"Sie war die schönste Frau, die ich jemals gesehen hatte":

Mr. Morgan´s Last Love - Ein Gespräch mit Sir Michael Caine

Der britische Schauspieler Sir Michael Caine hat Filmgeschichte geschrieben. In beinahe sechs Jahrzehnten vor der Kamera hat der 80-jährige in zahlreichen Filmklassikern mitgewirkt. In „Mr. Morgan´s Last Love“ spielt Michael Caine einen Amerikaner in Paris, der nach dem Tod seiner Gattin durch die Bekanntschaft mit einer jungen Frau neuen Lebensmut schöpft.

Michael Caine.
Senator Filmverleih Michael Caine.

Sir Michael, hat sich das Gefühl der Liebe für Sie im Laufe der Jahre verändert?

Es hat sich nicht sehr gewandelt. Ich bin in einer wirklich sehr armen Familie aufgewachsen. Aber ich habe mich nie ungeliebt gefühlt. Ich war niemals hungrig, schmutzig und ich habe nie gefroren. Für mich war Familie eine große Sache und sie ist es nach wie vor. Heute bin ich Großvater und habe drei Enkelkinder. Die Familie ist der Mittelpunkt meines Lebens. Meine Frau begleitet mich auf allen Reisen, egal, an was für unwirtliche Orte es mich verschlägt. Nur aus Alaska ist sie vorzeitig abgereist.

Mr. Morgan hat den Draht zu seinen Kindern verloren. Gab es in Ihrem Leben als Filmstar Zeiten, in denen diese Gefahr ebenfalls bestand?

Nein. Ich habe zwei Töchter. Ich hatte in einem sehr jungen Alter eine Schauspielerin geheiratet und wurde wieder geschieden. Meine ältere Tochter ist das Produkt dieser Verbindung, meine jüngere entstammt meiner Ehe mit Shakira, mit der ich jetzt seit 42 Jahren verheiratet bin. Ich habe sie getroffen, als ich 38 war. Ich hatte sie im Fernsehen gesehen. Sie war Model und hat in einem Werbespot für „Maxwell House Coffee“ mitgespielt. Ich sah dieses Mädchen und beschloss, dass wir füreinander bestimmt waren. Sie war die schönste Frau, die ich jemals gesehen hatte. Ich hatte das Glück, mein Leben mit schönen Frauen zu verbringen. Das war einer der Gründe, warum ich Schauspieler geworden bin. Einer muss es ja machen - die schönsten Frauen der Welt küssen, sich mit ihnen im Bett herumzuwälzen. Ich dachte mir, nach einem solchen Drehtag müsste schon jemand sehr Spezielles zu Hause auf mich warten.

Wie nah ist Mr. Morgan Ihrer eigenen Persönlichkeit?

Er ist mir persönlich so fern, wie es nur möglich ist. Mein eigener Hintergrund liegt in der Arbeiterklasse, ich bin der Sohn eines Fischmarkt-Arbeiters und eines Zimmermädchens.
Was mich an Mr. Morgan so angezogen hat? Ich selbst bin mein schlimmster Kritiker. Ich möchte mich immer so weit wie möglich austesten. Wenn mir jemand ein Drehbuch gibt, in dem ich den Ur-Londoner Haudegen mimen soll, lehne ich das ab. Das bin ich schließlich selbst. Mr. Morgan ist ein Philosophie-Professor aus Princeton, ein Amerikaner mit entsprechendem Akzent. Es war eine schwierige Aufgabe, das Publikum zu überzeugen. Dieses Risiko nehme ich bei jedem Film in Kauf. Ich mache Filme nicht, um die Miete bezahlen zu können. Es müssen auch nicht mehr die großen, teuren Filme sein – dieser hier wurde für sechs Mark gedreht. Es war faszinierend, das auszuprobieren.

In Ihrem Film überzeugen Sie mit minimaler Gestik und Mimik. Können Sie diese Arbeit beschreiben?

Man fühlt es. Wenn man etwas fühlt, dann weiß man nicht, was gerade mit dem eigenen Gesicht geschieht. Ich ziehe keine Grimasse, um Sie im Publikum zu beeindrucken und sie davon zu überzeugen, wie wundervoll ich bin. Mein Gesichtsausdruck passiert einfach. Ich habe neun Jahre lang auf der Bühne gestanden, bevor ich gelernt habe, vor der Kamera zu arbeiten. Die Schauspielerei im Film besteht aus Verhalten, aus Zuhören und Reagieren. Im Theater haben die Leute im Publikum Geld dafür bezahlt, dich zu hören. Wenn man flüstert, dann mit maximaler Lautstärke. Die Kamera hingegen kann jedes kleine Detail einfangen. Man spielt für sie.

