Interview mit Sir Ben Kingsley:

"Ich bin ein Geschichtenerzähler"

Für die Leinwandversion des internationalen Bestsellers „Der Medicus“ schlüpft Charakterdarsteller Sir Ben Kingsley einmal mehr in die Rolle einer historischen Persönlichkeit. Im Interview erzählt der Oscar-Preisträger über Ärzte, eine "hamletartige“ Sicht auf die Welt und eine besondere Begegnung.

Ben Kingsley
Jörg Carstensen Ben Kingsley.

Sir Ben, was macht für Sie einen guten Arzt aus?

Ein guter Doktor ist einer, der zuhört und sich nicht nur auf Theorien stützt oder Dienst nach Vorschrift leistet. Er wird voller Empathie lauschen und sich ganzheitlich dem Dilemma des Patienten widmen. Vor allem wird er nicht schnell zum Rezeptblock greifen und „Der Nächste, bitte!“ rufen.

Haben Sie sofort zugesagt, die Rolle des Heilers Ibn Sina zu übernehmen?

Nicht sofort. Man hat mir zwei Versionen des Drehbuchs zugeschickt, die erste bereits 2010. In diesem Buch war Ibn Sina noch nicht so klar ausgearbeitet wie in dem Film, den Sie gesehen haben. Ich habe den Produzenten zahlreiche Anmerkungen zukommen lassen und dachte nicht, dass ich die Rolle übernehmen würde. So viele Randnotizen sind eigentlich nicht mein Fall. Normalerweise lese ich ein Skript und sage zu. Ich sage nicht, dass ich es mache, falls… Aber irgendetwas an der Geschichte zog mich an.

Wie ging es dann weiter?

Bevor mich das neue Drehbuch erreichte, fragte man meine Mitarbeit bei einem wundervollen Film namens „Tausendundeine Erfindung“ an. Er setzte sich mit dem goldenen Zeitalter der islamischen Aufklärung im 10. und 11. Jahrhundert auseinander. Durch Zufall bekam ich also einen enormen Crashkurs, der sämtliche Spielarten der Kunst und der Wissenschaft dieser Zeit umfasste. Während in Europa das finstere Mittelalter herrschte, kam es anderswo zu dieser Explosion der Neugierde, die die Grenzen sprengte. Man traute sich, das Universum und seine Wechselwirkungen auf die Gesundheit, die Architektur, einfach auf alles zu erforschen. Das ermöglichte es mir, auch Ibn Sina in einem umfassenderen Zusammenhang zu sehen. Er war kein verrückter Wissenschaftler oder Einzelgänger. Er war Bestandteil dieser Aufklärungsbewegung, die die islamische Welt mitriss. Er war einzigartig, ein wunderbares Beispiel für das, was in seiner Zeit vor sich ging. Es war ein großer Vorteil, dass ich durch die Dokumentation diese Einsichten erlangte. Und dann kam es noch zu einer Begegnung.

Bitte erzählen Sie.

Ich kam in ein sehr bekanntes Londoner Geschäft. Eine junge Frau aus dem Iran stand hinter dem Ladentisch, als ich ein paar Geburtstagsgeschenke für meinen Sohn kaufte. Offensichtlich hatte sie mich gegoogelt, denn sie sagte: „Oh, Sie werden Ibn Sina spielen!“. Für sie, eine charmante, wortgewandte Angestellte eines Londoner Geschäfts im 21. Jahrhundert, ist er noch immer ein leuchtender Vertreter ihrer Kultur. Das machte mir bewusst, wie sehr Ibn Sina auch heute noch geschätzt wird.

Haben Sie selbst mit den Jahren eine größere Weisheit erlangt?

