Prisoners:

Interview mit Schauspieler Hugh Jackman

In dem Thriller-Drama „Prisoners“ spielt Hugh Jackman einen Familienvater, der nach der Entführung seiner Tochter Recht und Gesetz in die eigene Hand nimmt. Wir trafen den 44-Jährigen auf dem Filmfestival Zürich zum Gespräch.

Hugh Jackman beim Filmfestival in Zürich.
EPA/WALTER BIERI Hugh Jackman beim Filmfestival in Zürich.

Mr. Jackman, wann haben Sie sich zum letzten Mal an jemandem gerächt?

Rache gehört nicht zu meinen Werkzeugen. Mir kam kurz meine Zeit als Rugby-Spieler in den Sinn, als ich etwa 14 war. Ich habe schnell gelernt, dass Rachegedanken nichts bringen. Eine der Botschaften des Filmes ist, dass Gewalt immer zu noch mehr Gewalt führt. Man kann nicht beantworten, wer richtig handelt, das wirft viele Fragen auf.

Welche Herausforderungen brachte diese Rolle mit sich?   

Nach zehn Minuten wird meine Filmfigur in die Hölle geworfen und je weiter die Geschichte fortschreitet, umso schlimmer wird es. Es ist nicht leicht, jeden Tag aufs Neue in diesen Charakter zu schlüpfen und ihn seinen Weg gehen zu lassen, nuanciert, interessant und hoffentlich unerwartet.

Sie möchten kein Urteil über Ihre Filmfigur fällen. Glauben Sie generell, dass in jedem Menschen unter bestimmten Umständen ein Killer erwachen kann?

Ich kann verstehen, wie blinde Wut von einem Menschen Besitz ergreifen kann und die Vernunft über Bord geworfen wird. Es ist diese Machtlosigkeit, die Eltern in einer solchen Situation verrückt machen kann. Ich habe derartige Fälle recherchiert. Am meisten berührt hat mich die Geschichte einer Frau, deren Kind vermisst wurde. Nach zwei Jahren fand sie sich auf dem Dach eines Autos stehend wieder, das an einer roten Ampel halten musste. Sie forderte den Fahrer auf, den Kofferraum zu öffnen. Sie war immer davon ausgegangen, dass ihr Kind in einem Auto entführt wurde und sie konnte nie mehr an einem Fahrzeug vorbeigehen, ohne an den Kofferraum zu klopfen. Es wurde zur Obsession, die in dem genannten Vorfall gipfelte. Seine Kinder zu beschützen, ist ein Urinstinkt. Wenn einem die Macht dazu genommen wird und man denkt, dass das Kind in jeder Sekunde auf einen wartet, würde man fast alles tun. Ich kann nachvollziehen, dass man darüber den Verstand verlieren kann.

Wann spüren Sie den Beschützerinstinkt?

Schon bei ganz kleinen Dingen. Ich erinnere mich daran, dass mir einmal das Gerücht zu Ohren kam, ein Siebenjähriger würde in der Schule meinen Sohn schikanieren. Es stellte sich heraus, dass das nicht stimmte, aber allein davon zu hören, brachte mein Blut in Wallung. Danach dachte ich, okay, es ist ein Siebenjähriger. Wie bösartig kann er schon zu einem anderen 7-jährigen sein? Unglaublich, welche Gefühle eine solche Sache wecken kann.

Es wäre ja auch ganz schön unfair gewesen, den anderen kleinen Jungen zur Rechenschaft zu ziehen.

Ich hätte meine „Wolverine“-Handschuhe angezogen und ihn beiseite genommen: „Hallo mein Freund, denke daran…!“. (lacht)

Welche Wertvorstellungen vermitteln Sie Ihren Kindern?

Ich kann mich sehr glücklich schätzten, von Berufs wegen einer Sache nachzugehen, die ich liebe. Die Schauspielerei war immer mein Hobby und ich kann mit ihr meinen Lebensunterhalt bestreiten. Ich habe nie das Gefühl, dass ich arbeite. Ich führe meinen Kindern oft vor Augen, wie wichtig es ist, im Job glücklich zu sein. Außerdem befinden sie sich in der gefährlichen Lage, von Menschen anders behandelt zu werden als andere. Weniger in der Schule, aber in anderen Bereichen werden sie bevorzugt. Ich sehe andere Eltern mit Kindern, die in derselben Situation zu kämpfen haben. Ihnen hilft niemand. Ich lege großen Wert darauf, dass sich meine Kids dessen stets bewusst sind.

