Ein Gespräch mit Schauspieler Daniel Brühl:

„Ich kann bei der Arbeit durchaus kompliziert sein“

In Michael Winterbottoms Werk „Die Augen des Engels“ spielt Daniel Brühl den Regisseur Thomas, der einen Film über einen spektakulären Kriminalfall vorbereitet. Pate stand der Mord an der britischen Studentin Meredith Kercher, für den man Amanda Knox verantwortlich machte. Als wir Daniel Brühl in Berlin zum Gespräch treffen, trägt er einen imposanten Schnauzer.

Daniel Brühl als Thomas in einer Szene des Kinofilms "Die Augen des Engels". Das Drama, das grob an den Fall der US-amerikanerin Knox angelehnt ist, kommt am 21.05.2015 in die deutschen Kinos.
Concordia Filmverleih/dpa Daniel Brühl als Thomas in einer Szene des Kinofilms "Die Augen des Engels". Das Drama, das grob an den Fall der US-amerikanerin Knox angelehnt ist, kommt am 21.05.2015 in die deutschen Kinos.

Als wir Daniel Brühl in Berlin zum Gespräch treffen, trägt er einen imposanten Schnauzer.

Ich spüre den verwunderten Blick. Der Schnurrbart ist für meine Rolle in der internationalen Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“. Vincent Perez führt Regie, Emma Thompson und Brendan Gleeson spielen mit.

Ist es nicht seltsam, Fallada auf Englisch zu drehen?

Klar. Vor allem, wenn man als Deutscher die Geschichte im Original gelesen hat. Diese Berliner Gossensprache, die Fallada geschrieben hat, ist einfach herrlich. Wir werden in Berlin, Görlitz und Köln drehen.

In „Die Augen des Engels“ spielen Sie einen Regisseur in der Schaffenskrise. Hatten Sie selbst schon solche Tiefpunkte?

Durchaus, wenn auch nicht so heftig wie bei Thomas. Von außen mag die Wahrnehmung eine andere sein, aber von meiner Seite gab es schon Phasen, in denen ich mit der Situation, mit den Filmen oder der eigenen Arbeit nicht so zufrieden war. Da fragt man sich schon, ob man an allem noch so richtig Freude hat. Wie so häufig bei Männern ist das auch ein bisschen zelebriertes Selbstmitleid. Am Ende des Tages habe ich nicht wirklich das Ganze in Frage gestellt. Ich wollte nur von anderen Leuten die Rückbestätigung holen, dass ich weitermachen soll. Man muss selbst hinterfragen, wie dramatisch die Situation jetzt ist. Aber düstere Momente und kleine Schaffenskrisen sind mir nicht fremd. Ich kenne auch Thomas´ Problem des Abstands zum richtigen Leben und dem eigenen sozialen Umfeld. Im letzten Jahr habe ich vielleicht zwei Monate in Berlin verbracht. Das bedeutet, dass einige Beziehungen darunter leiden. Nicht die festen Bindungen zum Partner, aber die Freundschaften. Das ist der Preis, den man in diesem Geschäft zu bezahlen hat. Viele Dinge, die Thomas passieren, konnte ich nachvollziehen. Ich habe in meinem Umfeld Trennungen erlebt. Leute mit Kindern gehen getrennte Wege und ich beobachte, wie schmerzhaft das sein kann. Ich empfand große Empathie für diese Figur.

Sind schon Freundschaften auf der Strecke geblieben?

Mit zunehmendem Alter verkleinert sich wahrscheinlich bei den meisten der Freundeskreis. Das ist nicht nur der Abwesenheit geschuldet. Man sieht auch klarer, wer die wahren Freunde sind. Und mit denen reichen bezeichnender Weise auch wenige Treffen, um ganz schnell wieder anzuknüpfen. Da geht nichts verloren.

Im Film liefert Skype den Ersatz für persönlichen Kontakt. Wäre das für Sie eine Alternative?

