"Sein letztes Rennen":

Interview mit Dieter Hallervorden

In Kilian Riedhofs Drama „Sein letztes Rennen“ spielt Dieter Hallervorden einen in die Jahre gekommenen Olympiasieger und Pflegeheimbewohner, der sich noch einmal dem Wettkampf stellt. Ein Gespräch über gestern und heute.

Komiker Dieter Hallervorden.
Britta Pedersen Komiker Dieter Hallervorden.

Herr Hallervorden, war Ihre lange Leinwand-Abstinenz selbst gewählt?

Mein letzter Film war „Alles Lüge“ (1991). Er erzählte die Geschichte eines sehr bekannten Komikers aus der DDR, der in den Westen geht und dort Schiffbruch erleidet. Dieser Film war damals seiner Zeit voraus und wurde von den Zuschauern nicht groß goutiert. Ich denke nicht, dass es ein schlechter Film war. Danach bekam ich nur noch Drehbücher, deren Qualität mich nicht überzeugt hat. Bis dann vor fünf Jahren der Regisseur Kilian Riedhof mit dem Skript zu „Sein letztes Rennen“ auf mich zukam. Das war nun genau meine Sache. Die Philosophie dieses Paul Averhoff entspricht exakt meiner eigenen. Er sagt: „Wer stehenbleibt, hat schon verloren“. Ich sage: „Immer einmal mehr aufstehen als hinfallen“. Das ist eigentlich deckungsgleich. Ich habe diese Figur geliebt und mit sehr viel Herzblut gespielt.

Wie würden Sie den Film einordnen?

Es ist einerseits in Teilen ein Liebesfilm. Andererseits fordert er dazu auf, sich im Alter nichts vorschreiben und sich nicht ins Abseits stellen zu lassen. Und er liefert den Beweis, dass man auch im Alter noch hochgesteckte Ziele erreichen kann. Es ist ein großer Unterschied, ob man mit einem Film in erster Linie das Zwerchfell ansprechen will oder ob man sich an Herz und Gemüt wendet. Mir ist beides wichtig. Dieser Film ist auf dem schmalen Grat zwischen Schmunzeln und tiefer Berührung geschrieben.

Hat Sie dann selbst der Ehrgeiz gepackt, für die Rolle sportlich fit zu sein?

Ich bin ein Pflichtmensch und wenn ich unterschreibe, dann weiß ich, was der Produzent von mir erwartet. Und das muss ich auch leisten. Ich habe fünfeinhalb Monate trainiert, bin jeden Tag bei Wind und Wetter gelaufen und war zweimal in der Woche im Fitnessstudio. Ich habe eine Magnetfeldtherapie gemacht und meine Ernährung umgestellt. Ich habe auf Alkohol verzichtet und neun Kilo abgenommen. So ausgiebig habe ich mich noch nie auf einen Film vorbereitet.

Im Film wird das Leben mit einem Marathon verglichen. Die ersten Schritte tut man schnell, aber dann werden die Beine immer schwerer. Sehen Sie das ähnlich?

In gewisser Weise schon. Ich bin in der DDR aufgewachsen und der Stasi von der Schippe gesprungen. Ich habe ein Kabarett gegründet, in dem ich ein Jahr lang vor 12 bis 17 Zuschauern gespielt habe. Mangels Begabung bin ich von etlichen Schauspielschulen abgewiesen worden. Ich musste mich immer durchbeißen und meinen Weg weiter verfolgen, egal, wie mich andere belächelt oder kritisiert haben. Ein starker eigener Willen und ein bisschen Revoluzzertum sind mir schon zu Eigen.

Heute leiten Sie das Berliner Schlosspark Theater. Warum liegt Ihnen dieses Haus  so am Herzen?

Es ist ein sehr renommiertes Theater. Als junger Schauspielschüler habe ich dort alle großen Inszenierungen gesehen. Später wurde es geschlossen. Dieses Theater mit eigenen Mitteln und unter Beachtung aller Denkmalschutzauflagen aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken und wieder der Kulturszene Berlins zuzuführen, ist  mein absolutes Herzensprojekt. Ich möchte es natürlich zum Erfolg führen. Theater lebt davon, dass Zuschauer kommen. Wir haben bereits eine gewaltige Steigerung erreicht, aber um unabhängig agieren zu können, müssen pro Vorstellung noch zwei oder drei Leute mehr kommen.

Es ist ein Zeichen der Zeit, wenn Sie im Film von einem jungen Mann im Park mit der Handykamera gefilmt werden. Auch im bis dato geschützten Bereich des Theaters wird heute gefilmt. Mit welchen Gefühlen beobachten Sie diese Entwicklung?

Natürlich bitten wir vor jeder Vorstellung darum, nicht zu fotografieren. Früher war das gar nicht nötig. Menschen, die im Theater fotografieren, haben einen Mangel an Kulturverständnis. Sie zerhacken die Spannungsfelder und machen die Vorstellung minderwertig. Bei einem Rockkonzert mag das nichts ausmachen, aber im Sprechtheater ist das für mich eine Kulturschande.

Werden Sie in Ihrem Privatleben als Prominenter heute stärker belästigt?

