Theater-Besprechung:

Im weißen Rössl, da fühlt sich der Zuschauer als Urlauber

Von der biederen, piefigen Verfilmung mit Peter Alexander aus den 50er-Jahren blieb kaum mehr etwas übrig. Das „Weiße Rössl“ im Schlossgarten in Neustrelitz zeigt sich frisch, modern, ironisch, bissig-böse, heiter und unglaublich unterhaltsam, wie Marcel Auermann bei der Premiere am vergangenen Wochenende erlebte.

Bei Leopold (Robert Merwald, links) und Josepha (Marion Costa) flirrt die Luft, auch wenn sie es nicht zugeben wollen. Jörg Weigel als Kellner-Azubi kann da nur die Augen verdrehen.
Jörg Metzner Bei Leopold (Robert Merwald, links) und Josepha (Marion Costa) flirrt die Luft, auch wenn sie es nicht zugeben wollen. Jörg Weigel als Kellner-Azubi kann da nur die Augen verdrehen.

Lage

Da sitzt der Zuschauer im Schlossgarten in Neustrelitz und fühlt sich doch irgendwie wie am Ufer des Wolfgangsees. Er schaut auf riesige Postkarten mit den schönsten Eindrücken aus dem Salzkammergut, den Bergen, den Seen, diesem frischen Grün der Almen, dem klaren Blau des Wassers, den Häusern mit ihren verschnörkelten Holzbalkonen und den davor hängenden Blumenkästen und den weidenden Kühen. Zentral platziert natürlich das Hotel-Restaurant „Im weißen Rössl“ mit Bierbänken und den gemütlichen Tischdecken in Weiß-Rot. Meine Güte – lass dich nieder, fühl Dich wohl! Und genieße!

Ja, so kitschig das alles anmutet und nach heiler Welt stinkt, so sehr fühlt sich der Zuschauer als Gast. Dieses Ambiente (Bühnenbild: Bernd Franke) wirkt kuschelig, verbreitet den Charme von Heimat, Gemütlichkeit. Es ist alles kommod. Es fühlt sich nach Urlaub und Ausgelassenheit an. Also das Beste, das einer Sommeroperette passieren kann.

 

Animationsprogramm

Dieses Singspiel steigert sich mit jeder Minute mehr hinein in einen Rausch der Inszenierung, der Darstellung, der Überraschungen, der Effekte, der Bilder, der Choreografien. Bis zu 98 Personen befinden sich auf der Bühne. Das ist einfach nur: W-O-W. Im Grunde muss man die Produktion mehrmals gesehen haben, um überhaupt alles zu erfassen, was hier passiert. Überall tummeln sich Darsteller, die irgendetwas machen, das sich lohnt, gesehen zu werden. Sie radeln durch die Szenerie, veranstalten ein Fahrradklingelkonzert, spielen Alphorn, sie fahren mit Oldtimern umher, sie tanzen, sie schunkeln, sie schuhplatteln, sie laufen wie auf einer Modenschau umher und zeigen Trachten, Dirndl, Krachlederne (Kostüm: Stephan Stanisic) in modernen Farben wie blitzendem Türkisblau oder schrill-leuchtendem Orange und das Holz vor der Hüttn wird hoch und höher geschnallt, dass es dem Publikum in einer Sequenz aus dem Herzausschnitt von Rössl-Wirtin Josepha fast entgegenspringt.

All diese Mosaiksteinchen entstauben das Rössl und bannen jedes Mal die Gefahr des Kitsches, kurz bevor alles zu kippen droht. Die Inszenierung von Regisseur Wolfgang Lachnitt ist bei allen ironischen Brechungen, böse-bissigen Seitenhieben und klugen Anspielungen auf die teils dümmlichen Urlauber am Wolfgangsee doch die beste Werbung für die österreichische Region.

Der absolute Kracher: ein Kuhballett. Jeweils zwei Personen der Tanzkompanie schlüpfen in ein Kuhkostüm, wobei derjenige, der die Hinterbeine darstellt, seine Arme als Euter baumeln lässt. Das Publikum kriegt sich fast nicht mehr ein. Einfach köstlich.

Grandios gerät auch die Begrüßung von Kaiser Franz Josef. Er rauscht in einer weißen Kutsche heran, aus dem Radetzkymarsch wird die Nationalhymne, das ganze Publikum steht stramm und Mario Thomann als lebendiges Denkmal steigt aus.

Eine Operette an sich kann ja schon so genial, unterhaltsam sein. Wenn sie sich aber der Elemente einer Revue bedient und zu noch etwas viel Größerem wird, dann zieht sie alle im Zuschauerraum in ihren Bann. Die jazzig angehauchte Musik, die die Neubrandenburger Philharmonie (Leitung: Jörg Pitschmann) geradezu unbemerkt genial unterlegt, lässt aus dem Rössl ein Urlaubsbetrieb entstehen, der nur so schnurrt.

Personal

Was wäre ein Urlaub ohne das richtige Personal. Erst mit ihm wird er unvergesslich. Wolfgang Lachnitt besetzt jeden Posten optimal. Marion Costa als fesche, resolute Wirtin Josepha mit einer der besten Dialektfärbungen des Abends wird herzzerreißend von Robert Merwald als Leopold angeschmachtet. Zaghaft nähert er sich ihr immer wieder an, um dann barsch im schmelzenden Operettenton abgewiesen zu werden, dass es weh tut – selbst im Wissen, dass sie sich am Ende verliebt in den Armen liegen. Ein ähnlich zartes Paar bilden Andrés Felipe Orozco als Rechtsanwalt Dr. Siedler und Lena Kutzner als Ottilie. Sebastian Naglatzki bietet einen trotteligen, kreisrundglatzigen Sigismund Sülzheimer. Leider ist sein sächsischer Dialekt genausowenig gut und konsequent durchgezogen wie das Schwäbische von Dieter Köplins Professor Hinzelmann. In diesen Fällen hindern die Dialekte mehr, als dass sie Spaß bereiten.

Eine geniale Helga-Fedderson-Parodie ist das lispelnde Klärchen von Margret Giglinger, an der man sich gar nicht sattsehen und erst recht nicht satthören kann. Ebenfalls zur One-Man-Show taugt Bernd Könnes als schnoddriger, stets übel gelaunter Berliner Fabrikant Giesecke. Übrigens: Hier stimmt der Dialekt zu 100 Prozent – und deshalb ist er ein Vergnügen! Schön unbeholfen als Kellner-Azubi kommt Jörg Weigel zur Geltung. Nur: Warum muss er diese lockenzauselige Wischmob-Perücke aufhaben? Verena Schuster als Kathi überrascht mit einer krachigen Stimme und ein paar zünftigen Jodlern. Holla!

 

Der Holidaycheck

Die drei Stunden Urlaub im Rössl verfliegen viel zu schnell. Kaum ist der Gast dort, muss er schon wieder abreisen. Was er aber als Andenken mitnimmt, sind Ohrwürmer: „Im Salzkammergut, doa kammer gut lustig sei, wenn’d Musi spielt, holdrio“ oder „Im weißen Rössl am Wolfgangsee, da steht das Glück vor der Tür … und mußt du dann einmal fort von hier, tut dir der Abschied so weh“.

 

Weitere Vorstellungen:

14., 15., 17., 21., 22., 23., 28., 29., 30., 31.7. im Schlossgarten Neustrelitz.

Der Tag des Nordkurier findet am 16.  Juli um 20  Uhr statt. Tickets dafür gibt es im Medienhaus des Nordkurier in Neubrandenburg oder telefonisch unter 0800  4575033 (Anruf kostenfrei).

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