Buch-Kritik:

Outlaws und Aliens in Nordkalifornien

In seinem neuen Roman „Hart auf hart“ erzählt US-Autor T. C. Boyle von einem Schizo mit Knarre, dessen Vater, der mit bloßen Händen tötet, und einer widerständigen Geliebten. Waffengewalt, Mord und Ausländerhass sind die Themen dieses „Riesen-Bestsellers“.

Neu bei Hanser Literaturverlage erschienen: Hart auf hart von T.C. Boyle.
Verlag Neu beim Carl Hanser Verlag erschienen: Hart auf hart von T.C. Boyle.

Falsche Bescheidenheit lässt sich diesem Autor nicht vorwerfen. Einen „Riesen-Bestseller“ kündigt Thomas Coraghessan Boyle (66), Amerikas beängstigend produktiver Star, per Video-Botschaft seinem Lesevolk an. Bei „Hart auf hart“ handele es sich um einen „packenden literarischen Thriller“, legt er nach und setzt per Pumpgun-Klicken ein Ausrufezeichen. Wer wagte da eine eigene Meinung!

Dass bei dem – auch ob solcher Auftritte – kultigen Romancier Sarkasmus im Spiel ist, weiß der gemeine T.-C.-Boyle-Fan. Aber ebenso, wie ernst es ihm sein kann. Waffengewalt, Mord, Ausländerhass nennt er tagesaktuelle US-Themen, denen er in seinem neuen Roman auf den Grund gehe.

Alt-Patriot mit Psycho-Sohn

Drei Protagonisten. Sten Stensen, ein dekorierter Vietnam-Kriegsveteran und pensionierter Schuldirektor, hat Hände wie Baseballhandschuhe. Mit selbigen bringt der Nordkalifornier bei einem Urlaubstrip in Costa Rica einen Mann um, der zu einem Entführer-Trio gehört, und wird dafür daheim als Held gefeiert. Er könnte sein beschauliches Rentnerdasein fortsetzten - wenn Sohn Adam nicht so ein Psycho wäre. Zudem wächst in ihm ein Wutbürger um die Frage: Was treiben diese Mexikaner im Redwood-Nationalpark? Stensen ist Alt-Patriot: „Dies war Amerika, dies war seine Heimat, wo er geboren und aufgewachsen war, und nicht irgendein Scheißloch in irgendeinem Dschungel.“

Antiautoritäre Pferdefußpflegerin

Sara Hovarty Jennings, 40, geschieden, Pferdefußpflegerin, gehört einer antiautoritären Bewegung an. Staat, Steuern, Gesetze – all das lehnt Sara ab. Sie meint, die Regierung stelle Geburtsscheine nur aus, „damit sie jedes geborene Kind als Sicherheit für die Kredite verpfänden konnte“. An allen Ecken sieht sie „eine kilometerlange Liste von Verboten“. Sie „hatte keinen Vertrag mit dem Staat Kalifornien“ gemacht und also wolle sie nicht „Sklavin dieser Betrüger-Gesellschaft“ und Blutsauger-Bürokratie sein. Ihre Alltagserfahrungen: Erwartbar schwierig.

Dass vor Saras Auto mit besagtem Stensen-Sohn Adam ein völlig durchgeknallter Typ den Daumen in den Scheinwerferkegel hält, bringt die ohnehin handlungsüppige Story noch schärfer in Fahrt. Ein Schizo aus dem Psychiater-Lehrbuch. Gern mit Nachtsichtbrille unterwegs, permanent bedröhnt und Knarre am Mann. Adam beherrscht eine Paranoia im Hinblick auf eine gründliche Big-Brother-Überwachung. Überall Feinde, die er Aliens nennt. Dass Adam beim bloßen Anblick eines Streifenwagens ausrastet, macht ihn für Outlaw Sara sexy, zumal er - anderthalb Jahrzehnte jünger - ein nimmermüder Lover ist („überall hart“).

Adam will ein Waldläufer sein. Das rein organische Dasein in der Naturfreiheit hat indes Tücken. Sein Geständnis: „Ich habe die Scheißerei.“ Als sich der Roman für Satire zu entscheiden scheint, beginnt Adam Männer zu erschießen. Und eine gnadenlose Hatz legt los.

Kosmos der Außenseiter ohne Wertung

T. C. Boyle loggt sich in den Kosmos der Außenseiter ein, verkneift sich weitgehend Wertung. Er nimmt Anleihen an deren schroffer, überdrehter Sprache und lässt teilhaben an der bisweilen auch erfolglosen Suche nach der treffenden Übersetzung von Gedanken und Gefühlen. Erzählerischer Mumm und ein strategisch cleveres Wechselspiel zwischen den drei kruden Figuren erzeugen einen boyleschen Sound mit einiger Sogwirkung.

Totaler Frust, blinder Zorn, der Killer gebiert. Schonungslos beschreibt Boyle die dunkle Seite der US-Zustände, eine Gesellschaft, innerlich zerrissenen und an sich zweifelnd. Mit diesem kompromissfreien Psychogramm erweist er sich als ein zumindest nicht unwichtiger Provokateur der Gegenwartsliteratur. Die Realität schützt ihn vor dem Vorwurf des Dramatisierens: Die Adam-Story basiert auf einer wahren Geschichte. 

Gewalt-Gene?

Über die Gründe moderner Barbarei zu grübeln, überlässt Boyle weitgehend seinen Lesern. Er selbst begnügt sich eher mit „Flachwurzler“. Stensen redet vage von Gewalt-Genen, die „weitergereicht worden waren. Reine Biologie". Und dem Text vorangestellt ist ein Zitat von D. H. Lawrence, wonach die amerikanische Seele ihrem Wesen nach ein Mörder sei. Eine Fragwürdigkeit statt einer Erklärung.

T. C. Boyle: Hart auf hart. Carl Hanser Verlag, München, 2015. 400 Seiten, 22,90 Euro. ISBN 978 – 3 – 446 – 24737 – 6.

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