Fragmente einer Familie:

Joachim Triers Drama „Louder Than Bombs"

In vielen Fragmenten erzählt Joachim Trier in „Louder Than Bombs" von einer Familie, die sich Jahre nach dem Tod der Ehefrau und Mutter der Vergangenheit mit all ihren Sehnsüchten, Illusionen und Enttäuschungen stellen muss.

Im Film „Louder Than Bombs" isoliert sich Jesse Eisenburg in seiner Rolle immer mehr von seiner Familie ab.
Mfa Im Film „Louder Than Bombs" isoliert sich Jesse Eisenburg in seiner Rolle immer mehr von seiner Familie ab.

Die Entfremdung ist vom ersten Augenblick an zu spüren: Als Jonah (Jesse Eisenberg) am Krankenhausbett seiner Frau steht, die gerade das gemeinsame Kind zur Welt gebracht hat, ist da etwas seltsam Distanziertes, Tranceartiges. Er scheint etwas zu verheimlichen oder auch nur nicht sagen zu wollen. Auf dem Weg, ihr Essen zu besorgen, trifft er seine Ex, der er nichts von dem fröhlichen Ereignis erzählt. Das Essen für seine Frau vergisst er ebenfalls. Jonah ist nicht die einzige Figur in Joachim Triers Familiendrama „Louder Than Bombs", die verloren wirkt, isoliert von den Menschen um sich und ihrer Umgebung. Er ist eines der drei Familienmitglieder, die als Fragmente agieren, die sich doch nie so recht zusammenfügen.

Auslöser, dass sich diese Figuren plötzlich neu miteinander auseinandersetzen und sich der Vergangenheit stellen müssen, ist eine große Retrospektive mit den Werken der renommierten Kriegsfotografin Isabelle Reed (Isabelle Huppert) sowie ein ausführlicher Artikel in der „New York Times". Vor einigen Jahren ist Isabelle, kurz nachdem sie ihre Karriere als Kriegsfotografin beendet hat, bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und noch immer hält ihr Mann Gene (Gabriel Byrne) an der Geschichten des tragischen Unfalltods fest - vor allem gegenüber seinem jüngeren Sohn Conrad (Devin Druid).

Geschichte widmet sich den zurückgebliebenen Familienmitgliedern

Doch der Artikel von Isabelles langjährigem Kollegen (und Liebhaber) Richard (David Strathairn) will die Wahrheit, die längst allgemein bekannt ist, publik machen: Isabelle ist absichtlich in den Lastwagen gefahren. Die Hintergründe bleiben mehr oder weniger im Dunkeln.

Doch darum geht es Joachim Trier gar nicht, vielmehr widmet er sich den drei zurückgebliebenen Familienmitgliedern: Jonah, dem jungen College-Professor und Vater, der zum Vater reist, um das Material der Mutter für die Ausstellung zu sichten, und dabei nicht nur auf das Verhältnis mit Richard stößt. Er zögert den Besuch im Elternhaus immer wieder heraus, scheint sich eine Auszeit von seiner jungen Familie zu nehmen und lügt seine Frau am Telefon immer wieder an.

Sohn flüchtet in Computerspiele und Schwärmereien

Gene, der über Jahre versucht hat, den beiden Jungen Vater und Mutter zugleich zu sein, nach seiner Karriere als Schauspieler nun als Lehrer arbeitet und ausgerechnet mit Conrads Lehrerin zusammen ist  - natürlich verborgen vor seinem Sohn - bemüht sich unbeholfen, an seinen Sohn heranzukommen. Der flüchtet sich in Computerspiele, in Geschichten und die Schwärmerei für eine unerreichbare Cheerleaderin. Dabei ist der pubertierende Conrad noch die nachvollziehbarste Person.

Joachim Trier und sein Co-Autor Eskil Vogt erzählen von dieser dysfunktionalen Familie in Rückblenden, Traum- und Fantasiesequenzen und aus unterschiedlichen Perspektiven. Immer wieder erscheint die Unfallszene Isabelles in Zeitlupe. So scheint auch sie, wenn überhaupt, das emotionale Zentrum des Dramas zu sein, sie, die für ihre Karriere die Familie immer wieder alleine gelassen hat. Surreal war ihr Leben in den Krisenregionen dieser Welt, surreal auch das in ihrer Heimat. Und so lässt Trier seine Figuren fast traumwandlerisch durch „Louder Than Bombs" wandeln. Es ist nicht das Kriegsgetöse, das so laut ist, sondern der Schmerz und die Geheimnisse, die einen bei aller Stille anbrüllen.  

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