Theaterkritik:

Ist das alles pompös hier

Fabelhaft: Mit „Von Kopf bis Fuss oder das große Alphabet des Friedrich Holländer“ erlebt die Region eine musikalische Revue, die genauso anspruchsvoll wie heiter ist.

Begleitet von witzigen Choreografien singen Karin Hartmann, Lisa Voß, Michael Goralczyk, Alexander Mildner und Thomas Pötzsch (von links). Fotos: Bela Witt
Begleitet von witzigen Choreografien singen Karin Hartmann, Lisa Voß, Michael Goralczyk, Alexander Mildner und Thomas Pötzsch (von links). Fotos: Bela Witt

Holla, hier tragen die Damen auf der Bühne noch weißblonde Perücken und Federn im Haar, Paillettenkleider und Fädenröcke, Netzstrümpfe und feine Handschuhe. Sie klimpern mit ewig langen Wimpern und kräuseln die fein konturierten und knallrot angeschmierten Lippen. Sie beherrschen einen Augenaufschlag, der so manches Männerherz gefangen nimmt, selbst wenn die 1920er Jahre lange, lange zurückliegen. Beim Schick vergangener Tage entgleitet dem ein oder anderen Zuschauer ein „Ah“ und „Oh“. Kein Wunder: Diese Welt ist einfach „wooow“.

Nehmen wir uns doch die Männer vor. Wann sahen wir zuletzt einen Mann mit Fliege und Einstecktuch, mit Hut und Gamaschenschuhen, mit Stock elegant die Straße hinabwandeln? Auch den aparten Moustache tragen heutzutage doch – wenn überhaupt – nur noch die Franzosen. Der piekfeine Smoking – aus der Mode gekommen. Der Anzug – nur noch selten als stilvoller Dreiteiler im Schrank der Herren. Wer all diese schönen Dinge sehen will, muss sich die neue musikalische Revue „Von Kopf bis Fuss oder das große Alphabet des Friedrich Holländer“ anschauen, für die sich im Schauspielhaus Neubrandenburg der erste Vorhang hob. Leider wollten die Premiere nicht allzu viele mitverfolgen. Gut die Hälfte der Bankreihen blieb unbesetzt. Das sollte sich schleunigst ändern. So ein Musikprogramm mit Stil sah die Region schon lange nicht mehr. Dieser Abend ist ein Abend der Eleganz, der Grandezza.

Die Kostüme aus der Zeit des Charleston wirken für sich. Der Zuschauer kann kaum die Augen abwenden. Aber erst Karin Hartmann, Lisa Voß, Michael Goralczyk, Alexander Mildner und Thomas Pötzsch erwecken die heißen Fummel zum Leben. Darüberhinaus sorgen die Schauspieler für einen Ohrenschmaus nach dem anderen – eben aus dem Repertoire von Friedrich Holländer. Und der Komponist macht es seinen Künstlern nicht leicht. Seine albern-verrückt-kokett-wahnwitzigen und doch zugleich beschämend ehrlichen Texte besitzen Inhalt, Fülle, viele Worte und verdrehte Sätze, die es auswendig zu wissen gilt. Diese Stücke sind noch etwas anderes als die Popliedchen aus den aktuellen Charts, die mit Refrainwiederholungen glänzen, dass es nicht mehr feierlich ist.

Vielleicht lässt es sich so erklären, weshalb die Künstler das Publikum schon nach fünf Minuten um den Fingern wickeln. Es braucht nur das Entrée, in dem alle das Abc so zackig durchdeklinieren, dass einem der Kopf schwirrt. Kostprobe gefällig? Bitteschön: „Kabarett, Kabeljau, Kratzeburg, Kaffernfrau, Kernkraftwerk, Kettenglied, Kruzifix, Kaufkredit, Karin, Knackarsch, Kribbeln, Kneipe, Katze, Knallfrosch, Kreischen…“ Man will gar nicht wissen, wie lange die Fünf dafür übten, dass es sitzt, alles gut betont ist, sich keine Versprecher und Texthänger einschleichen. Immerhin handelt es sich nicht nur um ein Lied an diesem Abend. 25 solcher Schoten präsentieren sie im Laufe der 105 Minuten. Welch eine Leistung.

Diese Personalauswahl ist einfach großartig. Alle fünf mischen sich kräftig durch und finden sich immer wieder zu neuen Paaren zusammen. Alles läuft geschmeidig, harmonisch ab. Jeder besitzt genügend Freiheit, um seine Persönlichkeit wirken zu lassen. Die wundervolle Karin Hartmann, die mit ihrer Gestik und Mimik einfach köstlich ist. Wenn sie die Augen rollt und aufreißt, wechselt die Stimmung von traurig-schön („Wenn ich mir was wünschen dürfte“) zu frivol-schrill („Mir ist heut so nach Tamerlan“). Lisa Voß entwickelt sich zur Allrounderin der Spielsaison. Schon in „Schwestern“ und „Offene Zweierbeziehung“ brilliert sie – nun singt sie auch noch, und wie. Ihrer karamelligen Stimme hört man gerne zu. Michael Goralczyk scheint ein Abonnement auf Stripnummern abgeschlossen zu haben. In „Offene Zweierbeziehung“ macht er sich in Superman-Unterhose zum Affen, bei der Musikrevue legt er zum Lied „Ich lasse meinen Körper schwarz bepinseln“ ein Kleidungsstück ums andere ab, bis ein (aufgemaltes) Bananentattoo in Pahllusform auf seinem Bauch zum Vorschein kommt. Goralczyk ist sich für nichts zu schade. Herrlich. Alexander Mildner gibt den wandelbaren Charmeur und Connaisseur, der in seinen Solonummern („Nachtgespenst“, „Chinesische Groteske“) unglaublichen Humor beweist. Bravo. Thomas Pötzschs Glanznummer stellt eindeutig die „Träne im Knopfloch“ dar.

Fazit: Diese Truppe sollte man sich nicht entgehen lassen!

Weitere Vorstellungen am 31.10., 8.11., 16., 26.12. im Schauspielhaus Neubrandenburg und am 1., 13., 31. 12. im Landestheater Neustrelitz.

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