liegt falsch. Im Stechschritt geht’s die Chorus Line auf und ab. Der Reichsadler spannt seine Schwingen über mehrere Meter über die Bühne. Jetzt bloß nicht nervös werden. Das Ganze ist nur eine Szene aus dem Musical „The Producers“, für das sich am vergangenen Wochenende der erste Vorhang im Staatstheater Schwerin hob. Übrigens das erste Mal an einem öffentlich geförderten Theater.

Die Ausstattung, die Kostüme, die Maske sind gelungen, alles bunt, glitterig, funkelnd, dass sich der ein oder andere im Publikum fragt, ob er begeistert klatschen darf. Man darf! Denn „The Producers“ will keine Nazi-Verherrlichung sein. Beileibe nicht. Es geht um ein Musical im Musical. Die Unterhaltungsbranche hält der Unterhaltungsbranche den Spiegel vor und zeigt auf, wie korrupt und skrupellos die Schauspieler und Produzenten sein können. Hauptsache, die Kasse klingelt. Notfalls auch durch einen Misserfolg, wie der furchtbar spießige Steuerprüfer Leo Bloom Max Bialystock vorrechnet.

Ein völlig verrücktes, abgefahrenes Stück

Das bringt den Produzenten auf ziemlich dumme Gedanken. Er will absichtlich ein grottenschlechtes Stück abliefern, damit das Publikum schreiend die Aufführung verlässt. Akribisch begibt er sich auf die Suche nach einem Stoff, der sich so richtig mies verarbeiten lässt, sucht absichtlich die schlechtesten Schauspieler aus, engagiert den fragwürdigsten Regisseur. Heraus kommt „Frühling für Hitler“, ein völlig abgefahrenes, verrücktes Stück, das einen schwulen Hitler mit gebrochenen Handgelenken und Männerküssen zeigt. Kein Wunder, dass die Chose nicht erfolglos bleibt.

Dirk Audehm als Max Bialystock wirkt erfolgsversessen, aber nicht durchtrieben genug. Als Glücksgriff erweist sich Christoph Bornmüller als biederer Leo Bloom. Wie er verhuscht über die Bühne rumpelt, naiv, weltfremd und dann doch wieder von Gefühlen geleitet durchs Leben geht. Wenn er hin und wieder doch übers Ziel hinausschießt, muss der Hysteriker und Neurotiker das blaue Schnuffeltuch unter die Nase halten oder damit die Wange streicheln. Dann ist seine kleine Welt wieder in Ordnung.

Zu diesem sanften Persönchen passt Bornmüllers zaghafte, wie weich gepuderte Singstimme. Bei all dem Pomp und dem Glitzerkleid, das Regisseur Roger DeBris trägt, spielt Özgür Platte viel zu wenig tuntig. Der Zuschauer nimmt ihm die Homo-Rolle einfach nicht ab. Er bleibt ein Hetero-Mann im Fummel mit Krönchen und paillettenbesetztem Handtäschchen am Arm. Diese Rolle verträgt so viel, auch Übertreibung. Sie kann gar nicht tuffig genug sein. Doch so mutet sie wie ein Fremdkörper neben dem herrlichen Klaus Bieligk an, der den Freund und Hausdiener mit einer Eleganz gibt, wie es sich gehört.

Ulla ist schön anzuschauen, mehr nicht

Eine Augenweide – aber auch nicht mehr – stellt Sonja Isemer als Schwedin Ulla dar. Ihre Gesangseinlagen sollte man schnell wieder vergessen. Schwedin Ulla gehört zu den Hauptrollen des Stücks, eine perfekte, fasst schons beeindruckende Stimme gehört dringend dazu. Stattdessen presst, nein schreit Isemer die langen, kraftvollen Töne ohne Gefühl heraus, was die Verständlichkeit des ohnehin schlechten Tons in den ersten Reihen vor der Bühne noch unverständlicher macht.

Singen gehört bis auf wenige Ausnahmen nicht zu den Stärken dieses Ensembles. Das kann bei einem Musical durchaus eine vernichtende Feststellung bedeuten. Doch „The Producers“ lebt Gott sei Dank auch und gerade vom gesprochenen Wort. Von den schrulligen Typen (Andreas Lembcke als rollatorfahrende, sexhungrige Oma und als bayerisch ratschender Franz Liebkind), den fetzigen Choreografien, den Stepptanzeinlagen, den glitzernden, bunten Kostümen und den üppigen Bühnenbildern wie etwa eine riesige Showtreppe, bezogen mit rosa Fell.

Eingebettet in diese schwule Plüschwelt erzählt sich die köstlich-kuriose Handlung wie von selbst. Deshalb drängen sich zwei Fragen auf: Traut Regisseur Peter Dealer seinem Publikum zu wenig zu? Oder – noch viel schlimmer – hält er die Inszenierung selbst für erklärungswürdig, wenn er mit Einblendungen auf einer Leinwand arbeitet? So erfährt der Zuschauer also, dass das Bühnenbild einmal das Büro von Produzent Max Bialystock sein soll, mal ein Park in New York, dann ein Theater am Broadway.

Ach nee! Das alles sollte sich von selbst erklären, und tut es auch. Denn „The Producers“ besitzt viel, was einen gelungen Theaterabend ausmacht. Nur vertraut der Regisseur selbst nicht darauf.

Weitere Vorstellungen am 31. Oktober, 13., 29. November, 19. Dezember, 5., 25. Januar.

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