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Mauerfall als tragische Komödie – geht das?

Es war eine Nacht, die das Leben der Deutschen veränderte. Nun wagte sich ein Produktionsteam an die Verfilmung dieses historischen Ereignisses –aus einer ungewöhnlichen Sichtweise.

Charly Hübner spielt eine DDR-Grenzer, der am 9. November 1989 an der Bornholmer Straße den Schlagbaum öffnete.
Jens Wolf Charly Hübner spielt eine DDR-Grenzer, der am 9. November 1989 an der Bornholmer Straße den Schlagbaum öffnete.

Vielleicht war es Vorsehung, vielleicht auch nur der Dienstplan: Der DDR-Grenzer Harald Jäger war der Mann, der am 9. November 1989 an der Bornholmer Straße in Berlin den Schlagbaum öffnete. Eine historische Nacht. Die Bilder vom Mauerfall und den Deutschen aus Ost und West, die sich weinend in den Armen lagen, gingen um die Welt. 25 Jahre später sind schon viele Geschichten erzählt. Ein Kapitel noch nicht: „Bornholmer Straße“, am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten, erzählt die Sicht der Grenzer als Tragikomödie. Danach gibt es eine Doku über die Mauerfallnacht.

Christian Schwochow, der nicht nur mit der Bestsellerverfilmung „Der Turm“ oder „Novemberkind“ ein Händchen für DDR-Stoffe zeigte, hat Harald Jägers Geschichte frei verfilmt. „Es ist Zeit für eine andere Perspektive“, sagt Schwochow (36). Als die Mauer fiel, war er elf Jahre alt und schlief, während seine Eltern Rainer und Heide bis vier Uhr morgens durch den Westen Berlins zogen. Schwochows Eltern schrieben das Drehbuch. In der Hauptrolle: ein preisverdächtiger Charly Hübner („Polizeiruf 110“) als Grenzöffner, der im Film Schäfer heißt.

Film hat eine hochkarätige Besetzung

Das Ensemble ist bis in die Nebenrollen hinein hochkarätig besetzt: Ulrich Matthes, Milan Peschel, Ursula Werner, Rainer Bock, Margit Bendokat, Frederick Lau, Ludwig Trepte und Jasna Fritzi Bauer sind dabei. Gedreht wurde die Ufa Fiction-Produktion unter anderem in Wanzleben bei Magdeburg, nachts, mit mehr als 1500 Komparsen und vielen 1980er-Jahre-Kostümen.

„Bornholmer Straße“ beginnt wie eine Klamotte. Schäfer sitzt mit Bauchgrollen auf dem Klo. Dann Aufregung bei den Grenzern: „unerlaubter Grenzübertritt eines Hundes“. Das Hündchen wird eingefangen. Als Schäfer bei Kaffee und Käsebrötchen in der Kantine sitzt, hört er die verschwurbelten Worte von Günter Schabowski bei der Pressekonferenz. Privatreisen sind „sofort, unverzüglich“ möglich. „Was redet denn der für einen geistigen Dünnschiss?“, mault Schäfer. Die Grenzer sind ratlos. Was soll das bedeuten?

Im Laufe des Abends schwillt die Menge vor dem Grenzposten immer mehr an. Die „Macht das Tor auf!“-Rufe werden lauter. Schäfers Vorgesetzter Oberst Kummer (Matthes) flüchtet sich in den Cognac. Schäfers Magengrimmen wird von einem afrikanischen Diplomaten durch Handauflegen geheilt. Seine Kollegen erwarten eine Entscheidung, draußen stehen die Westreporter. Dramen spielen sich vor dem Schlagbaum ab. Schließlich ist es eine Mutter (Ursula Werner), die ihre Tochter im Westen sehen will, die Schäfers Herz endgültig erweicht.

Mischung erzeugt Lacher, Spannung und Gänsehaut

Der Film hat es nicht leicht, die Spannung zu halten, da der Ausgang schon klar ist. Aber mit tollen Schauspielern, zwischen Komödie, Klamotte, Zeitgeschichte und Gänsehaut, gelingt es ihm, das Thema neu zu erzählen. Und Schüler können lernen: Was hatte es mit der „Ventillösung“ auf sich? Und wie war die Stimmung in jenen Novembertagen?

Es ist vielleicht ein Wagnis, die Mauerfallnacht aus der Sicht der Grenzer zu erzählen. Zumal es Deutsche gibt, die an der Mauer geliebte Menschen verloren haben. Die Grenzer kommen im Film mal als überzeugte Genossen, mal als schrullige Trottel und Muttersöhnchen daher. Nach dem Motto: Das waren auch nur Kollegen, die sich gegenseitig die Kekse klauten.

Wenn die Gratwanderung gelingt und der Film beim TV-Publikum ankommt, könnte es auch daran liegen, dass neben dem Regisseur und den Autoren viele der Schauspieler ostdeutsche Wurzeln haben. Es sind also nicht die Wessis, die hier die Deutungshoheit über DDR-Geschichte haben.

Bei Filmfest mit Standing Ovations gefeiert

Jäger, der die historische Entscheidung traf, war nach 1990 erst arbeitslos. Später hatte er einen kleinen Zeitschriftenladen und war bis zu seiner Rente bei einem Wachschutzunternehmen beschäftigt, wie beim MDR zu lesen ist. Der Sender hatte die Federführung bei dem Film, an dem auch RBB und ARD Degeto beteiligt waren. Beim Filmfest München wurde der Grenzöffner vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert, wie Produzent Nico Hofmann erzählt.

Es scheint ein Trend zu sein. „Bornholmer Straße“ ist nach „Der Turm“ und der Serie „Weissensee“ wieder TV-Unterhaltung mit DDR-Zeitgeschichte. Interessant wird der Blick ins Jahr 2015: Was werden die Fernsehmacher zu 25 Jahren Wiedervereinigung ausgraben?

„Bornholmer Straße“ läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten. Um 21.45 Uhr folgt die Dokumentation „Die Nacht des Mauerfalls“.