Buch-Kritik:

Lob der langen Beine

Der Feuilletonist Alfred Polgar schrieb im Exil ein schwärmerisches Porträt von Marlene Dietrich. Die Film-Diva hatte ihm finanziell über eine harte Zeit geholfen. Erst dieser Tage ist das kleine Buch, das eine dramatische Entstehungsgeschichte hat, erschienen.

Filmdiva Marlene Dietrich - Alfred Polgar beschäftigt sich in seinem Buch mit ihr.
dpa Filmdiva Marlene Dietrich - Alfred Polgar beschäftigt sich in seinem Buch mit ihr.

Ein bisschen verliebt habe er sich bereits, da sie noch als „ein Girl unter Girls“ in dem Bühnenstück „Broadway“ mit Tanz und Gesang und unbekannten Beinen tingeltangelte – und niemand in der Theater- und Filmszene einer Marlene Dietrich huldigte. „Es liegt in der Luft um sie ein Irritierendes.“ Alfred Polgar (1873-1955), Wiener Kaffeehaus-Literat und im glanzvollen Berlin der untergehenden Weimarer Republik ein bedeutender Kurzprosa-Autor und Feuilletonist, behielt das Sternchen bei der Star-Werdung im Blick. Es gab Heerscharen glühender Verehrer, spätestens seit die langen Gliedmaßen der Dietrich mit der Lola-Rolle in „Der blaue Engel“ zu Weltpopularität gelangt waren. Polgar gab vor, einer von ihnen gewesen zu sein, und mühte sich um Verhimmelung.

Dramatische Entstehungsgeschichte

Seine Monografie „Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“ -  1936/1937 entstanden, 1984 in der Wohnung vom Stiefsohn gefunden und erst dieser Tage publiziert - darf als bemerkenswerte Entdeckung geschätzt werden. Kaum als Dokument des damaligen Blicks auf die Ikone und auch wenig nur einiger gelungener Sätze und Passagen wegen. Vorrangig als literaturhistorisches Zeugnis. Dieses „Marlene“-Porträt hat eine dramatische, betroffen machende Entstehungsgeschichte.

Alfred Polgar schrieb von Dietrichs „Spiel, in dem die passive Seite und Saite so merkwürdig anklingen. Es seien „viele Gesichter in dem einen Gesicht“. „Marlene sieht niemand ähnlich“, allenfalls ähnelten andere ihr. Einen „nicht weg zu mimenden Schimmer kindhafter Unschuld“ machte Polgar aus. Er wollte verzaubert sein vom „verschleierten Klang“ der Stimme, es „schwingen Obertöne mit, die das Nervensystem so stark wie angenehm anregen. Sex appeal“.

"Besessen von dem chronischen Willen, gut zu sein"

Wer Polgars vielschichtiges, doppelbödiges Werk kennt, den wird die ins Glorifizierende gleitende Schwärmerei zunehmend wundernehmen. Ein Beispiel: „Sie ist ein einfacher, lieber, warmherziger, unverlogener Mensch, besessen von dem chronischen Willen, gut zu sein und Gutes zu tun.“ Oder: „Sie ist die zärtlichste, mütterlichste Mutter.“ Komplett ironiefrei, übertrieben, schmeichelnd – wenig polgarsch.

Das Nachwort von Ulrich Weinzierl, Mitherausgeber des Polgar-Œuvre, leuchtet den Hintergrund aus. Nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 begann für Alfred Polgar, der jüdischer Herkunft war, die Flucht vor den Nazis. Prag, Paris, Spanien, USA, das waren seine Exil-Stationen. Polgar, ein stolzer Mann, der sich und die Kleinfamilie bis dahin mit Erfolg durchs Leben geschrieben hatte, geriet zwischenzeitlich in materielle Not. Ein Hilferuf von Freund Carl Seelig erreichte Marlene Dietrich, die sich aus Abscheu vor dem Hitler-Regime meist in Amerika aufhielt und später die deutsche Staatsbürgerschaft ablegte. Am 2. Mai 1934 erhielt Polgar einen 500-Dollar-Scheck, eine Großzügigkeit, weitere Überweisungen folgten. Er gehörte zu den nicht wenigen Flüchtlingen, die die Dietrich unterstützte.

Polgar fühlte sich verpflichtet, Gegenleistungen zu erbringen

Alfred Polgar, „Grandseigneur der deutschen Prosa“ (Marcel Reich-Ranicki), schämte sich der Mittellosigkeit. Melancholisch, depressiv fühlte er sich verpflichtet, eine Gegenleistung für die Zuwendungen erbringen. Besagte „Marlene“-Monografie. Dass die durchweg positiv ausfiel – eine verständliche Dankbarkeit an die Gönnerin. Seine sprachliche Brillanz, seinen Geistreichtum stärker in Anschlag zu bringen, das war in der selbst erteilten Auftragsarbeit schier unmöglich. Einmal sprach Polgar von der zu widerstehenden Versuchung, „des trockenen Tones satt, in eine ironische Einstellung zum Thema“ hineinzurutschen. In einem Brief an eine Freundin nennt er sich verächtlich „Psalmodist einer Film-Diva“.

Ähnlich mag es seinerzeit um die Psyche vieler Künstler bestellt gewesen sein, die sich – verfolgt und verfemt - „keinerlei litterär-moralischen Luxus“ (Polgar) mehr erlauben durften. Eine Publikation der Dietrich-Eloge konnte damals nicht zustande kommen. Das kleine Buch, inklusive Weinzierl-Text, berichtet dem Leser heute einiges über Marlene Dietrich, viel mehr über die Zwänge der Zeit.

Alfred Polgar: Marlene. Mit einem Nachwort von Ulrich Weinzierl. Zsolnay Verlag, Wien, 2015. 160 Seiten, 17,90 Euro. ISBN 978 – 3 – 552 – 05721 – 0.

Weiterführende Links

Nordkurier: Samsung Galaxy Tablet ohne Anzahlung