Wie kommen Sie auf Ansage in die richtige Gefühlsstimmung?

Das bringt die Erfahrung mit sich. Ich habe eine Menge Filme gemacht und komme heute augenblicklich in die richtige Stimmung. Wer mit mir gearbeitet hat, wird Ihnen bestätigen, dass ich es am Set gern humorvoll mag. Selbst wenn wir eine schreckliche Szene drehen, in der ich meine Frau verloren habe, wird vorher gelacht. Und dann schalte ich sehr schnell um. Das ist der beste Weg, es zu tun. Ich bin ein Stanislawski-Schauspieler. Von ihm stammt der Spruch: „Die Probe ist die Arbeit. Die eigentliche Vorstellung ist die Entspannung.“ Wenn ich spiele, habe ich Spaß, selbst wenn ich einen Sterbenden darstelle. Wenn man das lange genug macht, wird es einem zur zweiten Natur.

Setzen Sie sich mit dem Tod und dem Sterben auseinander? 

Nein, das bereitet mir kein Kopfzerbrechen. Das Altwerden geht schon in Ordnung, wenn man die Alternative in Betracht bezieht. Ich war 38 Jahre alt, als ich geheiratet habe und bin es dann zwanzig Jahre lang geblieben. Dann wurde ich 65 und bin es bis heute geblieben. Auch wenn ich eigentlich 80 Lenze zähle. So sehe ich das. Ich habe ein sehr erfülltes, glückliches Leben. Natürlich gehen manche Dinge schief, das ist bei uns allen so. Ich habe eine großartige Familie und keine Geldsorgen. Es ist gut so. Ich nehme keinen Job an, wenn ich es nicht wirklich möchte. Wenn man 80 Jahre alt ist, bekommt man nicht mehr viele Hauptrollen angeboten.

Es gab eine Zeit, in der Sie viele Heldenrollen gespielt haben.

Oh ja, ich habe ewig lange die Helden gespielt. Und dann hat man mir ein Drehbuch angeboten, das ich an die Produzenten zurückgeschickt habe, weil mir die Rolle zu klein war. Ich bekam die Antwort: „Sie sollten nicht den Liebhaber lesen, Sie sollten den Vater lesen!“. Diese Erfahrung hätte mich beinahe zu bewogen, dem Geschäft den Rücken zu kehren. Aber es kam anders. Ich bin sehr eng mit Jack Nicholson befreundet. Er drehte einen neuen Film und meinte, ich solle mitspielen (Anm.: „Blood and Wine“, 1996). Er hat mich überredet und wir hatten eine tolle Zeit. Jack ist nicht nur ein fabulöser Schauspieler, er ist eines der besten menschlichen Wesen, die man kennenlernen kann. Später gewann ich den Oscar für „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ und habe wieder Blut geleckt.

Wie hat Nicholson Ihr Interesse an der Schauspielerei wieder geweckt?

Einfach durch die gemeinsame Arbeit. Wir haben mit einem jungen Mädchen namens Jennifer Lopez gearbeitet, sie war wundervoll. Der Film hat nicht funktioniert. Nicht, weil er schlecht war, sondern weil es keine Figur gab, mit der man mitgefiebert hätte. Man konnte sich mit niemandem identifizieren.

Sandra Nettelbeck hat verraten, dass Sie das Drehbuch zu „Mr. Morgan´s Last Love“ zum Weinen gebracht hat. Welche Stelle im Besonderen?   

Das stimmt, ja. Besonders gegen Ende musste ich das Lesen immer wieder unterbrechen, weil mir Tränen in die Augen traten und ich die Seiten nicht mehr erkennen konnte. Wenn mir das schon beim Lesen passiert, dann ist es eine große Aufgabe, dieses Gefühl auch auf die Leinwand zu bringen. Ich empfand großes Mitgefühl für diesen Mann, der seinem Leben ein Ende setzen möchte, um mit seiner toten Frau wiedervereinigt zu werden. Ich selbst bin in der glücklichen Lage, dass meine Frau viel länger leben wird als ich, sie ist schließlich viel jünger.