Ich bin im technischen Bereich sehr unbeleckt. Wenn ich mit Regisseuren skypen soll, weigere ich mich für gewöhnlich. Ich kann mich nicht konzentrieren und sehe auf diesem Bildschirm völlig bescheuert aus. Ich versuche, besser ´rüberzukommen und rede dabei nur Müll. Ich hasse das. Skypen ist echt abartig. Aber man besteht immer häufiger darauf. Mit einem Regisseur muss man doch eigentlich nur über die Arbeit reden. Er weiß doch eh, wie man aussieht. Ich habe jetzt auch das ganze Social Media-Ding komplett sein lassen. Es gab kurzzeitig und halbherzig eine Facebook-Seite, die ich auch nicht persönlich betrieben habe. Das lasse ich jetzt auch bleiben. In dieser Beziehung konnte ich viel von Cara (Anm.: Delevingne, Top-Model und Co-Star im Film) lernen. Es war für mich ein Filmdreh mit einem modernen Menschen, einem Menschen aus der Zukunft. Zum ersten Mal kam ich mir richtig alt vor, das war lustig. Ich habe nichts von dem begriffen, was sie mir da erzählt hat. Und ich glaube, sie hatte auch das Gefühl, mit einem Dinosaurier oder einem außerirdischen Rentner zu reden. Das ist die neue Generation, da komme ich nicht mehr mit.

Sie haben die Zusammenarbeit mit Cara Delevingne sehr gelobt.

Sie war fantastisch, ja. Ich finde Cara super, sie ist wie ein Vulkan. Und man weiß immer nicht, wann die nächste Eruption kommt und ob sie heftiger ausfallen wird als die letzte. Cara ist ein richtig sprudelndes Geschöpf, sehr herzlich und uneitel. Sie ist wahnsinnig komisch, wie Kate Beckinsale übrigens auch. Das ist vielleicht typisch für diese englischen Frauen. Man sieht Kate Beckinsales Gesicht auf dem Plakat und kann sich nicht vorstellen, dass sie so einen Trucker-Humor hat. Cara hat komplett das erfüllt, was Michael Winterbottom mit dieser Rolle von ihr wollte. Sie bringt Lebensfreude und Licht in das Ganze. Bei Michael wird viel improvisiert und man kann als Schauspieler vieles mit einbringen. Cara hatte sehr viele Ideen. Sie dreht ja jetzt auch fleißig und wir sind in Kontakt geblieben. Manchmal ist es ja so, dass man eine Freundschaft über einen Film hinaus aufrechterhalten kann und sich wiedersieht. Bei Cara ist das der Fall. Ich freue mich, wenn es mit der Schauspielerei bei ihr weitergeht. Wenn die richtigen Rollen kommen, kann sie da echt etwas reißen. Sie hat eine ganz spezielle Ausstrahlung, die über das schöne Aussehen eines Models hinausgeht. Um ihre Modellkarriere muss man sich wohl keine Sorgen machen. Als ich zum letzten Mal in London war, war sie das Gesicht jeder zweiten Werbung in der Oxford Street. Das läuft, würde ich sagen. (lacht)

Inwiefern ist Ihre Filmfigur ein Alter Ego von Michael Winterbottom?

Das war die erste Frage, die ich ihm gestellt habe. Er selbst verneint das, aber ich glaube, sie ist das total. Ich habe mich öfter mit der Journalistin Barbie Latza Nadeau getroffen, die das Buch „Face of an Angel“ geschrieben hat und auch betreuend am Film mitwirkte. Sie sagte, ich wäre auf jeden Fall eine Mischung aus Michael und dem Drehbuchautoren. Die Arbeit mit ihr war sehr spannend. Sie hat mich mit Journalisten zusammengebracht, die den Fall über Jahre hinweg betreut haben. Kate, Michael und ich waren zu einem Abendessen bei ihr zu Hause in Rom geladen. Später haben wir auch dort gedreht, Kates Wohnung im Film ist die echte. Es war ein Essen mit zehn Journalisten. Beide Lager waren vertreten, diejenigen, die an Amanda Knox´ Schuld glauben und die, die von ihrer Unschuld überzeugt sind.

