Interview mit Sonja Heiss:

„Man muss überhaupt nicht ängstlich sein, um plötzlich eine Angststörung zu bekommen“

Ihr Hochschulabschlussfilm „Hotel Very Welcome“ hat diverse internationale Preise abgeräumt. Trotzdem musste man acht lange Jahre darauf warten, dass Sonja Heiss nachlegt. Die Geduld hat sich gelohnt: In „Hedi Schneider steckt fest“ zeigt die Filmemacherin auf tragikomische Weise, welche Probleme die seelische Erkrankung eines Familienmitglieds mit sich bringt. Der Film startet am 07. Mai. Hier vorab das Interview zum Werk.

Die Filmemacherin Sonja Heiss bei der Verleihung des Hessischen Film- und Kinopreises 2014 in der Alten Oper, nachdem sie den Preis für den besten Spielfilm überreicht bekam.
Frank Rumpenhorst Die Filmemacherin Sonja Heiss bei der Verleihung des Hessischen Film- und Kinopreises 2014 in der Alten Oper, nachdem sie den Preis für den besten Spielfilm überreicht bekam.

Eine lebenslustige, junge Frau, die mitten im Leben steht, wird plötzlich von diffusen Ängsten in die Knie gezwungen. Dadurch wird auch die sich aufopfernde Familie vor eine schwere Prüfung gestellt. In ihrem zweiten Kinospielfilm nach dem international preisgekrönten Debüt „Hotel Very Welcome“ greift die Filmemacherin Sonja Heiss (38) das immer aktuelle Thema der Panikstörungen und Depressionen auf. Allerdings beweist das Werk der in München geborenen Wahlberlinerin, in dem Schauspielerin Laura Tonke brilliert, auch viel Sinn für skurrilen Humor. Wir sprachen mit Sonja Heiss über die persönlichen Züge der Geschichte, nicht zu verfilmende Seelenqualen und Zukunftspläne.

Frau Heiss, Sie haben selbst Erfahrungen mit einer Angst- und Panikstörung gesammelt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Eigentlich erzähle ich das alles im Film. Der Film ist zwar nicht in dem Sinne autobiografisch, als dass ich Hedi Schneider bin oder mir genau diese Dinge passiert sind. Aber die Erfahrungen, die ich gemacht habe, wurden auf eine bestimmte Art in den Film übertragen. Vor allem im emotionalen Sinne. Dennoch bin ich nicht Hedi Schneider, denn ich wollte einen phantasievollen Film machen. Bleibt man autobiographisch, nimmt man sich beim Schreiben jegliche Möglichkeit, phantasievoll zu sein. Ganz abgesehen davon, dass das eigene Leben im Normalfall nicht die Dramaturgie hat, die in einem Film funktioniert. Ich habe mir allerdings auch aufgrund eigener Erfahrungen viele Gedanken darüber gemacht, wie schwer es für das Umfeld ist, wenn man von so einer Sache betroffen ist. Man ist von einem Moment auf den nächsten ein anderer Mensch. Die Anderen können einfach nicht verstehen, was da in einem vorgeht. Und sie wissen auch nicht, wie sie einem helfen sollen. Bei „Hedi Schneider“ begegnet man den unterschiedlichsten Versuchen, die teilweise auch grandios scheitern. Die Mutter ist zum Beispiel absolut hilflos.

Wie wurden Ihre Ängste ausgelöst?

