Zum Kinostart von Doktor Proktors Pupspulver:

Interview mit Schauspielerin Anke Engelke

Am 15. Januar starten gleich zwei Kinofilme, in denen die beliebte Komödiantin und Schauspielerin Anke Engelke (49) mit von der Partie ist. Ein Gespräch über das Erwachsenwerden, Körpergeräusche und eine Begegnung mit der legendären Astrid Lindgren.

Anke Engelke.
Peter Steffen Anke Engelke.

Frau Engelke, war es ein kleines Abenteuer, einen Film in einem fremden Land wie Norwegen mit unbekannten Kollegen zu drehen und selbst unbekannt zu sein?

Ja, aber ein tolles Abenteuer. So etwas könnte ich eigentlich ständig machen. Ich suche mir schon seit ein paar Jahren hier und da so kleine Sachen aus, bei denen ich Dinge ausprobieren kann. Wir haben den ersten „Wixxer“ in Prag gedreht. Das Studio ist ja für seine sensationellen Special Effects bekannt. Ich fand es spitze, mit einem wild gemischten, internationalen Team zu arbeiten. Es gab bei den Prager Mitarbeitern ja keine Vorkenntnisse und keine Vorurteile. Leute wie Bastian Pastewka, Olli Dittrich und ich waren völlig unstigmatisiert. Man hat uns nur als Schauspiel-Maschinen gesehen. Das fand ich super. Ich drehe gern innerhalb Europas und genieße das immer sehr. Ich hatte auch schon ein paar Drehtage in New York, aber das ist mir fast schon wieder ein bisschen zu weit weg.

Gehen die Skandinavier am Set anders miteinander um als die Filmschaffenden hierzulande?

Absolut. Sie kennen sich alle und gehen unheimlich herzlich miteinander um. Als ich feststellte, dass sich am Set alle kannten, fragte ich mich, was hier abgeht. Ich dachte, es sei der erste Teil. Haben die etwa schon zehn Teile vorher gedreht? Norwegen ist kein großes Land und es gibt nur ungefähr 1.000 Schauspieler, die alle mehr oder weniger miteinander bekannt sind. Es herrscht eine schöne, familiäre Atmosphäre. Das hat mir Marian Saastad Ottesen erzählt, die die Mutter von Emily gespielt hat. Viele Deutsche kennen sie, weil sie die Frau von Little Steven in „Lilyhammer“ spielt. Sie gehört zu den erfolgreichsten Schauspielerinnen in Norwegen. Ich kannte auch Atle Antonsen schon aus vielen Filmen. Er spielt den dicken Bösewicht. Man kennt dieses Gesicht. Aktuell ist er in „Einer nach dem Anderen“ zu sehen. Es ist eine Freude, mit solchen Leuten zu arbeiten, weil die wahnsinnig herzlich sind. Mir hat auch gut gefallen, wie sie mit den Kindern umgegangen sind. Kinder werden dort sehr ernst genommen, ohne dass man sie so wichtig nimmt. Wissen Sie, was ich meine? Es macht einen großen Unterschied, ob man Kinder behandelt wie die Prinzessin auf der Erbse oder wie Mitarbeiter, die gefälligst ihren Text lernen sollen, aber auch das Recht haben, ein bisschen Spaß bei der Arbeit zu haben. Das ist ja kein Widerspruch.

Stimmt es, dass Sie als Kinderreporterin Astrid Lindgren persönlich getroffen haben?

Ja. Das ist irre, oder? Aber je älter ich werde, umso weiter rückt das in die Ferne. Die Erinnerungen werden blasser und ich muss wirklich in meinem Hirn danach kramen. Ich war in Stockholm, in Astrid Lindgrens Wohnung, das muss man sich mal vorstellen! Ich ging die Treppen hoch zu der Lady und habe ganz toll mit ihr geredet. Sie saß mit mir an einem Tisch und schon damals war das für mich etwas ganz Besonderes, obwohl ich mit zwölf noch nicht wusste, was Starkult ist. Ich wusste, dass diese Frau Geschichten schreibt, die ganz vielen Leuten auf der ganzen Welt etwas bedeuten. Mich hat überrascht, wie nahbar sie war. Wir saßen in ihrer kleinen Küche an einem kleinen Tisch und sie hatte so unglaublich wirres Haar. Sie war sehr sanft. Dieses Sanfte werde ich nicht vergessen.  

Außenseiter spielen in der Jugendliteratur schon immer eine große Rolle. Das bedeutet, dass sich viele Leser mit ihnen identifizieren können. Gehört es zu einer Kindheit dazu, sich wie ein Außenseiter zu fühlen?

Ja, ich glaube schon. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, gab es da die Typen, von denen ich dachte, was ist denn das für ein Vogel. Und ganz oft habe ich auch von mir selbst gedacht, dass mich alle für so einen Vogel halten und ich jetzt gerade nicht dazugehöre. Ich glaube übrigens, dass das im Erwachsenenalter nicht unbedingt anders ist. Man geht nur anders damit um. Man schaut grundsätzlich selektiv, aber unter anderen Vorzeichen. In der Kindheit und Jugend denkt man eher, dass alle gegen einen sind. Es gibt solche Phasen, die auch mit der Pubertät zu tun haben, mit den emotionalen, körperlichen und sozialen Veränderungen, die man in den ersten 20 Lebensjahren durchläuft. Man nimmt die eigene Position wahr und setzt sie in Relation zu den Anderen. Im Erwachsenenalter ist das ähnlich. Man macht sich nur nicht mehr so verrückt - wenn man nicht die Veranlagung hat, sich verrückt zu machen. Wenn man ein relativ stabiles Selbstbewusstsein hat, dann ist das okay. Dann kann man das betiteln und sich verhalten. In der Kindheit und Jugend sind das Momente. Ein Tag ist ein Leben, das ist eine ganz andere Zeitrechnung. Im Erwachsenalter schätzt man sich ein: Bin ich jetzt doof, der bunte Vogel oder das schwarze Schaf? Und man kann damit umgehen. Dieses rein kognitive „Schnallen“ findet bei Kindern noch nicht statt.

