Interview mit Schauspieler Alexander Fehling:

"Mein Opa hat sich geschämt, Deutscher zu sein"

In „Im Labyrinth des Schweigens" verkörpert Alexander Fehling einen jungen Staatsanwalt, der sich Ende der 1950er-Jahre dafür einsetzt, Kriegsverbrecher ausfindig zu machen und einer gerechten Strafe zuzuführen. Wir haben den Schauspieler zum Gespräch über den Film getroffen.

Schauspieler Alexander Fehling
Jörg Carstensen Schauspieler Alexander Fehling.

Herr Fehling, Sie haben sich schon einmal intensiv mit dem Thema Auschwitz auseinandergesetzt. Konnten Sie nun von diesen Erfahrungen profitieren?

Das ist schwer zu sagen, denn es ist wirklich schon eine Weile her. Diesmal gehörte es zu meiner Aufgabe, dass meine Figur am Anfang noch gar nicht so viel weiß. Ich musste eine Perspektive einnehmen, in der dem Wort „Auschwitz“ eine ganz andere Bedeutung zukommt. Wenn ich diesen Begriff heute benutze, so wie in „Am Ende kommen Touristen“, dann ist er der Inbegriff des Holocaust und mit unzähligen Bildern verbunden. Die Figur, die ich jetzt gespielt habe, hat diese konkrete Vorstellung überhaupt nicht. So führt der Film ja an das Thema heran. Auf der anderen Seite muss ich als Schauspieler natürlich viel über die Hintergründe wissen. Es muss immer klar sein, was wir erzählen wollen. Deshalb musste ich wieder sehr viel lernen und dabei habe ich gemerkt, was ich alles nicht weiß. Dass ich mich für einen anderen Film schon einmal mit diesen Dingen auseinandergesetzt habe, kam mir dabei sicher zugute.

Welche Fakten haben Sie bei Ihrer Recherche besonders überrascht?

Den Namen Fritz Bauer hatte ich noch nie gehört. Auch der Frankfurter Auschwitz-Prozess war mir unbekannt. Man denkt in diesem Zusammenhang immer nur an die Nürnberger Prozesse. Was mich aus heutiger Sicht völlig überrascht hat, war die Tatsache, dass es so lange brauchte, bis dieses Land überhaupt einmal angefangen hat, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ich hätte nie gedacht, dass das so wenig selbstverständlich war. Vierzehn Jahre nach dem Krieg hatten viele Menschen in Deutschland nur eine vage Vorstellung davon, was in Auschwitz passiert ist. Andere hatten noch nie davon gehört. Ich dachte, dass das doch gar nicht sein kann. Aber je mehr ich mich mit dieser Zeit beschäftigt habe, umso klarer wurde dieses Bild. Diese Erkenntnis war ziemlich schockierend.

Wie haben Sie die Begegnung mit dem echten Ermittler Gerhard Wiese erlebt?

Das war natürlich hoch interessant. Gerhard Wiese ist ein sehr beeindruckender Mann fortgeschrittenen Alters. Er war wahnsinnig freundlich und offen. Ich habe ihm wohl ziemlich blöde Fragen gestellt. In der Rückschau sieht alles immer so heldenhaft aus. Für ihn ist es einfach ein Teil seines Lebens. Er war damals dreißig Jahre alt. Ich habe ihn gefragt, wie sein Alltag ausgesehen und wie sehr ihn das mitgenommen hat. Wie war es, abends nach Hause zu kommen? Wie ist die Familie damit klargekommen? Gab es schlaflose Nächte? Er sagte daraufhin: „Wir sind einfach zur Arbeit gegangen.“. Diese Konzentration auf den eigentlichen Vorgang fand ich sehr interessant. Ihnen war gar nicht klar, dass sie etwas Historisches leisten werden. Jetzt haben wir einen Film darüber gemacht. Als Schauspieler sucht man ja immer irgendwie die Nadel im Heuhaufen, einen lebendigen Eindruck von etwas eigentlich Fremden. Diese Aussage hat mir sehr geholfen. Sie zeigt die Normalität, in der diese Männer gelebt haben, auch wenn sie tagtäglich mit diesen grauenvollen Geschichten konfrontiert wurden.    

Hatten Sie die Gelegenheit, mit Ihren Großeltern über die Zeit des Faschismus zu sprechen?