Darüber möchte ich nicht so gern sprechen, zumal ich es noch nicht einmal hundertprozentig weiß. Oft sind das Dinge, die aufeinander aufbauen. Bei Hedi ist es ja auch nicht so, dass es einen ganz klaren Auslöser gibt, sie beispielsweise etwas wie einen Verkehrsunfall erlebt und danach diese Panikattacken bekommt. Es sind ganz viele, kleine Komponenten, die letztlich zu dem Zusammenbruch führen. Die Angst vor Veränderung, weil sie ihren Mann nach Afrika begleiten wird, das Bedauern, dass sie ihrer Tante nicht „Auf Wiedersehen“ gesagt hat, bevor sie gestorben ist, der Stress in der Arbeit. Vielleicht auch eine gewisse Ziellosigkeit im Leben. Manchen Leuten passiert etwas Schreckliches und sie bekommen Panikattacken. Andere bekommen sie aus scheinbar fast nichtigem Anlass, weil sie zum Beispiel eine Grippe bekommen und sich schwach fühlen. Es gibt da wirklich tausende mögliche Gründe.

War das Schreiben darüber für Sie auch eine Katharsis?

Nein, nicht wirklich. Ich glaube schon, dass ich das auf eine Art von mir weggeschrieben habe. Das war mir aber gar nicht so bewusst. Als der Film dann fertig war, war es wie ein Abschließen dieses Kapitels. Aber es ersetzt auf keinen Fall eine Therapie. Ich würde betroffenen Menschen nicht sagen, dass es reicht, wenn sie darüber schreiben. Man muss sich schon mit einem Therapeuten unterhalten, der sich damit auskennt.

Haben Sie auf dem Gebiet der Angststörungen recherchiert oder nur auf die eigene Erfahrung aufgebaut?

Gerade, weil es die verschiedensten Auslöser gibt, habe ich noch einmal recherchiert. Es gibt auch die unterschiedlichsten Panikattacken und Angststörungen. Die Menschen haben sehr unterschiedliche Ängste und sehr unterschiedliche körperlich Symptome. Ich selbst bin zum Beispiel nie umgefallen, so wie Hedi Schneider. Aber das gibt es. Die einen haben Angst, sie könnten sterben, bei anderen ist es die Angst, sie könnten verrückt werden. Bei manchen sind eher die Atmung und der Herzschlag das Problem, bei anderen wieder ist es dieses Derealisationserleben. Da hat man das Gefühl, man ist verrückt und kein Teil dieser Welt mehr. Als würde die Welt um einen herum verschwimmen oder man würde sich durch einen Film bewegen. Ich habe jedenfalls viele Selbsthilfebücher gelesen und Foren im Internet besucht. Ich habe auch mit zwei Damen vom Berliner St. Hedwig-Krankenhaus gesprochen, einer Psychiaterin und einer Pflegedienstleiterin der Psychiatrischen Abteilung. Das war sehr hilfreich. Ich selbst kenne die Situation ja nur von innen. Da muss man auch mit jemandem sprechen, der sie von außen kennt. Für einen Film ist diese Außenansicht natürlich besonders wichtig. Ich hatte zudem den Wunsch, dass meine Geschichte zwar nicht allgemeingültig, aber durchaus exemplarisch ist. Erzähle ich etwas, das in der Realität tatsächlich sehr oft in dieser Form passiert? Schleicht sich dieser Mechanismus in eine Liebes-Beziehung, ist er logisch? All diese Dinge.

Sie halten den Schrecken einer psychischen Krise für unverfilmbar. Gibt es filmische Beispiele, wo es beinahe gelungen ist?

Ich habe neulich zum ersten Mal „Melancholia“ von Lars von Trier gesehen. Der Film transportiert die Depression von Kirsten Dunsts Figur wirklich extrem gut. Der Schrecken darüber, was mit dieser Frau passiert, ist tatsächlich bei mir angekommen. Trotzdem bin ich nach wie vor der Meinung, dass das GEFÜHL unverfilmbar ist. Am ehesten ist dieser Schrecken vielleicht noch literarisch fassbar, weil man da die Gedanken einer Figur zu Papier bringen kann. Und man kann mit Redundanz spielen. Das Schlimme an einer solchen Störung bzw. Krise ist auch, dass man immer wieder die gleichen Dinge denkt. Die gleichen schrecklichen, unlogischen, dummen Dinge, die man nicht mehr denken möchte. Das Gehirn befindet sich den ganzen Tag über in einem Widerstreit. Warum denke ich das jetzt? Ich will das nicht denken! Und dann denkt das Gehirn es schon wieder. Literarisch ließe sich das fassen, diese ewige Wiederholung. Aber wie soll das filmisch funktionieren? Deshalb liegt bei „Hedi Schneider“ der Fokus auf der Liebesgeschichte. Es geht nicht in erster Linie darum, wie es sich anfühlt, sondern welche Auswirkungen es auf ein Familienleben und eine Liebe hat. Auf die eigene Zukunft, letztendlich.