Warum haben Körpergeräusche so ein komisches Potential, obwohl wir sie alle von uns geben?

Es gibt darüber bestimmt wissenschaftliche Erhebungen. Sicherlich wurde es erforscht, warum das Peinliche für Kinder viel mehr Witz beinhaltet als für Erwachsene. Das sogenannte Tabu bekommt erst im jungen Erwachsenenalter Konturen. Für Kinder sind Definitionen noch gar nicht immanent. Sie pupsen oder rülpsen und bewerten das nicht als gut oder schlecht. Sie finden es erst einmal lustig oder seltsam. Dadurch, dass sie es selbst noch nicht bewerten, hat es so eine schöne Natürlichkeit. Die Kinder spüren, dass die Erwachsenen darüber irgendeine Meinung haben. Sie können es noch nicht so definieren, aber sie wissen, dass es etwas mit den Erwachsenen macht. Erst später entwickelt man ein Gefühl dafür, was passend oder unpassend ist und was sich nicht gehört. Es ist ein Privileg der Kindheit, dass man sich bitte, bitte keine Gedanken darüber macht, ob etwas peinlich ist. Man muss nur aufpassen, dass es nicht auf Kosten anderer geht, sie stört oder nervt. Wenn Zuhause, auf dem Schulhof, beim Kindergeburtstag oder auch in der Straßenbahn gepupst und gerülpst wird, dann ist das erstmal lustig. Und das finde ich super.      

Am selben Tag wie „Doktor Proktor“ startet auch Sönke Wortmanns Film „Frau Müller muss weg“. Spricht Ihnen dieses Stück als Mutter aus der Seele?

Ich finde, dass jede Arbeit, die man macht, in einem Verhältnis zur eigenen Person steht. Man muss sich immer dazu positionieren, egal, ob man eine Mutter spielt, eine blöde Ziege, die Chefin vom Patentamt, oder, wie jetzt im zweiten Teil von „Doktor Proktor“, eine Rezeptionistin. Wenn ich die Lehrerin in „Frau Müller muss weg“ gespielt hätte, hätte ich bestimmt auch Punkte gefunden, an denen ich andocken und sagen kann: „So, das kenne ich.“. Oder ich kenne es nicht, habe aber diese und jene Meinung dazu. Ich bin der Ansicht, dass es im Beruf des Schauspielers ganz besonders so ist, dass man ständig die Relation zum eigenen Leben abcheckt. Das ist in vielen Berufen so, vor allem, wenn sie im weitesten Sinne mit Kunst zu tun haben. Und sogar jeder Kinozuschauer hinterfragt, wie er es wohl an der Stelle von James Bond gemacht hätte. Man setzt sich immer in Relation, das ist ein ganz universelles Ding.

Haben es Kinder heute schwerer als ihre Eltern damals?

Ja, das glaube ich. Das Leben war überschaubarer. Man konnte sich stärker auf zwischenmenschliche Freude und Probleme konzentrieren. Man hatte die Möglichkeit, mehr auf sich und andere zu achten. Heute ist das Überangebot von außen so groß. Damit meine ich nicht nur die bösen, bösen, „verhexten“ Medien. Das ganze Freizeitangebot ist riesengroß und die Kinder sind damit überfordert. Eigentlich ist das zu viel, es ist fast nicht mehr zu bewerkstelligen, sich zu entscheiden und den eigenen Weg zu finden. Man wird zum Sklaven und steht so unter Druck, wenn man beobachtet, was die Gesellschaft rundherum alles ankurbelt. Die Alternativen sind dünn gesät, wenn es darum geht, welches Telefon ein Kind oder ein Jugendlicher haben muss oder welche Schuhe man trägt. Mode ist ja auch so ein fettes Thema. Das ist alles zu viel und hat nichts mehr mit einer individuellen Ausrichtung und mit einer eigenen Meinungsgestaltung zu tun. Alles ist viel unfreier. Das macht mich total traurig. Ich stelle es mir sehr schwer vor, heute Kind zu sein. Wie soll man sich entscheiden? Ich bin total für ein Herunterfahren, für Vergnügen und Überschaubarkeit zugleich.

Sie wollten selbst Lehrerin werden. Fragen Sie sich manchmal, ob Sie in diesem Beruf auch hätten glücklich werden können?  

Ja. In diesen Tagen, in denen ich viel über Proktor und Müller spreche, ist das immer wieder ein Thema. Ich hatte Glück, ich mochte sowohl meine Schulzeit wie auch meine Studienzeit, auch wenn ich nur bis zur Zwischenprüfung studiert habe. Ich mochte das wahnsinnig gerne. Ich hatte mit Leuten zu tun, die mich extrem inspiriert haben. Natürlich waren auch ein paar Dödel dabei, aber unterm Strich wurde ich unheimlich motiviert und gefordert. Und gefüttert. Ich denke oft darüber nach, wie mir Wissen vermittelt wurde und dass ich das wirklich gern weitergegeben hätte. Aber das tue ich ja heute auch. Wenigstens ein bisschen.

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