Natürlich habe ich auch mit meinen Großeltern darüber geredet. Ich stelle auch immer wieder fest, dass die Zeitzeugen inzwischen darüber reden wollen. Früher war das vielleicht anders. Meine Großeltern waren Ende der 1950er-Jahre wahrscheinlich noch zu jung, um sie bewusst politisch mitzuerleben. Mein Opa hat als kleiner Junge die Bilder von deutschen Fliegerassen gesammelt, sie waren seine Helden. Als er später mitbekommen hat, was da so alles passiert ist, hat er sich geschämt, ein Deutscher zu sein.   

Was für Fragen wurden bei der Filmpremiere in Toronto gestellt?

Es war sehr bewegend, weil die Menschen wirklich gepackt waren und sich teilweise sogar für den Film bedankt haben. Es gab ein Paar dort, dessen Großeltern in Auschwitz gestorben sind. Sie haben bisher nicht gewusst, wie dieses Land, das die Schuld daran trug, im Nachhinein damit umgegangen ist. Andere wieder haben gesagt, dass das alles nicht zu fassen ist. Im Prinzip stellte man all die Fragen, die wir uns auch hier stellen.      

Der Film vermittelt nebenbei auch einen schönen Eindruck vom Frauenbild der 50er.

Wir haben versucht, auf jedes Detail unser Augenmerk zu richten, sowohl beim Thema als auch bei der Reise der Figur. Dazu gehören auch die Kostüme und die Bewegungen jener Zeit, die Musik und natürlich auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau. 

Teilen Sie mit Ihrer Filmfigur den Wesenszug, dass Sie sagen: „Jetzt erst recht!“, wenn alle abraten?

Ich habe es gar nicht so empfunden, dass die Figur sagt „Jetzt erst recht!“, weil die anderen dagegen sind. Es ist weniger eine Auflehnung als ein Fiebern für etwas. Johann Radmann hat sich mit dem Thema infiziert. Was mich selbst anbetrifft, ist das schwer zu sagen. Im Beruflichen lasse ich mich nicht aufhalten, wenn ich der Meinung bin, dass eine Entscheidung richtig ist. Auch wenn es vielleicht der anstrengendere Weg ist. Ich lasse mich aber auch gern vom Gegenteil überzeugen, ich hole mir Rat und höre auf die Menschen, denen ich vertraue. Ich kann aber in dem, was ich tue, relativ unbedingt sein.

Wie bewahrt man seinen Optimismus, wenn man in den Nachrichten auch heute noch damit konfrontiert wird, was Menschen anderen Menschen antun können?

Wir im Deutschland von heute leben doch im Paradies. Wir gehören nicht zu jenen Teilen der Welt, die tatsächlich Grund haben, den Optimismus zu verlieren. Die schrecklichen Nachrichtenbilder sind weit weg von uns, das ist sicher auch ein Problem. Das Grausame liegt offensichtlich ebenso in der menschlichen Natur wie das Gute. Ich fände es aber vermessen, hier zu sitzen, traurig zu sein und den Optimismus zu verlieren, wo es uns doch so gut geht.   

Aktuelle Umfragen zeigen, dass die Zahl der Jugendlichen stetig zunimmt, die mit dem Begriff „Auschwitz“ nichts mehr anfangen können. Wird der Film auch ein jugendliches Publikum erreichen?

Das hoffe ich. Die Frage ist, wie man „jugendliches Publikum“ definiert. Es wird bestimmt nicht ganz leicht werden, 13-jährige zu erreichen. Wir arbeiten intensiv mit Schulen und Schul-Kinowochen zusammen. Ich habe neulich mit einer Lehrerin gesprochen, die sagte, dass ihre 10. Klasse wahnsinnig interessiert sei. Man kann das schwer einschätzen. Ich hoffe, der Film ist keine bloße historische Lehrstunde geworden. Er soll uns auch an einem Zipfel unterhalten und packen, den wir selbst kennen, der mit unserem Empfinden und unserem eigenen Tun zusammenhängt. Dass sich neue Generationen zunehmend weniger mit diesen Themen auseinandersetzen, ist der Gang der Dinge. Das heißt aber nicht, dass wir nicht versuchen sollten, diesen Gang aufzuhalten, ihn zu formen und zu verändern.       

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