Es kommt immer darauf an. Wenn man mich höflich um ein Foto bittet, werde ich immer sagen, aber natürlich. Aber wenn man mich einfach fotografiert, wie man einen Affen im Zoo fotografiert, so als wäre man ein Allgemeingut, dann hört mein Verständnis auf.

Sie leben in Berlin und im Château de Costaérès auf einer bretonischen Insel. Wo fühlen Sie sich eher Zuhause?

Eine Zeit lang bin ich nur für Fernsehaufnahmen aus Frankreich nach Berlin gekommen. Wir waren sieben oder acht Monate in Frankreich und damals war das eher mein Zuhause. Nachdem mein Sohn in Berlin zur Schule geht und ich die beiden Theater habe, ist hier mein Hauptsitz und auch das Wohlgefühl stellt sich eher hier ein. Wenn ich in Frankreich geblieben wäre, hätte ich niemals das Schlosspark Theater übernehmen können. Es macht eine Menge Arbeit, den Spielplan zusammenzustellen, die richtigen Regisseure zu finden und die Rollen zu besetzen. Unter einem 12-Stunden-Tag kommt ein Theaterleiter nicht aus.

Auf Ihrem Schloss hat Henryk Sienkiewicz an seinem Roman „Quo Vadis“ gearbeitet. Geht von diesem Ort eine kreative Energie aus? 
  
Ja. Ich habe dort viel geschrieben und neue Ideen gesammelt. Das „Schloss“ würde man hierzulande wohl nicht als Schloss bezeichnen. Es ist ein Herrenhaus mit acht Zimmern. Sienkiewicz hat es erbaut und dort seinen Roman beendet. Es wurde aus den rosa Granitsteinen der Küste gebaut und ist eine Mischung aus Cinderella und Dracula.

Kürzlich sah man Sie in „Das Mädchen und der Tod“ als Bösewicht. „Das letzte Rennen“ hat Humor, ist aber keine Komödie. Würden Sie auch wieder eine gute komische Rolle spielen? 

Wenn das Drehbuch und die Rolle stimmen, würde ich natürlich auch eine Komödie spielen. Bei „Das Mädchen und der Tod“ hat mich die Zusammenarbeit mit Regisseur Jos Stelling gereizt, der im Arthaus-Sektor einen exzellenten Namen hat. Er verzichtet weitgehend auf Dialoge und erzählt über Bilder und Stimmungen. Natürlich reizt es mich, Rollen anzunehmen, die der Erwartungshaltung der Menschen entgegenstehen. Es ist immer interessant, Rollen gegen den Strich gebürstet zu besetzen. Gute Komiker können sehr wohl auch ernste Rollen spielen. Schlimm wird es nur, wenn tragische Mimen versuchen, witzig zu sein.

Was verdanken Sie Didi?

Ohne das, was er mir an Finanzen eingebracht hat, hätte ich niemals das Schlosspark Theater übernehmen können. Auch mein Wohnsitz in Frankreich wurde nur möglich, weil das Publikum den Didi über alles geliebt hat. Mein Portemonnaie hatte früher erhebliche Schwindsucht, mit Didi wurde es ein bisschen dicker.

Sind Sie heute genervt, wenn sich nicht einmal Hape Kerkeling ein „Palim-Palim“ verkneifen kann, wenn er Sie bei einer Moderation vor die Kamera bekommt?

Nein, überhaupt nicht. Es gibt doch keinen schöneren Beweis dafür, dass man etwas richtig gemacht hat, als wenn man zitatfähig oder kopierbar geworden ist. Ich habe Didi selbst kreiert und unheimlich gerne gespielt, er ist ein Teil von mir. Irgendwann musste ich mich aber von ihm trennen, weil ich mit ihm nicht zu neuen Ufern gelangen konnte. „Sein letztes Rennen“ würde mit Didi nicht funktionieren. Ich möchte eine gewisse Vielseitigkeit ausleben und nicht nur ein schmales Segment bedienen.

Sie haben als Statist in Fritz Langs „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ Ihr Kinodebüt gegeben. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Auftritt?

Ich freue mich sehr, dass Sie sich so gut vorbereitet haben. Aber es ist schon so lange her und ich habe wirklich nur eine winzige Nebenrolle gespielt. Ich habe keine sehr ausgeprägten Erinnerungen daran. Ich war damals sehr froh, dass ich dabei sein durfte und ich habe Bauklötze gestaunt, dass ich diesen legendären Regisseur kennenlernen durfte.

Dieter Hallervorden (Jahrgang 1935) wuchs in Dessau auf, 1958 verlegte er seinen Lebensmittelpunkt nach Berlin West. Hier gründete er 1960 die Kabarettbühne „Die Wühlmäuse“. Seit der Wiedereröffnung 2009 steht er auch dem Berliner Schlosspark Theater vor. TV-Zuschauer und Kinofreunde kennen Hallervorden als Spaßmacher zwischen feiner Satire und grellem Klamauk. Die Sketche und Filme rund um die Figur Didi erlangten in den 70-er und 80-er Jahren Kultcharakter.

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