Der Roman „Kruso" bietet wahres Lesevergnügen:

Johnson-Preis an Autor Lutz Seiler

Die Faszination für die Insel Hiddensee hat dem Autor ganz nebenbei den mit 15000 Euro dotierten Literatur-Preis eingebracht. Dieser wird von der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft, dem Nordkurier und der Kanzlei Gentz und Partner vergeben.

Lutz Seiler
Frank Wilhelm Lutz Seiler

Lutz Seiler hat es auch seinem handwerklichen Unvermögen zu verdanken, dass er zur Literatur gekommen ist. Wie die meisten Soldaten versuchte er sich während seiner anderthalbjährigen Dienstzeit bei der Nationalen Volksarmee (NVA) in den 80er Jahren mit Laubsägearbeiten. „Allerdings klappte das nicht so gut. Als ich alle Sägeblätter meiner Kumpels kaputt gemacht hatte, gab ich das Hobby auf", sagt Seiler schmunzelnd. Nachdem er als Jugendlicher lange Jahre nicht mehr gelesen hatte, entdeckte er die Bücher wieder für sich. Im tristen Armeealltag wurde „die Literatur mein Rückzugsraum, eine fantastische Möglichkeit, in andere Welten hinauszugehen". Damals, vor gut 30 Jahren, fing er auch an zu schreiben – kleine Prosatexte und Gedichte.

Heute ist Lutz Seiler Uwe-Johnson-Preisträger. Er reiht sich ein in die illustre Schar von Schriftstellern wie Walter Kempowski, Uwe Tellkamp, Christa Wolf oder Christoph Hein. Ausgezeichnet wurde sein erster Roman „Kruso", der Anfang September als Spitzentitel im Herbstprogramm bei Suhrkamp erscheinen wird. Auch wenn Seiler schon eine Reihe von Literaturpreisen gewonnen hat – unter anderem den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis (2007) – sei der Preis, den die Mecklenburgische Literaturgesellschaft gemeinsam mit dem Nordkurier und der Berliner Anwaltskanzlei Gentz und Partner vergibt, ein besonderer für ihn. „Allein der Name des Preises macht ihn für mich sehr wertvoll", sagt Seiler mit Blick auf Uwe Johnson.

Das Begrüßungsgeld für Johnson-Buch ausgegeben

Es fällt nicht schwer, Parallelen zwischen dem 50-jährigen Seiler und Johnson, der an diesem Sonntag 80 Jahre alt geworden wäre, herzustellen. Die ergeben sich allein aus biografisch-literarischen Details. So hatte Seiler schon zu DDR-Zeiten Johnsons Schlüsselroman „Mutmaßungen über Jakob" gelesen, musste das geliehene Buch allerdings wieder zurückgeben. Sämtliche Texte Johnsons standen in der DDR auf dem Index. „Die ‚Mutmaßungen' waren dann das erste Buch, das ich mir von meinen 100 Mark Begrüßungsgeld gekauft habe", erinnert sich Seiler. Später kamen natürlich die „Jahrestage" als wichtige Lese- und Schreibstilerfahrung hinzu. In seinem jetzt preisgekrönten Roman finden sich etliche Anspielungen auf Johnson. „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen" heißt der erste Satz in Johnsons Mutmaßungen. Seiler lässt die Freundin seines Protagonisten Edgar Bendler, genannt Ed, von einer Straßenbahn überfahren. „Achtung, Vorsicht, Achtung, irgendetwas, was soll man schon rufen, quer über die Gleise", erinnert sich Ed an den Tod der Gefährtin.

Der Tod auf den Gleisen, ist sich Seiler sicher, kann heute von keinem ernsthaften Autor mehr beschrieben werden, ohne Johnsons „Mutmaßungen" im Hinterkopf zu haben. Für die plattdeutschen Passagen bediente sich Seiler aus den „Jahrestagen". „Holl din Muul, Hottebass", spricht der Kutscher von Hiddensee zu seinem Bärenpferd.

Überhaupt Hiddensee. Auf dem zauberhaften Eiland lässt der Erzähler seinen Protagonisten im Sommer 1989 stranden, wie so viele, die aus dem engen Rahmen der DDR herausfielen. Seiler hat wie Ed als Abwäscher in dem berühmten Lokal „Klausner" gearbeitet. Hiddensee beschreibt er als „ein schmales Stück Land von mythischem Glanz, der letzte, der einzige Ort, eine Insel, die immer weiter hinaustrieb, außer Sichtweite geriet – man muss sich beeilen, wenn man noch mitgenommen werden sollte". Solche zauberhaften Sätze finden sich in „Kruso" zahlreich. Sie entstammen der Feder eines Mannes, der als Meister der Lyrik gilt.

Seine seit 1995 erschienen Gedichtbände fanden ein immer größeres Echo in den Feuilletons der überregionalen Tageszeitungen. Immer wieder wird Seilers Stil gewürdigt – er ist ein Meister der Verdichtung. Auch beim Schreiben des Romans hat er leise mitgesprochen, Wort für Wort, Satz für Satz, Seite für Seite. „Ich erspreche mir alles. Die Akustik des Textes muss stimmen", sagt Seiler.