Was haben Sie von diesem Abend in erster Linie mitgenommen?

Wir Schauspieler werden ja immer gefragt, wie man es schafft, wieder Abstand von einer Rolle zu gewinnen, weil wir sie so verinnerlichen. Aber gegen diese Journalisten ist das ein Witz. Sie haben diesen Fall jahrelang verfolgt und er ist völlig in ihr Leben übergegangen. Sie vertreten ihren Standpunkt mit einer Vehemenz, als gehörten sie zur Familie des Opfers oder der Tatverdächtigen. Die Emotionen schlugen hoch, als sie über den Fall geredet haben. Sie sind sich richtig ans Leder gegangen. Das hat mich sehr beeindruckt und auch beunruhigt.

War es Ihnen wichtig, dass der Film selbst keine Urteile fällt?

Ich war schon immer ein großer Fan von Michaels Arbeit. Aber dann bekam ich dieses Drehbuch. Die Kombination aus diesem Fall und dem Namen Michael Winterbottom wirkte erst einmal merkwürdig. Es war klar, dass der Blickwinkel ein sehr schräger sein würde, also typisch Michael. Seine Filme sind wie eine gewundene Landstraße, es werden Umwege eingeschlagen und Kehrtwenden gemacht. Das fand ich sehr interessant. Eine ganze Ebene im Film zeigt, wie Meinung gebildet wird und inwiefern Meinungen vorgefertigt sind. Wie kann man über ein solches Thema Bericht erstatten oder gar einen Film darüber machen? Man kann es eben nicht. Das ist ja auch die Lehre, die Thomas daraus zieht. Den klaren Film über Schuld und Unschuld, den die Produzenten von ihm verlangen, kann er nicht liefern. Er verzweifelt darüber, was für einen Film er machen soll.

Hatten Sie trotzdem Zweifel, weil das Thema auch die Klatschpresse beherrscht?

Ja, ich hatte erstmal Bedenken. Wenn ich den Rechner mal angeschaltet kriege, komme ich immerhin ins Internet. Und ich hasse mich dafür, wenn ich mich von irgendeiner komischen Schlagzeile anlocken lasse und sie anklicke. Dann frage ich mich sofort, warum ich das gerade gemacht habe. Man liest ein paar Zeilen durch, schaut sich das Foto darunter an. Und schon fühlt man sich berechtigt, mit seinem gefährlichen Halbwissen über einen Fall wie diesen mit Kumpels zu diskutieren. Man ist fasziniert, weil diese Frau attraktiv ist und aus Amerika kommt. Wenn man selbst mal einen Austausch gemacht hat, stellt man sich die Situation vor. Man ist jung, das Leben geht eigentlich erst richtig los und man kommt in dieses Paradies der Toskana. Und dann passiert so ein grausamer Mord. Dann ist man fasziniert, dass so etwas wahrscheinlich nie ganz aufgeklärt werden wird. Das ganze immer wieder in Kombination mit den Fotos. Mal ein grimmiges Bild – klar, das ist die Killerin. Dann ein süßes Foto, schön zurechtgemacht. Kann so ein unschuldiges Wesen so einen grausamen Mord begehen? Diese ganz einfachen Mechanismen der Medien, die wir alle kennen, haben bei mir auch bestens funktioniert. Ich kann also nicht behaupten, dass ich mich für solchen Quatsch niemals interessieren würde.

Welche ganz persönliche Meinung haben Sie sich in dem Mordfall gebildet?

