Für Matthias Kunze wird ein Kindheitstraum wahr:

Klavier-Bauer dirigiert Neubrandenburgs Philharmonie

Viele Kinder wollen ein Polizeiauto fahren, andere eine Lokomotive. Matthias Kunze träumte als kleiner Junge einen ganz anderen Traum: Er wollte einmal im Leben am Dirigentenpult stehen.

Ein Traum wird wahr: Matthias Kunze dirigiert die Neubrandenburger Philharmonie.
Frank Wilhelm Ein Traum wird wahr: Matthias Kunze dirigiert die Neubrandenburger Philharmonie.

Akribisch hat sich Matthias Kunze auf seinen Auftritt vorbereitet. Wohl an die 50-Mal dirigierte er den vierten Satz der 1. Sinfonie von Johannes Brahms durch. Zu Hause, mit der Musik von der CD. Vor sich hatte er die Partitur liegen. "Ich habe drei verschiedene Aufnahmen ausprobiert", sagt Matthias Kunze, kurz bevor er ans Pult der Neubrandenburger Konzertkirche schreitet. Er sei überrascht gewesen, wie viele Interpretationsmöglichkeiten es gebe. Brahms ist Kunzes absoluter Lieblingsmusiker. Der Zauber gerade dieser Sinfonie treibe ihm jedes Mal eine Gänsehaut über die Arme. "Es ist beeindruckend, welche Tiefe in dieser Musik steckt", erklärt Kunze.

Den Taktstock fest umschlossen, ist er kurz vor seiner Dirigenten-Premiere freudig erregt, aber auch sichtlich aufgeregt. Sein langjähriger Weggefährte Stefan Malzew, Generalmusikdirektor der Neubrandenburger Philharmonie, hatte Kunze einen seiner Taktstöcke im September vergangenen Jahres geschenkt - anlässlich des 20-jährigen Firmenjubiläums des Piano-Hauses Kunze in Alt Meteln bei Schwerin sowie des 60. Geburtstages. Der Taktstock steht für das eigentliche Geschenk: Ein Dirigat vor einem großen Orchester - eben der Neubrandenburger Philharmonie. Damit erfüllt sich für Kunze ein Lebenstraum. Als Kind und Jugendlicher liebte er bereits klassische Musik. Sein Wunschberuf: Dirigent. Doch ein Unfall zerstörte den Traum. Mit der rechten Hand geriet er in eine Maschine. Einige der Finger sind seitdem nur noch Stümpfe. Der Musik blieb er aber trotzdem immer verbunden. Kunze erlernte den seltenen Beruf des Klavierbauers. 1983 übernahm er den Kirchenchor in Alt Meteln. 1992 gründete er sein Piano-Haus in Alt Meteln. Die Firma sieht er nicht nur als Geschäft und Werkstatt, sondern auch als "Treffpunkt für Musikliebhaber und Künstler".

Seinen großen Traum gab er nie auf: Er erzählte ihn aber nur engsten Freunden und seiner Familie. Seine Frau Kerstin, die ihn nach Neubrandenburg begleitet, ist fast genauso freudig erregt wie ihr Mann, als sie in den Konzertsaal tritt: "Für meinen Mann geht heute ein Lebenstraum in Erfüllung." Freundlich begrüßt Matthias Kunze die Musiker. An dem Nachmittag probt das Orchester für das heutige Openair-Konzert Golf & Classics im Land Fleesensee. Ein Stunde Probenzeit hat Malzew aber frei geräumt für Matthias Kunze. Der Dirigent und der Klavierbauer kennen sich schon seit den 80er Jahren - damals arbeitete Malzew am Schweriner Theater. Auch danach haben sich die beiden nie aus den Augen verloren. "Wenn es mal eine Notsituation gibt, ein Flügel defekt ist oder ein zweites Klavier gebraucht wird, Matthias ist immer da, wenn man ihn anspricht", sagt Malzew. "Die Festspiele MV würden ohne ihn gar nicht funktionieren. Manchmal schleppt er sieben Flügel an. Wenn es einer verdient hat, hier zu stehen, dann Matthias."

Kunze hebt resolut den Taktstock. Sanft steigen die Geiger ein. Langsam erhebt sich der Klangteppich des Orchesters - Matthias Kunze gibt den Takt an. Das Orchester folgt. Mit dem 4. Satz der Brahms-Sinfonie hat sich der Musikliebhaber allerdings nicht gerade das leichteste Musikstück ausgesucht. "Aber hallo", schnalzt Malzew mit der Zunge, "das ist eigentlich ein Stück zum Vordirigieren." Mit solch schwierigen Partituren bewerben sich Profimusiker für eine neue Stelle.

Die ersten Passagen des voluminösen Parts dirigiert Kunze professionell. Neben der Bühne beobachtet Malzew aufmerksam die Abstimmung zwischen dem Dirigenten und seinen Musikern. Plötzlich kommt der Motor ins Stottern. Auch Kunze merkt, dass etwas nicht stimmt. Das Orchester ist aus dem Takt, es verstummt. Doch der Meister und Freund steht parat. "Noch einmal ganz von vorne", ruft Malzew. Er flüstert Matthias Kunze einige Hinweise ins Ohr. Der ist schon nach wenigen Minuten ins Schwitzen gekommen. Wer bislang annahm, dass ein geübtes Orchester auch mal ohne Dirigenten auskommt, sieht sich eines Besseren belehrt. "Das ist doch ganz schön kompliziert", sagt seine Frau Kerstin leise. Noch dreimal nimmt ihr Mann Anlauf, um über eine schwierige Klippe in der Partitur zu kommen. Schließlich schafft er es. Die Anspannung legt sich langsam. Auch Stefan Malzew schaut zufrieden drein. Er weiß, er hat heute einen Mann sehr, sehr glücklich gemacht.

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