Buch-Kritik:

Kunderas Komposition der (traurigen) Komik

Reizvoll rätselhaft: In seinem Kurzroman „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ nimmt sich der europäische Großautor Freiheiten heraus. Der Alt-Meister schickt vier Männer auf die Suche nach der guten Laune durch Paris.

Milan Kundera.
epa efe Milan Kundera.

Diese Leichtigkeit ist erträglich. Anderthalb Jahrzehnte hat Milan Kundera (85) benötigt, um den Roman von letzten Fesseln zu befreien. „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ - erste belletristische Arbeit von Frankreichs Großmeister tschechischer Herkunft seit dem Jahr 2000 - lässt die Konventionen realistischen Erzählens weit hinter sich. Kunderas ausgefuchste Komposition der (traurigen) Komik reduziert Essenzen ein. Ein jung geratenes Alterswerk ist das Resultat. Reizvoll rätselhaft, intelligent, womöglich philosophisch, sehr europäisch, bisweilen surreal, auf jeden Fall spöttisch.

Es wird beobachtet

Die Personage: Vier Männer, die Fellini allesamt engagiert hätte - alt, jung, reich, arm, glücklich, unglücklich, gesund, (gespielt) krank. Sie mono- und dialogisieren durch heutiges Paris. Straße, Park, Fest. Sie beobachten, sich und andere.

Laut Alain steht hinter dem Zurschaustellen weiblichen Bauchnabels, wie es gerade Mode ist, weit mehr als eine erotisierende Absicht. Alains Mutter entschuldigt sich bei ihm für seine Geburt, weil er ohne Wahl auf Aussehen, Augenfarbe, Geschlecht, Jahrhundert, Heimat auf diese Welt gezwungen worden sei. Quasi ohne Menschenrechte.

Ex-Professor Ramon würde gern eine Chagall-Ausstellung im Musée du Luxembourg ansehen, wenn da am Ticket-Desk nicht so lange Warteschlangen wären, für ihn ein deprimierender Ausdruck der ins Unfassbare wachsenden Weltbevölkerung.

Ein gefährlich-launiger Stalin

Charles lässt in ausgedachten Episoden einen gefährlich launigen Stalin quer durch das Buch geistern: Der Kreml-Chef landet mit einem sarkastischen Waidmann-Witz bei den Genossen Speichelleckern keinen Heiterkeitserfolg, weil sie wissen, dass der Diktator alles andere als ein Entertainer ist, sondern der Jäger selbst. Und sie sind die totgeweihten Rebhühner. Stalin verehrt hier Schopenhauer, dem die Welt Vorstellung und Wille war. Allerdings verkörpere er, Stalin, ganz allein den Willen, um dafür zu sorgen, dass nicht ein Chaos an Vorstellungen wuchere.

Caliban, Schauspieler ohne Job, erträgt seinen Broterwerb als Kellner, indem er sich als Pakistani ausgibt und sich einer erfundenen Sprache bedient. Als ihn ein portugiesisches Hausmädchen zu verstehen scheint, vergeht ihm das Lachen.

Die allgegenwärtige Bedeutungslosigkeit

An die Gespräche und Gedanken der vier zu jeglichem Lebensding legt Kunderas Erzähler, der kein Wortverschwender ist, den hohen Maßstab der Bedeutungslosigkeit an. Die sei – ob im Hü oder Hott der Liebe, in Blutdrama oder menschlicher Komödie – allgegenwärtig, treu, zu Unrecht verharmlost.

Thema Frauenverführung: „Wenn ein brillanter Typ versucht, eine Frau zu verführen, hat sie den Eindruck, in einen Wettstreit zu treten. Sie fühlt sich verpflichtet, ebenfalls zu brillieren. Sich nicht widerstandslos hinzugeben. Wohingegen die Bedeutungslosigkeit sie befreit.“ Aha!

Bedeutungslosigkeit sei „der Schlüssel zur Weisheit, sie ist der Schlüssel zur guten Laune …“ Ergo: ein schützenswertes Gut, zumal bedroht. Man befinde nämlich sich in der „Dämmerung der Scherze“. In epochal humorlosen Zeiten, voller Bedeutungen.

Ratlos zurückgelassen

Allerdings auch in Zeiten unfreiwilliger Komik. Wie unangestrengt und unaufdringlich Kunderas Eulenspiegelei daherkommt, ist meisterhaft. Der Autor destilliert in dem schmalen Band mit einigen präzisen Sätzen und Szenen sein weltweit geschätztes Gesamtwerk, in dem es um die Gräuel des Kommunismus geht, das ewig Weibliche, die Ästhetik, das Lachen, die Lächerlichkeit. Er nimmt sich die Freiheit, seine Leser ein wenig ratlos zurückzulassen – ob der Rolle der Bedeutung/slosigkeit. Wem Selbstironie gegeben ist, dem könnte diese Ratlosigkeit die Stimmung aufhellen, immerhin. Urheber Kundera wird sie amüsieren.

Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit. Carl Hanser Verlag, München, 2015, 140 Seiten, 16,90 Euro. ISBN 978 – 3 – 446 – 24763 – 5.

Weiterführende Links