Ich habe bei dem angesprochenen Essen so flammende, überzeugende Reden aus beiden Lagern gehört, dass ich beides Mal total baff war und beides geglaubt habe. Die Informationen waren ja über Jahre recherchiert, diese Leute haben jeder Gerichtsverhandlung beigewohnt und sie kennen beide Familien. Beide haben total überzeugende Argumente für das Für und Wider. Ich bin für mich zu dem Entschluss gekommen, dass ich eine neutrale Haltung einnehmen muss. Ich hatte mich vorher sporadisch informiert und mir eine vorgefasste Meinung gebildet, die ich nicht preisgeben möchte. Ich wurde in eine bestimmte Richtung gelenkt und dachte, so wird es wohl gewesen sein. Nach diesem Film habe ich wieder große Zweifel.

Mittlerweile drehen Sie sehr viel international. Sind die Angebote aus Deutschland nicht attraktiv genug?

Ich hatte mir nie zum Ziel gesetzt, dass ich unbedingt auf Englisch drehen will. Es hat sich so ein bisschen entwickelt. Und es hat mir sehr gut getan, dass Regisseure aus dem Ausland einen anderen, unvoreingenommeneren Blick auf mich haben. In England oder Amerika habe ich nie gehört: „Du bist aber nett!“. Es ist eher das Gegenteil. Ich kann bei der Arbeit manchmal durchaus kompliziert sein. Es kamen plötzlich Rollen, die mir hier so wahrscheinlich nie angeboten worden wären. In der Rolle eines Niki Lauda hätte mich ein deutscher Regisseur wahrscheinlich nicht gesehen. Sogar ich selbst hatte meine Zweifel. Als mir Ron Howard so schnell sein Vertrauen geschenkt hat, war ich echt baff. Das sind Dinge, die einen prägen und auch glücklich machen.

Demnächst werden Sie in „Captain America 3“ zu sehen sein. Haben Sie schon mit dem Gedanken gespielt, nach Hollywood zu ziehen?               

Nee, gar nicht. Es geht auch prima ohne. Das wird sich auch nicht ändern. Es gibt einen anderen Ort in Amerika, der mich durchaus reizen würde. Dort würde ich gern mal eine Weile verbringen und vielleicht passiert das ja auch. Ich habe festgestellt, dass in den letzten Jahren London immer mehr zum Dreh- und Angelpunkt der Branche wird, auch für die Amerikaner. Wenn ich zu Gesprächen, Castings oder auch zum Dreh musste, passierte das meistens aus London heraus. Das ist natürlich ein Traum, wenn man in Berlin wohnt, liegt es quasi um die Ecke. In Los Angeles zu sein und zu wohnen ist längst nicht mehr so hip. Dort wird ja auch gar nicht mehr so viel gedreht.

Denken Sie gelegentlich an Ihren Karrierebeginn bei der Vorabendserie „Verbotene Liebe“?        

Mit flaumigem Schnurrbart damals. Ich schäme mich nicht dafür, es war eine sehr lehrreiche Zeit. Ich habe dort mit 15 mein erstes Geld verdient. Ich hieß Benji in meiner Rolle und ich hoffe, das wird nie wiederholt. Ich war ein Kid von der Straße, trug eine Lederjacke und hatte eine weiße Ratte, die ständig meine Jacke vollgeschissen hat. Ich habe mal mit ein paar Kollegen einen lustigen Abend verbracht, bei dem wir uns unsere Leichen im Keller angeschaut haben, also unsere Anfänge. Ich darf leider nicht sagen, wer noch mit dabei war.

Inwiefern hat Sie Ihr Vater, der Regisseur Hanno Brühl, zur Filmkarriere inspiriert?

Ich wäre bestimmt nicht auf diese Idee gekommen, wenn mein Vater Metzger gewesen wäre. Er hat mich beeinflusst und mich an den Film herangeführt. Er war auch immer ein wichtiger Berater. Ich habe ihm alle Drehbücher geschickt und wir haben uns darüber unterhalten. Ich werde ihm immer sehr dankbar für alles sein.
 

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