Wer sich einliest in die knapp 500 Seiten, spürt schnell, dass die Akustik des Romans stimmt. „Kruso" bietet wahres Lesevergnügen, die Lust an schöner Sprache. Seilers Meisterschaft erstaunt umso mehr, als der in Gera Geborene als junger Mann lange Jahre nicht wusste, wohin es ihn beruflich treibt. Er absolvierte eine Berufsausbildung mit Abitur als Baufacharbeiter. „Mein Traum war ein Architekturstudium, aber das war aussichtslos."

Durch die zentrale Studienberatung ließ er sich dann auf ein Studium der Technologie der Bauproduktion „umlenken". Perspektive: Ingenieur in der Plattenbau-Produktion. „Mit dieser Depression ging ich zur Armee. Aber ich fand das erste Mal die Kraft zu sagen, ich will das nicht!" So begann Seiler ein Lehrerstudium, Kombination Deutsch/Geschichte. Im dritten Studienjahr sattelte er auf Germanistik um. „Lehrer wäre wohl nichts für mich gewesen." Nach der Wende verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Kellner in Berlin und schrieb und schrieb und schrieb. 1994 bekam er das erste Stipendium als Autor.

In Stockholm zieht er sich in die „Schreibhöhle" zurück

Heute lebt er in einem Zweiwochen-Rhythmus. Er wohnt in Wilhelmshorst bei Potsdam, im Haus von Peter Huchel, einer der bekanntesten Dichter der DDR, der zuletzt von der SED-Kulturpolitik unter Hausarrest gestellt wurde. Heute findet sich hier ein Literaturhaus, für das Seiler Lesungen und andere Projekte organisiert. Die anderen zwei Wochen im Monat lebt er bei seiner schwedischen Lebensgefährtin in Stockholm. Hier, in seiner einsamen „Schreibhöhle", fernab aller Störungen, hat er auch den preisgekrönten „Kruso" geschrieben.

Seit Jahren füllt Seiler regelmäßig Notizbücher – mit Erlebnissen, Geschichten, Terminen. Reichlich Stoff für mehr Prosa. Beispielsweise eine Episode aus seiner Armeezeit: Wenn Seiler nicht schrieb oder las, baute er in seiner Pioniereinheit bei Merseburg Attrappen. Panzer aus Sand oder Scheinbrücken über die Saale, die gegnerischen Piloten reale Armeen vorspiegeln sollten. Potemkinsche Dörfer des Kalten Krieges. Seiler lächelt: „Ja, darüber könnte man durchaus noch einmal schreiben."

Die Preisverleihung erfolgt am 19. September im Regionalmuseum Neubrandenburg.

Leseprobe aus dem Roman

Schon vor zwölf Uhr war die Terrasse von Gästen überschwemmt, an jedem Vormittag vier überfüllte Schiffe voller Tagestouristen, die sich vom Hafen her ins Hochland des Dornbuschs wälzten, als gäbe es keinen zweiten Ort. Auch die Lichtung und der Wald ringsum waren dann bis zur Steilküste hin mit Urlaubern besetzt, sprungbereit. Manche von ihnen versuchten, vom Rand her Bestellungen aufzugeben, bald standen einige der Schamlosesten zwischen den Tischen, mitten in den Serviergassen der Kellner. Man sah auf die Tische herunter, diskutierte die Speisen, streckte die Hände, um auf das Essen zu zeigen, und berührte es fast oder versuchte, mit einem feindseligen Geraune die sitzenden Gäste von ihren Plätzen zu vertreiben.

„Achtung!“ und „Vorsicht!“ schrien die Kellner, aber auch ernsthaftere Zurechtweisungen wirkten nur vorübergehend, und irgendwann sah man Krombach den Biergarten umkreisen. Begütigend geleitete er die allzu Ungeduldigen zurück an den Rand der Terrasse, als führe er sie aus einem Labyrinth. Dabei hielt er sie am Arm, wie Blinde, manchmal ging er mit ihnen auch bis ans Kliff, zur Steilküste hin – um sie hinunterzustoßen, dachte Ed, was eine Lösung gewesen wäre und dem Wort Stoßzeit einen tiefen Sinn gegeben hätte ...

Tatsächlich brachte die Stoßzeit von allen das Beste zum Vorschein, und bald begann Ed zu verstehen, was sich hinter den hohen Begriffen von Besatzung und Mannschaft verbarg. Krombach, der das Büro ansonsten nie verließ, zog ein kurzes graues Stück Tau aus seiner Hosentasche und begann, Seemannsknoten vorzuführen, mit erhobenen Händen. Er knotete Herzen verschiedenster Gestalt, hielt sie in die Luft und erhielt Beifall. Dass jemand etwas vorführte, erweckte sofort Aufmerksamkeit, vor allem, weil das Ganze offensichtlich ungeplant geschah, spontan, ohne Eintritt und Kontrolle, und also einem seltenen, exotischen Ereignis gleichkam, etwas, das man eben nur hier, auf dieser Insel, erleben konnte.

Ed erfuhr nie, was Krombach während seiner Knotungen zum Besten gab. Auf die Touristen schienen die grauen Herzen dieselbe hypnotisierende Kraft auszuüben wie auf ihn. Nach vier oder fünf Herzen verbeugte sich der Direktor.

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