Der Zuschauer lernt Hedi als einen sehr humorvollen, lebensfrohen Menschen kennen, der in einer glücklichen Familie verankert ist. War Ihnen diese Fallhöhe besonders wichtig?

Ja, ganz wichtig. Ich wollte zeigen, dass man kein melancholischer, nachdenklicher oder per se schon ängstlicher Mensch sein muss, damit einem so etwas passiert. Man muss überhaupt nicht ängstlich sein, um plötzlich eine Angststörung zu bekommen. Das ist ja gerade das Paradoxe. Reale Ängste haben gar nicht so viel damit zu tun. Die meisten Ängste bei einer Angst- oder Panikstörung sind völlig irreal, sehr realitätsfern und übertrieben. Menschen, die vorher ohne Angst Weltreisen gemacht haben oder Motorrad gefahren sind, haben plötzlich Angst davor, ins Café um die Ecke zu gehen und sich einen Kaffee zu bestellen. Es wird zu einer Herausforderung, die sich absolut nicht überwinden lässt.

Was prädestinierte Laura Tonke für die Rolle der Hedi?

Laura kann etwas, was nur sehr wenige Schauspielerinnen können. Sie beherrscht die Komik, hat das richtige Timing und kann den trockenen Humor transportieren, den ich aufgeschrieben habe. Wenn sie die dramatischen Momente spielt, in denen es Hedi schlecht geht, hatte ich zudem nie das Gefühl, dass sie mir etwas vorspielt. Ich fühle das wirklich mit ihr. Laura ist eine Schauspielerin, die sich wahnsinnig öffnet und in die Dinge hineinstürzt. Sie gibt alles, deshalb haben sie die Dreharbeiten teilweise auch richtig ausgelaugt. Das war nicht immer durch Technik erarbeitet, sie ist mit ihrem ganzen Sein da hineingegangen.

Hedis Mann Uli stürzt sich in einen One-Night-Stand, der wie ein Ventil ist. Nimmt er damit nicht bewusst in Kauf, dass er seiner Frau den Todesstoß versetzen könnte?

Er ist an einem Punkt, an dem er mal an sich denkt. Und man kann es ihm fast nicht verübeln. Es ging seit einem halben Jahr kein bisschen mehr um ihn. Er hat seinen Traum aufgegeben, nach Afrika auszuwandern. Und keinen interessiert es. Er ist nur noch da, um für die Anderen zu funktionieren. In diesem Moment denkt er überhaupt nicht darüber nach, sondern er tut einfach, worauf er Lust hat. Holt sich, was er in diesem Moment braucht. Bestätigung und Interesse an seiner Person zum Beispiel.

Krankheiten der Psyche und der Seele sind immer noch tabubehaftet. Warum ist der Gang zum Psychiater hierzulande noch unangenehm, während er anderswo Alltag ist?

In den USA ist das auf jeden Fall normaler und die Leute reden offener darüber. Aber es hat sich auch hier schon entwickelt, es ist in einer Veränderung begriffen. Es gibt noch einen großen Unterschied, ob man sich mitten in der Großstadt befindet oder im kleinstädtischen Milieu. Es gibt schon Ecken, wo beinahe jeder à la New York einen Therapeuten hat. Aber insgesamt sehe ich die komplette Offenheit noch nicht. Es traut sich noch nicht jeder zuzugeben und offen darüber zu sprechen, wenn es ihm schlecht geht. Es ist schon noch irgendwie ein Tabu.

