Zum Start von "Die Bestimmung – Insurgent":

Interview mit Regisseur Robert Schwentke

Robert Schwentke inszenierte den zweiten Teil der Science-Fiction-Saga „Die Bestimmung“ nach den Bestsellern von Veronica Roth. Ein Gespräch über „Insurgent“, Heimweh nach Deutschland und amerikanische Eigenarten.

Hollywood-Regisseur Robert Schwentke
epa/Justin Lane Hollywood-Regisseur Robert Schwentke.

Herr Schwentke, waren die vier Semester in Tübingen rückblickend eine vertane Zeit?

Nein, überhaupt nicht. Ich entstamme einer akademisch orientierten Familie. Meine Mutter war Lehrerin und mein Bruder hat seinen Doktor in Geologie gemacht. Ich liebe Philosophie und Literatur nach wie vor, diese Dinge haben mich immer sehr interessiert. Ich habe aber auch immer Super 8-Filme gemacht. Dass man das auch als Beruf ausüben darf, hatte ich noch nicht kapiert. Die Idee, so etwas zu machen, schien völlig abwegig. Im dritten Semester fiel dann der Groschen. Mir wurde klar, dass ich mein Hobby zum Beruf machen muss und das, was ich studiere, tatsächlich als Hobby betrachten sollte. Als ich mich entschloss, Film zu studieren, waren meine Eltern etwas betrübt.

Weshalb?

Für sie waren Filmleute immer noch eine Stufe unter den Zirkusleuten angesiedelt. Aber meine Eltern waren es auch, die gesagt haben, dass ich nach Amerika gehen soll, wenn es mir wirklich ernst ist. Das war mir sehr recht, denn die 1980-er waren für den Film in Deutschland eine dunkle Zeit. Ich habe mir immer amerikanische Filme angeschaut. Inhaltlich haben sie mir wenig bedeutet. Aber immerhin wollten sie noch Geschichten erzählen, was uns hierzulande zu dieser Zeit etwas abging. Also ging ich nach Amerika, um irgendwann zurückzukehren und hier Filme wie „Alice in den Städten“ zu drehen. Die Liebe für die Philosophie und die Literatur habe ich nie verloren. Es gibt nichts Schöneres für mich, als mal zwei Stunden Zeit zu haben und ein Buch zu lesen.

Gab es eine Zeit, in der Sie Ihre Entscheidung für den Film bereut haben?           

Nein. Wenn man Film studiert, bleiben am Ende nicht so viele Möglichkeiten. Entweder, man unterrichtet oder man wird selbst Kameramann oder ähnliches. Das war mir sehr wohl bewusst. Ich hätte gar nicht gewusst, was ich sonst hätte machen sollen, außer Filme zu drehen. Es musste unbedingt sein. Ich habe sehr früh beschlossen, als Regisseur zu arbeiten. Ich wollte nicht jahrelang herumsitzen. Wenn ein Projekt meinen Weg kreuzte, habe ich es gemacht.

Ihr deutscher Genrefilm „Tattoo“ zog dann internationale Aufmerksamkeit auf sich, in Deutschland selbst war der Thriller kein Kassenschlager. Ist Deutschland nach wie vor kein Ort für Genrefilme?

Ich weiß nicht. Zumindest damals war es das nicht. Nach „Tattoo“ habe ich nicht noch einmal einen Genrefilm gemacht, sondern „Eierdiebe“. Der hat ja auch nicht funktioniert. (lacht) Ich bemerke aber auch in Amerika zunehmend, dass Genre nicht mehr funktioniert. Es gibt kaum noch Thriller, ein Film wie „Flightplan“ würde heute einfach nicht mehr gemacht werden. Die Bandbreite dessen, was die Studios heutzutage produzieren, ist sehr schmal geworden. Wenn man zynisch wäre, würde man sagen, wir machen alle immer wieder dieselben Filme.

Wie sieht Ihre Bilanz nach zehn Jahren Hollywood aus?

Ich hatte richtig viel Glück. Irgendwie hat es funktioniert. Ich darf Filme machen. Etwas Größeres hätte ich mir nie wünschen können.

Ist es für einen kreativen Menschen nicht eine undankbare Aufgabe, in eine bereits bestehende Filmreihe wie „Die Bestimmung“ einzusteigen?

Nein! Es gibt da natürlich Unterschiede. Wenn ich „Star Wars“ machen würde, gäbe es extrem vorgeformte Ideen, wie alles zu sein hat. Und ich glaube nicht, dass ich das erfüllen könnte. Die „Divergent“-Bücher von Veronica Roth haben mich unheimlich interessiert und ich habe sie sehr gemocht. Ich finde auch, dass Neil Burger einen tollen ersten Film gemacht hat. Als die Fortsetzung an mich herangetragen wurde, habe ich nicht gezögert. Ich wollte den Film unbedingt machen, auch weil man mir gesagt hat, dass wir enorme Freiheit haben, den Film auszubauen und weiterzuentwickeln. Wenn man den Roman oder auch das erste Drehbuch mit dem fertigen Film vergleicht, gibt es da sehr große Unterschiede, an denen ich auch schuld bin, wenn man so will. (lacht) Ich hatte nie das Gefühl, ein Erfüllungsgehilfe zu sein. Ich glaube, das kann man als Regisseur auch gar nicht sein. Wenn man das versucht, geht es schief. Man kann nicht ein bis drei Jahre für eine Sache hergeben, für die man nicht brennt. Diesen Film haben wir sehr schnell gemacht, es dauerte ein Jahr von den Vorbereitungen bis zur abschließenden Produktion. Man muss Entscheidungen sehr schnell treffen und sich dabei auf seine Intuition verlassen. Und das geht nur, wenn man sich mit dem Stoff auch verbunden fühlt.