Nutzen Sie zuweilen Ihre Prominenz aus?

Jepp! Wenn ich an Tickets für eine Sportveranstaltung kommen oder einen Tisch im Restaurant reservieren möchte, kann das schon mal passieren.

Was ist für Sie an den USA nach wie vor schwer zu verstehen?

Viele Dinge. Wenn man aus Australien kommt, fällt einem die große Polarisierung der Gesellschaft auf. Auch den Umgang mit religiösen Dingen in einigen Bundesstaaten kann ich nicht nachvollziehen, zum Beispiel, wenn man Darwins Lehren verleugnet. Selbst wenn man diesen Lehren nicht zustimmt, ist ein Bildungssystem für mich schwer zu begreifen, das den Schülern nicht alle Werkzeuge in die Hand gibt, mit denen sie sich eine eigene Meinung bilden können. Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Wenn ich die USA nicht mögen würde, würde ich nicht dort leben.

Sie sind gerade erst 44 und haben auf dem Filmfestival von San Sebastián einen Preis für Ihr Lebenswerk bekommen. Wie fühlt sich das an?    

Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht möchte man mir zu verstehen geben, dass ich langsam ans Aufhören denken soll. (lacht) Ich habe spät angefangen, meinen ersten Job hatte ich mit 26. Ich hoffe, ich werde auch spät aufhören. Ich weiß die Auszeichnung zu schätzen und sie schmeichelt mir. Ich bin von Preisen immer ein bisschen überrascht und geschockt. Ich gebe einfach mein Bestes und versuche, immer dazuzulernen. Alles andere liegt nicht in meinen Händen.

Lebt man als Schauspieler der A-Klasse in einem Elfenbeinturm oder interessieren Sie sich für das politische Tagesgeschehen?

Wenn jemand die Einstellung „Aus den Augen, aus dem Sinn“ vertritt, finde ich das schlimm. Ich versuche, so gut ich eben kann, zu lesen, zu verstehen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, was jenseits der Nachrichten wirklich passiert. Wenn man in Australien aufwächst, kann man sich abgeschottet von vielen Dingen fühlen. Für mich war es deshalb immer wichtig, nicht nur das Tagesgeschehen zu verstehen, sondern mich auch in der Historie auszukennen. Ich war immer ein Geschichtsfreak und ich bin immer viel gereist. Ich halte es für sehr wichtig, die Welt im Auge zu behalten. Es gab auch Zeiten, in denen ich es sechs Wochen lang nicht geschafft habe, eine Tageszeitung aufzuschlagen. Dann fühlte ich mich schuldig, aber auch ich brauchte Schlaf und ich musste Windeln wechseln. Das hat nichts damit zu tun, dass man reich oder berühmt ist und in einem Elfenbeinturm lebt, es ist eine Frage der Zeit und der Energie.

Wie ist Ihre Definition von Erfolg?

Für mich ist es ein Zeichen von Erfolg im Leben, wenn dein Herz wächst und der Kreis deiner Lieben immer größer wird. Es ist doch nicht schwer, Empathie für seine Familie und seine Verwandten oder die 300 Leute an einem Drehort aufzubringen. Menschen wie der Dalai Lama lehren, dass man lernen muss zu lieben, um zu sich selbst zu finden. Das ist die Reise. Ich bin nicht sicher, ob ich dabei immer erfolgreich bin. Aber ich versuche es.

Hugh Jackman wurde als Darsteller des Mutanten Wolverine in den „X-Men“-Filmen bekannt. Mittlerweile hat sich der Australier als facettenreicher Schauspieler, Entertainer und Musicalstar fest in Hollywood und am Broadway etabliert. Jackman ist mit der Schauspielerin Deborra-Lee Furness („Homo Faber“) verheiratet und hat zwei Kinder.

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