Ihr Hochschulabschlussfilm „Hotel Very Welcome“ war sehr erfolgreich. Warum hat es fast acht Jahre gedauert, bis Sie nachlegen?

Zum einen habe ich zwischendurch ein Kind bekommen. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Ich habe das Buch „Das Glück geht aus“ geschrieben, das 2011 herausgekommen ist. Außerdem habe ich das Drehbuch zu „Hedi Schneider“ verfasst, das dauert ja auch eine Weile. Und es dauert, bis ein Film finanziert und gedreht ist. Dabei vergehen verrückterweise Jahre. Aber wie schnell, das hat mich selbst sehr gewundert.

Sie haben zunächst eine Werbelaufbahn eingeschlagen?

Ja, aber die habe ich inzwischen an den Nagel gehängt. Mit der Werbung habe ich aufgehört, als ich den Verlag für mein erstes Buch gefunden hatte. Es wurde zu viel: junge Mutter, Drehbuch, Buch. Da war die Werbung zu viel der Berufe.

Heute schreiben Sie auch literarisch. Warum empfinden Sie dieses Schreiben als freier, wie Sie einmal sagten?

Es gibt viele Faktoren, die das freier machen. Man befindet sich nicht in diesem dramaturgischen Rahmen. Man kann in den Zeiten springen, wie man möchte und man kann in den Kopf der Figur hineingehen. Sie kann sich erinnern, fühlen, beobachten und denken. All das kann man bei einem Drehbuch ja nicht aufschreiben. Man muss alles, was man erzählen möchte, in eine Handlung übersetzen. Es muss immer etwas passieren, das man filmisch abbilden kann. Das macht es zum Teil irre kompliziert. Und dann kommt natürlich noch hinzu, dass man beim Filmemachen wahnsinnig viel Geld braucht. Man kann seinen Ideen nicht freien Lauf lassen, weil man es am Ende gar nicht finanzieren kann. Wenn ich Literatur schreibe, kann ich plötzlich 150 Jahre zurückspringen, wenn ich das möchte. Ich kann in ein weit entferntes Land reisen, ohne darüber nachzudenken, ob man einen Koproduzenten in Papua-Neuguinea finden würde. 

Ist Ihr erster Roman, an dem Sie derzeit arbeiten, auch als Filmstoff geeignet?

Ich weiß es noch nicht so genau. Auf jeden Fall darf ich nicht mit diesem Gedanken im Hinterkopf schreiben. Das wäre nicht gut für das Buch, es würde dem Ganzen ja wieder diese wunderbare Freiheit nehmen. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass man es später adaptieren könnte. Man muss ja eh immer alles eindampfen, wenn man einen Roman verfilmt. Es könnte aber gut sein, dass ich mir sage, jetzt habe ich diese Geschichte schon erzählt, wenn ich mit dem Roman fertig bin. Vielleicht will ich dann etwas Neues erzählen und keinen Film daraus machen. Wobei es natürlich Zeit sparend wäre und nicht wieder sieben Jahre vergingen, bis ein Film fertig ist.

Sind Sie ein glücklicher Mensch?

(lacht) Wer ist denn schon ein glücklicher Mensch? Das Glück ist ja kein Dauerzustand. Aber ich bin ganz zufrieden. Manchmal. Und manchmal auch gar nicht. Wie jeder wahrscheinlich. Aber ich würde sagen, dass ich in meinem Leben relativ viel Glück gehabt habe. Und wenn man mal so eine Krise erlebt und überwunden hat, dann stärkt einen das auch. Man kann danach sogar glücklicher werden als vorher, weil man sich nicht mehr so über die Kleinigkeiten im Leben aufregt. Weil man auf eine Art gelassener und demütiger wird.

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