Sind Sie für die Amerikaner ein typisch deutscher Regisseur?

Das weiß ich nicht. Ich bin auf jeden Fall Europäer und auch gar nicht so „veramerikanisiert“. Deutschland fehlt mir, wenn ich nicht hier bin. Was sagt man eigentlich über uns? Deutsche sind fleißig, pünktlich und effizient. Ich bin schon meistens pünktlich. Und fleißig bin ich auch. Ich muss sagen, dass es zunächst ein enormer Kulturschock war, als ich nach Amerika gekommen bin. Das hatte ich so nicht erwartet. Meine Generation sind ja die Kinder von Coca Cola. Wir sind mit amerikanischen Filmen aufgewachsen, amerikanische Kultur war überall. Aber dort zu sein, ist noch einmal etwas ganz anderes. Die Mentalität hat mich sehr überrascht.

Inwiefern?

Als Deutscher nehme ich Sachen sehr wörtlich. Floskeln und Smalltalk liegen mir sehr wenig. Die erste Person, die mir am ersten Tag auf der Filmschule begegnete, fragte mich: „How is it going?“. Und ich dachte, der meint das wirklich. Ich habe angefangen, von meinem Morgen zu erzählen, bis ich feststellte, dass er schon lange weg war. Ich fand es auch verblüffend, dass in ganz Kalifornien keine gute Tasse Kaffee aufzutreiben war. Dort habe ich erstmal verstanden, wie sehr ich Deutscher bin, was die Sprache angeht oder auch den Umgang mit Leuten. Es gibt gewisse Konventionen in der amerikanischen Sozialisierung, die ich nicht habe, nicht verstehe und auch nicht will. Deshalb komme ich im Umgang wahrscheinlich ein bisschen anders ´rüber. Ob das nun typisch deutsch ist, kann ich nicht sagen.

Behandelt Hollywood Ausländer gleichberechtigt?

Ja. Wenn die Filme funktionieren, ist es völlig egal, woher man kommt. Vielleicht ist Hollywood einer der wenigen Orte, an denen der amerikanische Traum noch zutrifft. Ich glaube auch, dass man Hollywood früher oder später begegnen wird, wenn man im narrativen Kino arbeitet. Ob man das dann will oder nicht, ist eine andere Frage. Ich habe in Amerika studiert, meine Frau und viele meiner Freunde kommen aus Los Angeles. Deshalb war es für mich ein bisschen anders, wieder dorthin zu gehen. Es wäre viel schwieriger gewesen, wenn ich meine Familie in Deutschland hätte zurücklassen müssen. Das hätte für mich nicht funktioniert.

Sie drehen bald wieder einen Film in Deutschland. Ist das eine Rückkehr oder ein zufälliges Ereignis?

Man darf es sich nicht so vorstellen, als würde ich nur in LA leben. Wenn ich drehe, bin ich vielleicht für acht Monate in Atlanta. Und dann bin ich ein dreiviertel Jahr in Boston. Ich habe auch zwei Jahre in Kanada verbracht. Viel unterwegs zu sein, gehört zur Realität meines Lebens. Der nächste Film wird in Deutschland gedreht, ein Teil davon auch in Polen. Ich möchte gern wieder mehr Zeit mit meinen Kindern hier verbringen. Aber das Ideal wäre wohl, ein Weltmensch zu sein.

Würden Sie auch einen „Tatort“ inszenieren? Schließlich haben Sie früher Drehbücher für die Krimiserie geschrieben. 

Ja, das würde ich unheimlich gerne machen. Aber man würde mich vielleicht nicht ernst nehmen, wenn ich das behaupte. Ich habe in Amerika zwei Serien-Pilotfilme gedreht, z.B. für „Lie To Me“. Das macht mir große Freude. Man dreht 50 Minuten in zwölf Tagen, das ist richtig Punk-Rock.

Kennen Sie Heimweh?

Großes Heimweh. Ich bin auch oft hier. Meine Kinder erziehe ich zweisprachig. Ja, ich kenne großes, großes Heimweh.

Robert Schwentke wurde 1968 in Stuttgart geboren und experimentierte schon als 8-jähriger mit der Kamera seines Großvaters. Der leidenschaftliche Kinogänger schrieb sich in Tübingen zunächst für Philosophie und Literaturwissenschaften ein, bevor er in den USA Film studierte. Schwentkes erster deutscher Spielfilm „Tattoo“, ein düsterer Serienmörder-Thriller, war kein großer Publikumserfolg, ebnete dem Filmemacher aber den Weg nach Hollywood. Dort entstanden so erfolgreiche Produktionen wie der Thriller „Flightplan“, die Action-Komödie „R.E.D. – Älter, Härter, Besser.“ oder die Fantasy-Romanze „Die Frau des Zeitreisenden“.

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