Interview mit Schauspieler Liam Neeson:

„Ich habe die Präsenz des Bösen gefühlt”

In seiner aktuellen Schaffensphase schlüpft Liam Neeson auffallend häufig in der Rolle des Action-Helden. Als es galt, den einsamen Privatdetektiv Matthew Scudder aus den düsteren Kriminalromanen von Lawrence Block auf der Leinwand zum Leben zu erwecken, war der 62-Jährige die erste Wahl. Ein Gespräch.

 Schauspieler Liam Neeson
Britta Pedersen Schauspieler Liam Neeson.

Mr. Neeson, kannten Sie Lawrence Blocks Matthew-Scudder-Universum?

Nein, das muss ich zu meiner Schande gestehen. Dabei bin ich ein eifriger Leser. In den letzten Jahren habe ich viele skandinavische Thriller gelesen. Lawrence Blocks Werk war mir unbekannt. Mittlerweile habe ich fünf oder sechs seiner Romane nachgeholt. Als man mich fragte, ob ich Scudder spielen möchte, war ich gerade mit Henning Mankells „Wallander“-Büchern beschäftigt. Dieser Charakter erinnerte mich in vieler Hinsicht an Matthew Scudder.

Woher rührt die Faszination der Menschen für Kriminalgeschichten?

Wenn man sich weltweit die Bestsellerlisten anschaut, werden sich unter den Top 5 immer mindestens zwei Kriminalromane finden. Diese Faszination, die schon vor 5.000 Jahren von den griechischen Dramen ausging, ist bis heute ungebrochen. Diese grässlichen Geschichten über Verbrechen enthüllen etwas über das Wesen des Menschen. Das fasziniert uns. Wir sind vielleicht nicht dazu in der Lage, es verstandesmäßig zu begreifen, aber es ist da. Es ist die Suche nach der Moral. Wenn wir einen Kriminalroman lesen, denken wir: Großer Gott, warum nimmt ein Mensch einem anderen Menschen das Leben? Diese Frage beschäftigt uns und wird es wohl immer tun.

Haben Sie einen Lieblings-Serienkiller?

Norman Bates war wundervoll. Vor vielen Jahren bin ich Schauspieler Anthony Perkins begegnet. Ich betrat gerade ein Hotel in London durch eine Drehtür, als er mir entgegenkam. Er hat mich angesehen und ich bin für eine Nanosekunde in Panik verfallen. Ich war damals ein Niemand, er konnte mich nicht kennen. Aber wie er mich angesehen hat, das war für mich Norman Bates.

Glauben Sie, dass alle Menschen als unbeschriebene Blätter zur Welt kommen oder gibt es das geborene Böse?   

Nun, das ist die Million-Dollar-Frage. Ist es die Natur oder die Erziehung? Ich glaube an die Existenz des Bösen. Ich meine das nicht in einem religiösen Sinne. Ich glaube, es gibt die Inkarnation des Bösen in manchen Menschen. Ich habe das mehrfach erlebt, ich habe die Präsenz gefühlt. Das ist keine sehr angenehme Erfahrung. Bei manchen Menschen merkt man, dass da einfach keine Seele ist. Anders kann ich das nicht beschreiben. Es ist äußerst verstörend, wenn jemand hinter seinen Augen absolut tot ist.

Welche Facette Ihres Charakters hat Sie besonders interessiert?

Ich habe zur Vorbereitung an einigen Meetings der Anonymen Alkoholiker teilgenommen und fand sie sehr bewegend. Anonyme Menschen stehen auf und erzählen ihre Geschichte, berichten davon, was ihnen und ihrer Familie aufgrund der Alkoholsucht passiert ist. Die anderen Menschen im Raum verstehen dass, weil ihre Reise eine ähnliche war. Diese kleinen Akte der Tapferkeit haben mich sehr berührt. Scudder hat ähnliche Probleme. Er hat als Polizist viel gesehen, er hat ein Alkoholproblem und die Anonymen Alkoholiker sind sein Halt, seine Familie.