Darüber habe ich mir wirklich noch keine Gedanken gemacht. Ich mag es, einen Schritt zurückzutreten, um ein größeres Bild zu sehen. In meinen Anfangsjahren bei der Royal Shakespeare Company wurde ich mit dem erstaunlichen Genie Shakespeares konfrontiert, der dir eine intime Szene zwischen zwei Menschen zeigt und dann plötzlich den Fokus erweitert und ein riesiges Gesamtbild sichtbar macht. Diese Elastizität der Vorstellungskraft, diese Flexibilität hat meinen Appetit geweckt. Shakespeare war, wenn man so will, mein erster Autor und meine erste, außergewöhnliche Schauspielerfahrung. Seither verspüre ich diesen Appetit auf das große Bild, den Kontext, darauf, Teil etwas Universellen zu sein. Diese Jahre waren meine Universität, meine Familie, mein Erwachsenwerden. Ich habe mit wundervollen Regisseuren gearbeitet. Diese ersten Jahre waren ein Segen. Ibn Sina lebte lange vor Shakespeare, aber auch er teilte diese hinterfragende, neugierige, „hamletartige“ Sicht auf die Welt. Das ist von großer Schönheit.

Gab es jemanden, den Sie als Ihren ganz persönlichen Ibn Sina bezeichnen würden, einen Mentor?

Mich selbst. Vielleicht auch Peter Brook, den größten Theaterregisseur Europas. Und dann das Leben und Erfahren von Shakespeare. Ich selbst bin mein härtester Lehrer, ich treibe mich immer voran. Ich habe auf meiner Reise als Schauspieler das große Privileg gehabt, einige wirklich bemerkenswerte Menschen zu treffen. Sie wurden zu Stimmen in meinem Kopf und werden mir hoffentlich mitteilen, ob ich eine Geschichte gut oder schlecht erzählt habe. Ich habe Simon Wiesenthal kennengelernt oder Elie Wiesel, außergewöhnliche Menschen. Elie  Wiesel hat mir immer gesagt, dass wir Geschichten erzählen müssen. Nicht anderes zählt wirklich. Das finde ich sehr schön. Ich bin ein Geschichtenerzähler. All die wunderbaren Einflüsse, auf die ich getroffen bin, machen mich vielleicht nicht weiser, aber sie machen mich hoffentlich zu einem besseren Erzähler. Ich habe diese Menschen getroffen und wusste, hier sind Güte und Courage. Ich habe etwas in seiner puren, wahrhaftigen Form erlebt. Ich muss nicht mehr rätseln oder mich auf gut Glück in eine Situation stürzen. Ich weiß, es gibt einen Maßstab, auf dessen Grundlage ich mein Porträt engagierter Menschen ausbalancieren kann. Oder aber verrückter Menschen, wie in „Sexy Beast“.

Warum sind Geschichten für Ihr Leben so wichtig?       

Sie sind wichtig für DAS Leben. Ich möchte die fabelhafte Clarissa Pinkola Estés zitieren, die Autorin von „Women Who Run With the Wolves“. Im Vorwort schreibt sie einen Satz, der mich auf direktem Wege in ihr Buch gezogen hat: „Ich glaube, dass das Erzählen von Geschichten heilen ist.“. Wenn dir Geschichten weitergegeben werden, ist dieses Erbe von heilender Wirkung. Etwas in diesen Mythen wird dich trösten, dir etwas erklären, dich leiten – dich heilen.

Was hat Ihnen an dieser deutschen Produktion besonders gefallen?

Die Bilder, die man geschaffen hat, um die Zeit der Aufklärung und das Mittelalter lebendig zu machen, sind außergewöhnlich. Großbritannien watete zu dieser Zeit durch den Schlamm, den Leuten ging es nicht gut und dann kam auch noch der Zahnreißer. Dann wird man Zeuge der erstaunlichen Architektur Isfahans, man sieht den Palast des Schahs, das Hospital, eine wundervolle Stadtlandschaft. Es ist hervorragend gelungen, den Kontrast zwischen dem düsteren Europa und der lichtdurchfluteten islamischen Welt zu zeigen.

Wie sieht Ihr Weihnachtsfest aus?

Sonnig. Ich werde in Hollywood sein und mich einfach nur ausruhen. Ich habe jetzt dreißig Wochen lang ohne einen freien Tag zwischendurch gearbeitet. 

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