Bevorzugen Sie einsame Charaktere in schwierigen Situationen?

Diese ikonischen, einsamen Helden kennen wir schon aus den frühen Phasen des Kinos. Sie pfeifen auf das System und stecken das Areal der Moral für sich sehr großzügig ab. Trotzdem verfügen sie über einen guten, moralischen Kompass. Solche Figuren haben mich immer angezogen, ja. Als nächstes drehe ich mit Martin Scorsese einen Film über zwei Jesuiten-Priester, die im 17. Jahrhundert nach Japan reisen. Da bin ich wohl wieder der einsame Wolf. Ich hatte aber gerade auch einen kleinen Gastauftritt in Seth MacFarlanes „Ted 2“. Für einen Freudianer ist diese schräge Geschichte von dem Typen und seinem Teddybär auf so vielen Ebenen interessant.

Von Scorsese stammt das Zitat, dass man als Regisseur immer einen Film für das Studio und einen Film für sich selbst macht. Gilt das auch für Schauspieler?

Vor ein paar Jahren hätte das wohl der Wahrheit entsprochen. Burt Lancaster sagte immer, dass er mit seinem Haar spielen würde. Wenn er einen Studiofilm drehte, saß die Frisur perfekt. Wenn er einen europäischen Film machte, trug er kein Toupet. Ich weiß nicht, ob diese Aussage heute noch stimmt. Auf Marty mag das zutreffen. Er interessiert sich für so viele Themen, zu denen er einen Beitrag leisten möchte. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Studio sagt: „Mach´ uns einen neuen „Departed“ und wir lassen dich einen kleinen Film über Jesuiten-Priester aus dem 17. Jahrhundert machen.“. Aber ich weiß nicht, ob das wirklich so läuft. Ich erinnere mich an den letzten „Dirty Harry“-Film, den Clint Eastwood gemacht hat. Er hatte einen Deal mit Warner Bros. ausgehandelt. Sie sagten: „Wir geben dir das Geld für deinen kleinen, düsteren Jazz-Film „Bird“ über den Saxophonisten Charlie Parker, auch wenn ihn sich niemand anschauen wird.“ „Oh, vielen Dank!“ „Wie auch immer: wir haben hier noch ein neues Dirty-Harry-Drehbuch!“. Vielleicht läuft das auch weiterhin so.

Deutschland hat eben das Jubiläum des Mauerfalls gefeiert. Haben Sie einen Bezug zu diesem Ereignis?

Ich war kurz nach dem Mauerfall in Berlin. Ostdeutsche Soldaten verkauften ihre Sachen. Ich habe für 5 Dollar eine Wintermütze gekauft. Ich besitze sie immer noch. Für mich war das eine, wenn auch winzig kleine, menschliche Verbindung zu der deutschen Wiedervereinigung.

Sind Sie sich stets bewusst, dass Sie die Verantwortung für Multimillionen-Projekte tragen?

Ja, und ich nehme diese Verantwortung sehr ernst. Am Tage vor Drehbeginn muss ich zu mir sagen können: „Das ist genug. Wäre es nicht genug, hätten sie jemand anderes besetzt.“. Bevor ich den ersten „Taken“-Film gedreht habe, traf ich zufällig Morgan Freeman in einem Restaurant. Er fragte mich, was ich gerade mache und ich versuchte ihm diesen Film zu beschreiben. Ich war verunsichert, aber er sagte: „Mach´ einfach dein Ding! Das ist es, was ich immer mache.“. Das hat mir tatsächlich geholfen.

Ist die Schauspielerei Ihre Leidenschaft oder „nur“ ein guter, anständiger Job?

Die Leidenschaft spielt sich bei mir zwischen den Rufen „Action!“ und „Cut!“ ab. Das mag ich immer noch. Das ganze Drumherum…

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